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    Trolls
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Trolls
    Von Sidney Schering

    In Hollywood ist eine Ära zu Ende gegangen: Produzentenlegende Jeffrey Katzenberg, der bisherige CEO von DreamWorks („Shrek“), hat die von ihm mitgegründete Animationsschmiede verlassen. Immerhin hat er zum Abschied aber noch einmal für immense Merchandise-Möglichkeiten gesorgt: Im April 2013 erwarb er nämlich die Rechte an den ikonischen „Trolls“-Püppchen mit ihren hochstehenden Haaren. Seither hat DreamWorks die weltweite Lizenz zum Verkauf der Trolls – abgesehen von Skandinavien, wo Thomas Dam die kultigen Spielzeuge einst erfand. Nun erhält das neonfarbene Fantasie-Völkchen werbewirksam einen eigenen Kinofilm: Ein Hit beim jungen Zielpublikum - und schon wären die seit einigen Jahren andauernden Finanzprobleme von DreamWorks angesichts der potentiellen Einnahmen durch Spielzeugverkäufe ein Stück weit geschmälert. Allerdings ist fraglich, ob sich Katzenbergs Vermächtnis wirklich als solch ein Befreiungsschlag für das Studio erweisen wird, denn selbst wenn Regisseur Mike Mitchell in „Trolls“ eine bildhübsche Trickfilmwelt erschafft, gelingt es ihm nicht, mit den Figuren oder der Story seiner Musical-Komödie ähnlich zu begeistern. So gerät der Besuch des kunterbunten Fabeluniversums zwischenzeitlich zur regelrechten Geduldsprobe.

    Seit die Trolls vor 20 Jahren den grantigen Bergens entflohen sind, ist das Leben für sie eine einziges Zuckerschlecken: In ihrem Waldversteck kuscheln sie miteinander, singen, tanzen und schmeißen gewaltige Feste. Die größte Partygeberin von allen ist Prinzessin Poppy (Stimme im Original: Anna Kendrick; deutsche Fassung: Lena Meyer-Landrut). Ihr sonniges Gemüt wird nur dann für kurze Zeit getrübt, wenn der ständig miesgelaunte, noch immer Angst vor den Bergens schürende Branch (Justin Timberlake / Mark Forster) ihre Feierpläne schlechtredet oder mal wieder eine Einladung ablehnt. Aber auch ohne Branchs Beisein veranstaltet Poppy zum Jubiläum der Befreiung von den Bergens die lauteste, farbintensivste und wildeste Party der Trolls-Geschichte, die jedoch auch eine in Ungnade gefallenen Bergen-Köchin anlockt. Diese fängt einige Trolls ein und verschleppt sie in das Bergen-Königreich, wo die Partyverrückten als glücklich machende Delikatesse gelten. Nun ist es an Poppy, ihr Volk mit der Hilfe von Branch vor dem sicheren Aufgegessenwerden zu retten…

    „Trolls“ ist quasi das Gegenstück zum bisher größten DreamWorks-Erfolg „Shrek – Der tollkühne Held“: Wo sich das Anti-Märchen um einen übellaunigen Oger noch genüsslich über familientaugliche Disneyfilme, den allgemeinen Merchandise-Wahn und das ständige Gesinge in Animationsfilmen lustig gemacht hat, ist „Trolls“ nun genau das, was in „Shrek“ noch so genüsslich durch den Kakao gezogen wurde: ein auf einer Spielzeugserie basierendes, mit gutgelaunten Songs vollgestopftes Musical über Geselligkeit und Frohsinn. Wo sich „Shrek“ noch als Film mit technischen Makeln und einigen abstoßenden Designs erwies, der all das aber mit seinem hohen Spaßfaktor und etlichen doppelbödigen Pointen wieder wettmachte, ist „Trolls“ nun unfassbar hübsch und technisch perfekt, aber dafür kommt die laue Story nie richtig in Schwung.

