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    Verrückt nach Mary
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Verrückt nach Mary
    Von Tobias Diekmann
    „Albernheit ist eine Erholung von der Umwelt.“ Mit einem Zitat des deutschen Schriftstellers Peter Bamm eine Kritik zu „Verrückt nach Mary“ der Brüder Bobby und Peter Farrelly zu beginnen, wirkt zugegebenermaßen auf den ersten Blick ein wenig seltsam in der Kombination. Aber genau aus diesem Grund wären wir dann doch gleich beim Thema, denn bei genauerer Betrachtung gibt es eben kaum einen Film aus dem etwas schwammig betitelten Subgenre der „derben Komödie“, der so locker und ideenreich daherkommt, wie dieses Werk grenzüberschreitender Unterhaltung, das zu jeder Zeit stimmig pointierte Spitzen mit Dampfhammerhumor zu kombinieren weiß. Ihm sollten unzählige Filme ähnlicher Aufmachung folgen, die aber nicht ansatzweise den Witz und Charme von „Verrückt nach Mary“ hervorbringen konnten, auch dann nicht, wenn in jedem gefühlten zweiten dieser Filme der mittlerweile doch arg überpräsentierte Ben Stiller die Hauptrolle übernehmen sollte. Stattdessen haben die Farrelly–Brüder („Dumm und dümmer“, In 7 Tagen - Ausgeflittert, Schwer verliebt) hiermit bis heute in ihrer stetig wachsenden Liste schräger Komödien definitiv ihr Glanzstück hingelegt.

    13 Jahre nachdem Teds (Ben Stiller) Highschool-Rendezvous mit der schönen und intelligenten Mary (Cameron Diaz) ein jähes und vor allem schmerzhaftes Ende nahm, hat er das Zusammentreffen mit ihr immer noch nicht überwunden und trauert ihr nach. Um endlich zu erfahren, wie es Mary seitdem ergangen ist, engagiert Ted den windigen Privatdetektiv Healy (auch hier wieder einmal großartig: Matt Dillon), um sie aufzuspüren. Nach kurzer Zeit findet dieser Mary in Florida und verliebt sich im Laufe seiner Spionagearbeiten seinerseits in die Frau, die ein perfektes Leben zu führen scheint. Daraufhin ändert Healy seine Pläne und erzählt Ted lauter Lügen über Mary, damit er ihn als Nebenbuhler loswird. Doch Ted erfährt von den Unwahrheiten und setzt alles daran, ebenfalls Mary für sich zu gewinnen und Healy somit als Kandidat für die unwissende Mary außer Gefecht zu setzen. Dabei ist er jedoch nicht darauf vorbereitet, wie viele Kontrahenten er wirklich hat. Denn eines wird schnell klar: Hier sind eine ganze Menge schräger Vögel sprichwörtlich verrückt nach Mary.

    Das Farrelly-Duo steht seit jeher für einen durchaus fragwürdigen Umgang humoristischer Mittel in ihren Filmen, die mit Sicherheit nicht jedermanns Sache ist: derb, manchmal geschmacklos, aber immer knapp unter der Gürtellinie. In Zeiten von Totalausfällen wie Dumm und dümmerer oder dem x-ten Teil der American Pie– Saga ist also von vornherein eine gewisse Skepsis gegenüber platter Fäkalklamotten angebracht. Dennoch kann und sollte „Verrückt nach Mary“ nicht vorschnell in eben diese Kategorie gesteckt werden, denn neben dem Umstand, dass er bereits 1998 gedreht wurde und somit sehr viel älter ist als ein Großteil seiner Nachahmer, wird hier ein Gagfeuerwerk vielfältigster Art abgefackelt, was einfach unglaublichen Spaß macht.

    Allein die hervorragende Besetzung, die ihre schrägen Charaktere mit sehr viel Liebe zum Detail ausfüllt, ist ein echter Augenschmaus. Wo Ben Stiller in die für ihn später dauerabonnierte Rolle des gutmütigen aber trotteligen Losers seine typischen Slapstick-Gags zugeschrieben bekommt, ist allen voran Matt Dillon als schmieriger und immer nah an der Karikatur gezeichneter Detektiv Healy zum Brüllen komisch. Wie er mit einer Mischung aus überheblichem Stolz und arrogantem Desinteresse versucht, seiner angebeteten Mary näher zu kommen, bleibt eines der komischen Highlights. Neben all den kuriosen Nebenfiguren weiß auch Männerschwarm Cameron Diaz zu überzeugen, durfte sie doch schon in einigen Filmen ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen, und gibt der Mary hier mit ihrer hellen und authentischen Ausstrahlung einen guten Gegenpol zu den männlichen Figuren, die um sie buhlen.

    Ein großer Pluspunkt besteht außerdem im Aufbau der Handlung. Wo viele Komödien dieses Schlages sich allein von Späßchen zu Späßchen hangeln und somit von Anfang an extrem vorhersehbar geraten, weiß „Verrückt nach Mary“ durch eine vielschichtigere Geschichte zu überzeugen, was erst im Verlauf des Films offensichtlicher wird, jedoch bei einer Spielzeit von fast zwei Stunden auch über kleinere Längen nicht hinwegtäuschen kann.

    Das verzeiht man aber gern, denn was „Verrückt nach Mary“ auszeichnet, ist vor allem der Umstand, dass er die Waage zwischen grobschlächtigem Slapstickhumor und feinsinniger Situationskomik halten kann. Auf der einen Seite muss zum Beispiel in Person von Marys Bruder Warren (W. Earl Brown) die geistige und körperliche Behinderung von Menschen als ständiger Running Gag herhalten, es aber auch immer wieder kurze Szenen gibt, die einem als Zuschauer die Schamesröte ins Gesicht treibt, und das eben nicht nur aufgrund des Zeigens von eingeklemmten Hoden. Wenn Mary und Ted das erste Mal seit der Highschool aufeinander zukommen und eine kurze Unsicherheit besteht, sich nun zu umarmen oder lediglich die Hand zu reichen, ist das sehr feinsinnig beobachtet, jedem irgendwie bekannt und kann programmatisch für viele feine Zwischentöne stehen, die neben all dem Brachialen halt auch einen Großteil des Witzes in diesem Film ausmachen. So banal es klingen mag, aber gerade die Mischung dieser scheinbaren Gegensätzlichkeiten macht das Besondere aus und klappt hier ganz ausgezeichnet.

    Es sei auch der Soundtrack erwähnt, der neben einigen bekannten Hits eine Combo ins filmische Bild rückt, die wie eine Art neumodische Troubadourtruppe bei emotionalen Höhepunkten das Innenleben von Ted musikalisch untermalen und darüber hinaus einen wirklich denkwürdigen Abgang erhalten.

    Alles in allem kann „Verrückt nach Mary“ neben einigen wirklich unvergesslichen Momenten im Bereich des derben Humors (man erinnere nur an Marys Haartolle) auch darüber hinaus punkten, da hier mit Ausnahme von Mary selbst so unterschiedliche und skurrile Typen versammelt werden, die in ihrer extremen Überzeichnung dennoch sehr detailliert inszeniert, und in einer gut durchdachten Story perfekt in Szene gesetzt werden. Dank hervorragender Darsteller, die sich eindeutig in Spiellaune befinden, ergibt das einen einfallsreichen und durchgehend witzigen Film, der sich wohltuend vom Rest der Fäkalkomödien absetzt und sich stattdessen innerhalb seines Genres an seine ganz eigene Spitze setzen kann.
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