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Dreiviertelmond
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Dreiviertelmond
Von Jan Görner
Die Begegnung zweier Menschen, die auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, sich dann aber durch besondere Umstände näher kennenlernen und wichtige Lektionen voneinander lernen – das ist im Film ein so oft variiertes Motiv, dass stets die Gefahr besteht, in Klischees und Plattitüden zu verfallen. Davon ließ sich Regisseur Christian Zübert aber nicht abschrecken und erzählt in seiner flotten Tragikomödie „Dreiviertelmond" nun von dem Zusammentreffen eines griesgrämigen fränkischen Taxifahrers mit einem arglosen türkischen Mädchen. Und dank eines sensiblen Drehbuchs und seines starken Hauptdarstellers Elmar Wepper gelingt es Zübert, dem oft Gesehenen frische Facetten abzugewinnen.

Hartmut Mackowiaks (Elmar Wepper) bisher wohlgeordnetes Leben gerät aus den Bahnen: Erst schmeißt seine Tochter (Marie Leuenberger) das Studium, um sich mit einer verrückten Geschäftsidee zu verwirklichen, und dann verlässt ihn auch noch seine Frau Christa (Katja Rupé) nach 35 Ehejahren. Alles, was der Taxifahrer jetzt noch hat, ist sein Beruf. Dieser beschert ihm eines Tages die Begegnung mit der kleinen Hayat (Mercan Türkoglu). Auch das Mädchen sieht sich vor enorme Veränderungen gestellt: Sie soll einige Wochen bei der Oma im fremden Deutschland verbringen, während ihre Mutter Gülen (Ivan Anderson) auf einem Kreuzfahrtschiff jobbt. Wie der Zufall es will, treffen sich das Mädchen und der Taxifahrer schon kurze Zeit später wieder. Und weil sich niemand um Hayat kümmert, nimmt sich der eigenbrötlerische Misanthrop widerwillig der Kleinen an...

Christian Zübert („Lammbock") spielt die Unterschiede zwischen seinen Figuren aus, ohne sie zu sehr in den Vordergrund zu rücken - so wird Hayats Identität als Türkin und Muslima über die Sprachbarriere hinaus kaum explizit thematisiert. Und auch die Frage, in welchen Sprachen Mackowiak und sein Schützling nun amüsant aneinander vorbeireden, ist letztlich nebensächlich. Dieser Verzicht auf den Multi-Kulti-Holzhammer kommt dem Film sehr zugute, denn durch die unaufdringliche Erzählweise wirkt er umso authentischer - etwa im ansprechenden Porträt der selbstbewussten und modernen Gülen. Dabei macht sich bezahlt, dass der Franke Zübert, der die Geschichte übrigens gemeinsam mit seiner türkischen Ehefrau ersann, weiß, wovon er spricht. Und so fängt er auch den besonderen Charme Nürnbergs und der fränkischen Mundart ein und bietet eine willkommene Abwechslung zur ewig gleichen Berlin- oder München-Kulisse.

Bei allem Geschick des Regisseurs und Drehbuchautors wird „Dreiviertelmond" erst durch seinen Hauptdarsteller endgültig zu etwas Besonderem: Elmar Wepper zeigt einige Jahre nach „Kirschblüten - Hanami", für den er unter anderem den Deutschen Filmpreis gewann, erneut seine Fähigkeit, sich darstellerisch neu zu erfinden. Der jüngere Bruder von „Derrick"-Sidekick Fritz Wepper trägt den Film über alle in seiner Rolle angelegten Widersprüche hinweg fast im Alleingang. Sein Mackowiak ist trotz des eher polnisch klingenden Namens ein erdverwachsener Franke, der seine Fahrgäste zurechtweist, wenn sie sein geliebtes Nürnberg frecherweise in Bayern verorten. Die Weltsicht des Taxifahrers wird fest von Schubladendenken bestimmt und er sträubt sich gegen jede größere Veränderung. Trotzdem wirkt er durch Weppers subtiles Spiel aber nie beschränkt: Der Schauspieler lässt die tiefsitzenden Ängste eines Menschen spürbar werden, dem das Loslassen schwerfällt.

Auch die kleine Hayat tut sich schwer mit dem ungewohnten Umfeld bei der Großmutter, was die so ungleichen Hauptfiguren geschickt verbindet. Dabei ergänzt sich Weppers nuancierte Darbietung wunderbar mit der Natürlichkeit seiner jungen Partnerin: Die zum Zeitpunkt des Drehs gerade sechsjährige Berlinerin Mercan Türkoglu ist in ihrem Leinwanddebüt schlicht hinreißend und sorgt dafür, dass „Dreiviertelmond" nicht zu einer reinen One-Man-Show gerät. Die Grundschülerin ohne jede Art von formeller Schauspielausbildung spielt rein intuitiv und wirkt dadurch aufrichtig und lebensnah - ein wahres Naturtalent.

Zu den exzellent harmonierenden Protagonisten gesellen sich noch liebenswürdige und allesamt gut gespielte Nebenfiguren, so dass „Dreiviertelmond" darstellerisch rundum überzeugt. Christian Zübert lässt seinen Schauspielern Raum zur Entfaltung und verschafft ihnen zugleich Abwechslung, selbst Slapstick-Szenen und stille Momente kombiniert er dabei auf stimmige Weise. Der Regisseur schreckt auch nicht vor sehr deutlicher Symbolik zurück: Das mit Nippes dekorierte Wohnzimmer oder der Taxi-Kofferraum voller Reinigungsmittel sind an sich zwar wenig subtile Beiträge zur Figurenzeichnung, aber Zübert arbeitet sie sorgfältig in die Erzählung ein, so dass sie nicht zu sehr in den Vordergrund geraten.

Fazit: „Dreiviertelmond" ist ein wunderbar aufrichtiger Film über eine ungewöhnliche Begegnung und den Zusammenprall zweier Kulturen. Regisseur Zübert vermeidet Klischees und hält gekonnt die Balance zwischen Leichtigkeit und Ernst.
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