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Kottan ermittelt - Rien ne va plus
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
Kottan ermittelt - Rien ne va plus
Von Carsten Baumgardt
Alles ist vergänglich. Eine brutale Erkenntnis, die das Kino immer wieder auszublenden versucht. Aber manchmal lässt sich selbst an diesem Ort der Imagination die Uhr nicht zurückdrehen. Das gilt auch für Peter Patzaks Bemühungen, eine der größten Legenden des österreichischen Fernsehens für die große Leinwand wiederzubeleben. Zwischen 1976 und 1984 erreichte seine TV-Reihe „Kottan ermittelt" in Österreich und Deutschland absoluten Kultstatus. Die schrägen Abenteuer des lakonischen und politisch ganz und gar unkorrekten Polizisten Adolf Kottan lieferten den Nährboden, auf dem Wolfgang Murnberger seine ebenso großartigen wie schwarzhumorigen Brenner-Filme („Der Knochenmann", „Silentium", „Komm, süßer Tod") gedeihen lassen konnte. Mit großen Teilen der Originalbesetzung und einigen frischen Kräften reanimiert Patzak seine Kultfiguren nun in der Krimi-Groteske „Kottan ermittelt – Rien ne va plus", scheitert aber an einer adäquaten Modernisierung.

Eine rätselhafte Mordserie erschüttert Wien und setzt Polizeipräsident Heribert Pilch (Udo Samel) zunehmend unter Druck. Der steifbeinige Kommissar Paul Schremser (Johannes Krisch) und sein allzu tollwütiger Kollege Alfred Schrammel (Robert Stadlober) bringen keine Ergebnisse, weshalb sich Pilch, dessen Konkurrenzen Kurt Hofbauer (Wolfgang Böck) ihm im Kampf um sein Amt bereits im Nacken sitzt, zu drastischen Maßnahmen gezwungen sieht: Er reaktiviert den legendären, aber suspendierten Polizei-Major Adolf Kottan (Lukas Resetarits) aus dem Ruhestand. Kottan findet mit Hilfe seines Teams schnell heraus, dass die sieben Gewinner eines obskuren Millionenspiels einer nach dem anderen gemeuchelt werden. Bei einem Tempo von drei Morden innerhalb von 24 Stunden bleibt dem kauzigen Beamten nicht mehr viel Zeit, die Übertäter aufzuhalten. Pikanterweise führt die Spur in höchste Polizeikreise, was die Ermittlungen nicht gerade erleichtert. Aber Kottan war schließlich noch nie dafür bekannt, sonderlich diplomatisch vorzugehen...

Die Ur-Reihe „Kottan ermittelt" umfasst 19 Folgen, auf sieben Langfilme folgten elf 60-minütige Episoden. Dazu kam 1981 mit „Den Tüchtigen gehört die Welt" noch ein Kinofilm. Seit mehr als einer Dekade versuchte Original-Regisseur Peter Patzak („Echte Wiener") nun schon, der Kult-Reihe noch ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Aber erst jetzt gelang es ihm, den Stoff auf die Leinwand zu bringen. Er rekrutierte viele Schauspieler der ursprünglichen Besetzung und tauschte die nicht mehr zur Verfügung stehenden gegen jüngere aus. Wichtigster Baustein: Kabarettist Lukas Resetarits („Hinterholz 8"), der damals ab Folge sechs den Kottan spielte, schlüpft erneut in die Rolle des Kieberers. Damals durchlebte die Reihe eine erstaunliche Entwicklung von einem durchaus ernst gemeinten, zutiefst pessimistischen Sittenbild der österreichischen Polizei zu einer galligen und treffsicheren Satire. Gegen Ende der Serie hob „Kottan ermittelt" jedoch in entrückte Sphären ab, an welche die Neuversion nun nahtlos anschließt. Patzaks halber Cast mag um Jahrzehnte gealtert sein, aber weiterentwickelt hat sich keiner von ihnen. Die Herausforderung, die Krimihandlung in der Jetztzeit zu erden, misslingt völlig.

Stattdessen verliert „Kottan ermittelt – Rien ne va plus" von Beginn an jede Bodenhaftung. Der typische Wiener Schmäh kocht auf Sparflamme, dafür dominieren unsägliche Albernheiten, dessen unrühmlichen Höhepunkt ein fliegender Mops markiert, der als vermeintlicher Running Gag in regelmäßigen Abständen über die Stadt schwebt und Kottan auch schon mal aufs Auto scheißt. Nicht weniger seltsam ist die Einführung einer animierten Kakerlake, die dann und wann Phrasen vor sich hinmurmelt.

Dabei ist nicht so, dass „Kottan ermittelt – Rien ne va plus" keine Ideen hätte, das Problem ist nur, dass diese nur selten zünden. Zum Beispiel spricht „Dolferl" Kottan auch gerne mal direkt in die Kamera zum Publikum („Sie wissen schon, wer der Mörder ist!"), womit eine gewisse Selbstironie erreicht werden soll, aber in der Summe sind die meisten Einfälle nicht lebensfähig. Der sprichwörtliche Polizeiapparat ist im Film tatsächlich ein sperriger Automat aus Metall, der mit Vorliebe illegale Einwanderer zur Strecke bringt (eine dezente Anspielung auf den kolportierten Rassismus der Original-Reihe), aber auch dieser Rückgriff wirkt plump und trotz des an sich wunderbar absurden Einfalls schlicht unlustig.

Eine stimmige Atmosphäre will sich auch nicht einstellen. Der Kriminalfall ist nie mehr als Staffage, um den Charakteren Raum zur Entfaltung zu geben. Hobbymusiker Kottan hat mittlerweile an seinen musikalischen Fähigkeiten gearbeitet und intoniert gleich zu Beginn „The Joker" von der Steve Miller Band. Aber Lukas Resetarits gelingt es nicht, Kottan als schrägen Sympathieträger zu etablieren. Stattdessen muss er einem „Newcomer" die größten Lacher überlassen: Johannes Krisch („Revanche") stiehlt als gehandicapter Inspektor gleich eine ganze Reihe von Szenen. Robert Stadlober („Sonnenallee") ist als schießwütiger Tor hingegen viel zu isoliert von der übrigen Handlung und kann so auch keinerlei eigene Impulse setzen.

Gelegentlich blitzt Peter Patzaks Talent auf, etwa wenn Kameramann Andreas Köfer wunderbar ausgeleuchtete Schattenspiele einfängt oder wenn plötzlich doch mal bissige Dialogzeilen auftauchen („Regelmäßiges Versagen ist auch eine Form von Zuverlässigkeit"), die sich dann aber nur als Strohfeuer entpuppen, die im Sperrfeuer der Albernheiten sofort wieder ersticken. Die eigentlich sympathische Idee, mit Jan Zenker den Sohn des verstorbenen Originalschreibers Helmut Zenker als Autor an Bord zu holen, hat sich leider nicht ausgezahlt.

Fazit: Peter Patzaks Krimi-Satire „Kottan ermittelt – Rien ne va plus" ist ein Anachronismus der uncharmanten Art. Die Überführung der Kultserie in die Jetztzeit misslingt gründlich. Für Nostalgiker fällt noch der eine oder andere Krumen ab, aber einen triftigen, warum die Geschichte nun nach 27 Jahren unbedingt fortgeschrieben werden musste, bleibt der Film bis zum Ende schuldig.
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