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Fear and Loathing in Las Vegas
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Fear and Loathing in Las Vegas
Von Hans Riegel
Wieder Universal, wieder fremdes Gedankengut, wieder Terry Gilliam und wieder fasziniert das Ergebnis. Nachdem Gilliam (Brazil, König der Fischer) im Jahr 1995 an der Produktion von 12 Monkeys fast verzweifelt war, ließ er sich drei Jahre später für „Fear And Loathing In Las Vegas“ erneut auf eine fremde Buchvorlage, zu der allerdings er das Drehbuch schrieb, und die Vorschriften des Hollywood-Studios Universal ein.

Es war irgendwann Anfang der 70er, als die ehemalige Jugend merkte, dass ihr Traum ausgeträumt war, dass das weiße Kaninchen zertreten am Boden lag und Alice wieder zur Schule ging. Einst waren sie eingestiegen, ihr vor Neugierde lechzend folgend, auf einem Weg mit unbekanntem Ziel, doch war nun die Fahrt zu Ende; der große Rote Hai, an den Rand der Straße manövriert, stand still und die meisten verließen ihn. Zwei jedoch blieben sitzen und...



„Und plötzlich war ein schreckliches Getöse um uns herum, und der Himmel war voller Viecher, die aussahen wie riesige Fledermäuse, und sie alle stürzten herab auf uns, kreischend, wie ein Kamikaze-Angriff auf den Wagen, der mit hundert Meilen Geschwindigkeit und heruntergelassenem Verdeck nach Las Vegas fuhr.“



Raoul Duke (Johnny Depp) alias Hunter S. Thompson und sein Anwalt, der durchaus nicht wirklich Dr. Gonzo (Benicio Del Toro) hieß, waren diese zwei. Den Kofferraum voll mit gefährlichen Drogen: Meskalin, Acid, Kokain, Alkohol, Äther und vielem anderen kleinem Bunten, rasten sie durch die Wüste Nevadas, darauf wartend, dass die Wirkung der Drogen einsetzen würde. So sieht der Beginn einer wilden Reise ins Herz des Amerikanischen Traums aus. Als zwei derer, die einmal vom Sonnenschein der Kaleidoskopaugen aufgesogen worden waren, suchten sie ein letztes Mal, aus dem Boot zu springen und am Grund des Flusses Antworten zu finden.

„Das Mint 400 ist das höchstdotierte Querfeldein-Rennen für Motorräder und Dünen-Buggies in der Geschichte des organisierten Sports [...].“ Und Raoul Duke war Profi-Journalist, dazu angeheuert, über das Mint 400 einen Artikel für ein angesehenes New Yorker Sport-Magazin zu schreiben, was für ihn zwar der Anlass, aber nicht der Grund war, aus welchem er sich mit seinem Freund auf die Reise gemacht hatte; sie sahen vielmehr, dass ihnen bei der Reise unbegrenzte Möglichkeiten geboten waren, und sie gedachten, diese nicht ungenutzt zu lassen. So richtet sich auch Dukes Investigation weniger auf seine Auftragsarbeit als auf das Konsumieren jeder der menschlichen Rasse seit 1544 nach Christus bekannten Droge. Er durchlebt zusammen mit seinem Anwalt einen Äther-Rausch in einer vielfarbigen Formenwelt, betrinkt sich während seines Besuchs beim Mint 400 und nimmt eine viel zu große Menge Adrenochrom zu sich, die ihn in ein inneres Chaos stürzt, aus dem er scheinbar erst Tage später wiedererstehen kann; ununterbrochen scheint er betäubt, ununterbrochen raucht er irgendetwas, wodurch jeder Wahrnehmung die Objektivität nicht nur im üblichen Maße abgeht, sondern sich hier über alle Maßen hinaus subjektiv darbietet: Der Gonzo-Journalismus besagt genau dies: Der Autor setzt sich selbst in Beziehung zu den Ereignissen. Reale, autobiografische und oft auch fiktive Erlebnisse vermischen sich.



