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Blubberella
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
0,5
katastrophal
Blubberella
Von Jan Hamm
Regie-Legende Uwe Boll mag vieles sein, eines ist er aber ganz sicher nicht: ein Heuchler. Der berechtigten Annahme folgend, mit seinem Herzensprojekt „Auschwitz" kein noch so geringes Budget wieder einzuspielen, nutzte der Produktionsstratege Cast und Kulisse, um parallel gleich noch zwei weitere Filme abzudrehen – den Genre-Humbug „Bloodrayne: The Third Reich" und die Naziploitation-Klamotte „Blubberella", die als parodistische Nachstellung des sterbenslangweiligen Vampirstreifens verkauft wird. Boll versucht garnicht erst, die unterirdische Qualität dieser Filme zu leugnen. Bereits am Set fiel ihm auf, dass das Humorkonzept der Fette-Superheldin-Nummer „nicht funktioniere" [1]. Aber wenn man schon all die Leute vor der Kamera stehen habe, „dann brichste [...] auch nicht einfach ab", auch wenn da „jetzt eigentlich Quatsch raus[kommt]" und ein Großteil des Materials „echt scheiße" ist. Damit ist fast alles zu „Blubberella" gesagt – fast, denn während vom Konsum dieses vollkommen handlungsbefreiten und atemberaubend unlustigen Machwerks zu Unterhaltungszwecken strengstens abzuraten ist, eröffnet es doch die faszinierende Möglichkeit, die Welt mit den Augen des Wermelskirchener Doktors zu sehen. „Blubberella" ist ein nahezu beispielloser filmischer Offenbarungseid, mit dem Boll seinen Kritikern neue Munition frei Haus liefert.

A propos – was der Filmemacher mit denen gerne anstellen würde, wird hier ohne falsche Bescheidenheit illustriert. Missgünstige Kritiker zum Boxkampf herauszufordern, das reicht nach rund 20 Jahren ärgster Werkschelte längst nicht mehr, dafür scheint die Demütigung zu tief zu sitzen. Auf dem Seziertisch des Joseph-Mengele-Verschnitts Doktor Mangler (Clint Howard), dem Blubberella das Handwerk zu legen gedenkt, liegt ein aufgeschlitzter Vampir. „Der war mal Filmkritiker", lässt Boll seine groteske Figur scherzen. „Ich habe nie einen getroffen", antwortet Lieutenant Jäger (Steffen Mennekes). „Nur deswegen bist du noch am Leben", doziert Mangler, während er mit seinen Klingen zum nächsten Streich ausholt. Alles nur Spaß, nicht, Herr Boll? In etwa so, wie einen ganzen Film lang auf der Körperfülle von „Blubberella"-Darstellerin Lindsay Hollister rumzureiten. Die Idee zum Film hat Boll gemeinsam mit ihr entwickelt. Weil die beiden nach Hollisters sexueller Erniedrigung in „Postal: Der Film", wo sich ihre Vagina erst nach ausgiebiger Mehlbestäubung von den restlichen Fettfalten abgrenzen ließ, unbedingt nochmal zusammen arbeiten wollten. Mit willigen Komplizen macht sexistische Pöbelei wohl immernoch den größten Spaß.

Nachdem Boll im „Auschwitz"-Teaser bereits als lässig an der Gaskammertür lehnender Lagerwächter auftrat – freilich und explizit ausgesprochen nur, um den Film ins Gespräch zu bringen –, schlüpft er nun gleich ins Führerkostüm. In einer Traumsequenz sitzt er als niedergeschlagener Adolf am Küchentisch der dicken Superheldin und lässt sich von ihr therapieren. „Wie siehst du dich selbst? Eher als lockeren Typen, der mit Kumpels einen heben geht?" – trauriges Kopfschütteln. „Oder vielleicht doch eher als Massenmörder?" – Volltreffer! Hier darf munter drauflos spekuliert werden: Sieht sich Boll mit seinem Gehitlere nun in einer Ahnenreihe mit Charlie Chaplin („Der große Diktator"), Helge Schneider („Mein Führer") und Martin Wuttke („Inglourious Basterds") – oder zählt das Intermenzzo zu den Passagen des Films, die er selbst „echt scheiße" findet? „Verurteilt mich nicht", lässt er seine Protagonistin zu Filmbeginn stellvertretend sagen. Keine Sorge, dafür nicht. Bolls Führerspäßchen sind so plan- und zahnlos, dass hier selbst passionierte Entrüstungslyriker schlichtweg keinen Aufhänger finden werden.

Mit Roger Vadims Trash-Klassiker „Barbarella" von 1968 hat „Blubberella" übrigens nichts gemein. Popkultur-Verweise hat Boll trotzdem untergebracht, so, wie es sich eben für eine clevere Parodie gehört. Wenn Blubberella zu Europes 80er Hit „The Final Countdown" (aufgrund zu hoher Lizenzgebühren kurzerhand mit verschobener Interpunktion nachgestellt) Nazi-Hoden zerquetscht oder sich in einem Zwischenspiel als „Precious" (Gabourey Sidibe und Hollister sind schließlich beide schwergewichtig) mit ihrer missgünstigen Mutter fetzt, wird selbst pubertäres Spoof-Kino à la Friedberg/Seltzer („Beilight: Biss zum Abendbrot", „Meine Frau, die Spartaner und ich") relativiert. „Wie kann der Mann noch am Leben sein?", fragt Jäger. „Vielleicht ist er ja Mickey Rourke!", entgegnet Mangler. Wie kann Boll das lustig finden? Vielleicht ist er ja Postmodernist und hat einen Heidenspaß daran, Verweise implodieren zu lassen. Wahrscheinlicher: „Blubberella" existiert nur, weil bei gleichem Produktionsaufwand drei mehr als nur zwei Filme einspielen – und ist „eigentlich Quatsch". Nein, ein Heuchler ist Uwe Boll ganz sicher nicht.

[1] http://www.dasmanifest.com/06/uweboll.php
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