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    PlayOff
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    PlayOff
    Von Tim Slagman
    Die 80er sind heute vor allem als Retro-Chic in Erinnerung: Leggins, Haarspray, Discomucke. Grau und bleiern hingegen erscheinen sie in dem Drama „Playoff“ nach einer wahren Begebenheit: Die 80er, so lernen wir, waren auch das Jahrzehnt, in dem Israel eine erfolgreiche Nation im Basketball war und Westdeutschland eher ein Entwicklungsland in dieser Ballsportart. Der Holocaust-Überlebende Ralph Klein, der als Trainer mit Maccabi Tel Aviv den Europapokal der Landesmeister geholt hatte, kam 1983 in die BRD zurück, um das Nationalteam zu den Olympischen Spielen von Los Angeles zu führen. Aus Kleins Geschichte, dessen Schwiegersohn Gidon Maron am Drehbuch beteiligt war, macht Regisseur Eran Riklis („Die syrische Braut“, „Lemon Tree“) ein atmosphärisch dichtes Drama um die Verflechtung von Gegenwart und Vergangenheit – das aber bisweilen unter einer allzu parabelhaften erzählerischen Konstruktion leidet.

    Danny Huston spielt Kleins Alter Ego Max Stoller, der mit seiner ruppigen Art bei Funktionären wie Sportlern gleichermaßen aneckt. Vor allem der Mannschaftskapitän Thomas (Max Riemelt), dessen Vater kurz zuvor an Alkoholmissbrauch gestorben ist, wird mit dem neuen Coach, mit dessen unkonventionellen Methoden und bisweilen autoritärer Art überhaupt nicht warm. Doch wie Stoller trägt auch Thomas ein Geheimnis aus der Vergangenheit mit sich herum. Auf der Suche nach den Spuren seiner Kindheit begegnet Stoller dann der Türkin Deniz (Amira Casar), die in der Wohnung lebt, die Stoller einst mit seinen Eltern bewohnt hatte. Ihr Mann ist verschwunden, sagt Deniz, er sei abgehauen, behauptet hingegen ihre Tochter Sema (Selen Savas). So macht Stoller sich zwischen Training, bohrenden Interviews und Vorwürfen aus seiner Heimat Israel gemeinsam mit den beiden auf, Licht ins Dunkel lange zurückliegender Geschehnisse zu bringen...

    Eran Riklis erzählt einige, womöglich zu viele Geschichten auf einmal – Sportdrama, Melodram, Charakterstudie, Historienfilm. Dabei tut er grundsätzlich gut daran, sich wenig bis gar nicht für die Geschehnisse auf dem Basketballfeld zu interessieren. Diese Teamsportart wird von ihm weitgehend auf Coach und Schlüsselspieler zusammengedampft, die Kamera verfolgt Thomas‘ Laufwege auf dem Feld, sie blickt während der Spielzüge ins Gesicht des Trainers. Erfolg, das ist die Botschaft, lässt sich nicht in Punkten ausdrücken, sondern in der menschlichen Reifung des Einzelnen. Die spielt sich im Wesentlichen über Mechanismen von Verdrängung und Erkenntnis ab – und wenn das jetzt ein wenig trocken klingt, dann vielleicht auch deshalb, weil die Geschichte selbst immer viel Exemplarisches, viel Schablonenhaftes zeigt.

    Stoller trifft ehemalige Wehrmachtssoldaten. Stoller genießt mit entzücktem Gesichtsausdruck ein Stück – ausgerechnet – von der Schwarzwälder Kirschtorte, die er als Kind so geliebt hatte. Deniz wirft, kaum dass sie und Stoller im Auto die Stadt hinter sich gelassen haben, ihr Kopftuch auf Nimmerwiedersehen in den Fahrtwind. In solchen Momenten zeigt sich die schwächste Seite des grundsätzlich sensibel und souverän konzipierten Films. Stark ist „Playoff“ überall da, wo angedeutet statt ausgesprochen wird. In den quälenden Sekunden etwa, die es dauert, bis Stoller auf einer altmodischen Wählscheibe im Hotel eine israelische Nummer gewählt hat. Das Tuten und der Anrufbeantworter, Laute, die Stollers Einsamkeit ausdrücken: Seine Frau will nicht mehr mit ihm sprechen, seit er ins Land der Täter aufgebrochen ist.

    Danny Huston („X-Men Origins: Wolverine“, „Hitchcock“) spielt diesen Eigenbrötler mal mit großer Neugier und Offenheit, nur um ihn sich dann wieder hinter seinem Panzer verschanzen zu lassen. Ein ganz einfacher Sympathieträger ist dieser Stoller nicht, und Eran Riklis liegt es fern, eine Heldengeschichte zu erzählen. Wie sollte das auch möglich sein, in all dem Regen, in der Beton- und Glaswüste Frankfurts, in dem graubraunen Mief der Kohl-Ära, die Riklis mit großer Sorgfalt rekonstruiert? Riklis macht wenig falsch mit diesem Film. Aber um historische Parabel und persönliches Schicksal wirklich schlüssig ineinander fließen zu lassen, fehlt es dann doch an einer originellen Auseinandersetzung mit den Figuren, an etwas Anderem als bloßer Rekonstruktion.

    Fazit: Eran Riklis legt mit „Playoff“ eine durchdacht strukturierte Mischung aus historischem Drama und Charakterstudie vor. Die an sich sensibel ausgearbeiteten Figuren allerdings werden in schwächeren Momenten zu abstrakten Stellvertretern einer Idee oder eines Konzeptes, was dem Melodram viel von seiner Wucht und der Parabel viel von ihrer Kraft nimmt.
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