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Tomboy
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Tomboy
Von Ulf Lepelmeier
In Alain Berliners 1996er Komödie „Mein Leben in Rosarot" erklärt der kleine Ludovic aus voller Überzeugung, dass der vielbeschäftigte Schöpfer sein zweites X- wohl versehentlich mit einem Y-Chromosom vertauscht haben müsse und er somit im falschen Körper zur Welt gekommen sei. Während Ludovic seine Familie mit Kleidern und Schminke auf eine Zerreißprobe stellte, probt Laure in Céline Sciammas lockerleichten Tragikomödie „Tomboy" einen stilleren Aufstand: Nach einem Umzug stellt sich das Mädchen den neuen Spielgefährten aus einem Impuls heraus einfach als Michaël vor und beginnt damit ein zwangloses Identitätsspiel.

Laure (Zoé Héran) zieht mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) in den Sommerferien in eine neue Wohnung. Während die Zehnjährige am liebsten mit den Nachbarsjungen Fußball kickt, hängt Jeanne an ihren Barbiepuppen und Prinzessinnenkleidern. Als Laure allein durch den neuen Block streift, trifft sie die etwa gleichaltrige Lisa (Jeanne Disson) und stellt sich ihr kurzerhand als Michaël vor. Das hübsche Mädchen wird Michaëls beste Freundin und auch die anderen Kinder des Wohngebiets nehmen ihn sofort in ihren Reihen auf. Während sich Laure als Junge immer wohler fühlt, rückt der Schulanfang und damit das unvermeidliche Ende ihres Rollenspiels jedoch immer näher...

Als „Tomboy" bezeichnet man junge Frauen, die sich gerne männlich geben und sich in ihrem weiblichen Körper unwohl fühlen. Welche prekären Folgen eine solche Identitätskriese haben kann, wird zum Beispiel in dem Drama „Boys Don't Cry" beschrieben, für das Hilary Swank als beste Hauptdarstellerin mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Céline Sciamma („Water Lilies") setzt in ihrem Film allerdings schon viel früher an: Laure ist rund zehn Jahre jünger als die Protagonistin aus „Boys Don't Cry" und hat sich überhaupt noch nicht entschieden, als Vertreter welches Geschlechts sie später einmal glücklich werden könnte. In „Tomboy" geht es um den ersten Ausbruchsversuch aus dem vorgegebenen Geschlechterschema und damit um ein noch unschuldiges Identitätsspiel, das für Laure zwar unangenehm enden, aber noch keine allzu gravierenden Konsequenzen haben wird.

„Tomboy" nimmt konsequent die Perspektive seiner jungen Heldin ein und zeigt wie sie beim unbeschwerten Spiel in ihrer neuen Identität aufgeht. Dabei wird Laures Unbekümmertheit immer wieder von der Gefahr eingeholt, der Lüge überführt zu werden. Auch das junge Mädchen selbst ist sich der Endlichkeit ihres sommerlichen Glücks bewusst, aber solange die Ferien andauern, liegt das drohende Unverständnis ihrer Mitmenschen eben noch in der Zukunft. Vollkommen unaufgeregt erzählt Sciamma davon, wie sehr sich selbst Kinder schon gezwungen sehen, sich den üblichen Geschlechterrollen entsprechend zu verhalten und wie selbstverständlich sie sich in der Regel den gesellschaftlichen Erwartungen fügen.

Die Kamera ist immer ganz nah an Laure dran und fängt dabei mit einem feinen Blick für die kindliche Wahrnehmungswelt ihre Freuden und Nöte ein. Das Spiel der Kinderdarsteller ist von einer großen Natürlichkeit geprägt, wobei gerade die herzliche Beziehung der beiden gegensätzlichen Schwestern besonders schön herausgearbeitet wird. Hauptdarstellerin Zoé Héran wirkt auch als Michaël unheimlich authentisch, schließlich fällt auch der Zuschauer (zumindest wenn er den Inhalt vorab nicht studiert hat) zunächst auf ihren Rollentausch herein, bis ihr wahres Geschlecht beinahe beiläufig offenbart wird.

Fazit: Regisseurin Céline Sciamma beweist bei der Schilderung von Laures vergnüglichen Ferien eine große Feinfühligkeit und lässt den Ernst des Rollenspiels und mögliche Konsequenzen für die Zukunft zugunsten einer kindlichen Leichtigkeit nur als Quellwolke am blauen Sommerhimmel vorüberziehen.
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