    Obwohl bei der Mission nicht weniger auf dem Spiel steht als das Überleben aller Trolls, gelingt es dem Autoren-Trio Jonathan Aibel, Glenn Berger und Erica Rivinoja nicht, auch nur den kleinsten Funken Spannung zu kreieren. Das liegt vor allem daran, dass sie und Regisseur Mike Mitchell selbst im finsteren Reich der Bergens davor zurückschrecken, dramatische Momente für sich wirken zu lassen. Stattdessen wird die Szenerie, sobald sich andeutet, dass ein Troll gefressen werden könnte, sofort mit allerlei kleinen Scherzen und lockeren Sprüchen aufgelockert. Als Branch sich schließlich öffnet und von einem tragischen Kindheitserlebnis berichtet, blödeln Nebenfiguren direkt davor und danach so ungehemmt herum, dass jeder Anflug von Emotionalität im Ansatz erstickt wird. Dass die meisten Trolls zudem keinerlei individuellen Persönlichkeitsmerkmale haben, sondern sich als austauschbare Masse erweisen, macht es ebenfalls nicht gerade leichter, mit den Helden mitzufiebern.

    Natürlich erwartet niemand ernsthaft, dass ein Familienfilm mit der Auslöschung einer ganzen Rasse freundlicher kleiner Lebewesen endet. Trotzdem braucht es zumindest die Illusion, dass den Figuren tatsächlich etwas Schlimmes widerfahren könnte, denn wer mit den Filmhelden bangt, der jubelt dann auch umso lauter, wenn die Gefahr vorübergezogen ist. Da „Für immer Shrek“-Regisseur Mike Mitchell das Stimmungsbarometer aber nur zwischen ungetrübter Partylaune und gedämpftem Optimismus pendeln lässt, bleiben die Feten der Trolls belanglos. Dafür zündet ab und zu ein gewisser Dialogwitz, vor allem wenn sich die Berufsoptimistin Poppy und der sarkastische Branch gegenseitig auf den Arm nehmen – die eingeworfenen Oneliner der Nebenfiguren verpuffen ob ihres trägen Timings hingegen regelmäßig. Besser gelungen sind die vereinzelt eingestreuten visuellen Gags: Wiederholt verwandeln sich vermeintlich normale Dinge plötzlich in skurril-flauschige Ungetüme – und verleihen der eh schon unkonventionell gestalteten Welt so noch einen zusätzlichen Überraschungsfaktor.

    Überhaupt darf sich „Trolls“ auf optischer Ebene zur DreamWorks-Speerspitze zählen: Die ganze Welt sieht aus, als wäre sie aus herkömmlichen Bastelmaterialien designt worden – alles wirkt so wollig, flauschig, filzig, als wäre es aus Knetmasse, Bastelpapier und Glitzerstaub gefertigt. Zudem lassen die Macher bei einigen der Musikeinlagen ihrer Kreativität freien Lauf und entwerfen in ihrem kuscheligen Kosmos surreale Bilderreigen – schade, dass sie sich bei anderen Songs dafür umso ärger am Riemen reißen. Der aus schmissigen Songklassikern und extra für den Film geschriebenen Liedern zusammengestellte Soundtrack lädt aber auch schon für sich zum Mitwippen ein – zumindest im englischsprachigen Original. Die deutsche Synchonfassung besteht hingegen aus einer chaotischen Mischung aus durchaus gelungenen freien Übersetzungen (etwa zu „True Colors“), aus dem Takt geratenen Lokalisierungen (Lionel Richies Schmachtstück „Hello“ ist in der Synchro erschreckend sperrig) und Nummern, die englischsprachig belassen wurden. So springt der musikalische Gute-Laune-Funken in der deutschen Fassung nur streckenweise über.

    Fazit: „Trolls“ bietet einen einzigartigen Look und einen fetzigen Soundtrack, aber letztendlich ist die knallige Verpackung viel interessanter als die spannungsarme Geschichte.

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