Zwei Hotelzimmer waren verwüstet, ein Barbara Streisand malendes Mädchen (Christina Ricci) stark verstört, viele unorthodoxe Randmenschen in Mitleidenschaft gezogen, als zuerst Dr. Gonzo per Flugzeug und anschließend Duke selbst über den Highway die Stadt verließen, in der sie auf fremde Rechnung den pulsierenden Nerv einer Ideologie gesucht, und in der sie unter Ausnutzung aller psychedelischen Möglichkeiten keine Erfüllung gefunden und kein Ziel erreichten hatten. Die Bewegung war tot und der Traum schließlich und tatsächlich begraben.

„Der, der sich zum Tier macht, befreit sich von dem Leid, ein Mensch zu sein“, zitiert Thompson bedeutsam in seinem Roman, der ihn als einen Vertreter des New Journalism unsterblich und der gleichsam mit der Hippie-Ära ein Ende gemacht hat. Erst 1998 wagte es Ex-„Monty Python“ Terry Gilliam, die Gesamtheit des Romans, bestehend aus seltsamen Erlebnissen, Sportjournalismus, Kultur und Zeitzeugnissen, die mit wahnsinnigen, bewusstseinserweiternden Drogenerlebnissen versetzt sind, als einen Spielfilm zu verwirklichen. Zuvor galt der Stoff als unverfilmbar.



Gilliam inszeniert mit seiner Vision des Kultbuches ein bizarres Spektakel aus Formen und Farben, die sich in den Hotelzimmern und Bars ausbreiten wie ein LSD-Rausch, gerade so, wie es für ihn typisch ist; er macht Raoul Duke zum Fixpunkt des Films, um den herum alles flimmert und verschwimmt. Ist er weggetreten: Schnitt; sieht er nichts: weiß auch der Zuschauer nichts. Johnny Depp ist der brillant gespielte Dr. Raoul Duke, exzentrisch, journalistisch versiert und - für den Betrachter - durchaus amüsant. Er war übrigens mit ihm befreundet, dem echten Duke - Thompson. Benicio Del Toro mimt seinen beleibten Anwalt Dr. Gonzo, der in dieser Funktion Empfehlungen ausspricht, flucht, Duke antreibt und wieder lähmt und sich seinerseits inbrünstig in alle Abgründe stürzt, welche sich ihm durch die Drogen bieten. Die subtil-politischen Aspekte der Vorlage verlaufen sich erzählerisch leider ebenso im Wust der Inszenierung, wie es die kulturhistorische Ebene des Buches nur dann und wann schafft, aus dem Dunkel aufzublitzen. Es wirkt eben ein intensiver Text, sei er auch kurz, stärker als eine kurze Sequenz, sei sie auch intensiv. Musikalisch dreht sich die Spirale von den Rolling Stones, den Yardbirds und Jefferson Airplane, im Drogentaumel, über Tom Jones, den Glanz Las Vegas’ widerspiegelnd, bis hin zum Delirium mit Jimi Hendrix’ Star-spangled Banner und einem Richard Nixon als monströsem, fliegendem Kopf, der Unheil verheißt.

Terry Gilliam fokussiert in seinem Film das Drogenerlebnis zum alles anfeindenden Feuer, dem sich Duke und Dr. Gonzo - weil es ihnen geboten wird - aussetzen und es überleben. Es leckt an ihnen und weiß ihrer abermals über mehrere Tage habhaft zu bleiben, bis sie schließlich die Stelle verlassen und dem Feuer den Garaus machen. Neben diesem Feuer gibt es nichts als Wüste und Gilliam scheint das genug zu sein. Recht hat er.



Zitate aus: „Angst und Schrecken in Las Vegas: Eine wilde Reise in das Herz des Amerikanischen Traums“, erschienen 2005 im Wilhelm Heyne Verlag München.
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