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Bullhead
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Bullhead
Von Christian Horn
Wenn der Handlungsort zum heimlichen Protagonisten eines Films wird, dann ist ein Regisseur am Werk, der sich besonders gut auf das Einfangen und das Schaffen einer unverwechselbaren Atmosphäre versteht. Genau dieses Talent zeigt der Belgier Michael R. Roskam in seinem Debüt „Bullhead". Er lässt die ländliche Gegend um die Kleinstadt Limburg zu einem geradezu unheimlichen Schauplatz werden und fängt damit zugleich die innere Befindlichkeit seiner Hauptfigur ein. Leider verschenkt Roskam die Möglichkeiten dieses eleganten Ansatzes zu einem guten Teil, denn er überfrachtet sein Krimidrama mit zu vielen Themen und Nebenfiguren – und so steckt „Bullhead" zwar voller guter Ansätze, zerfällt aber mit zunehmender Spielzeit immer stärker in seine Einzelteile.

Jacky Vanmarsenille (Matthias Schoenaerts) ist ein Rinderzüchter aus Flandern. Der Mann mit der bulligen Statur ist ebenso reizbar wie scheu - und die illegalen Hormone, die er für seine Tiere besorgt, verabreicht er sich auch gern selbst. Gerade baut Jacky mit dem Rindfleischhändler De Kuyper (Sam Louwyck) eine Geschäftsbeziehung auf, als die Hormonmafia einen Polizisten ermordet und damit das Interesse der Behörden aufs ländliche Belgien lenkt. Und so trifft Jacky nach langen Jahren seinen Kindheitsfreund Diederik Maes (Jeroen Perceval) wieder, der verdeckt im Umkreis von De Kuyper ermittelt. Den Polizisten und den Rinderzüchter verbindet ein grausames Geheimnis aus Kindertagen, das in Jacky Rachegefühle weckt...

Nachdem der Film wie ein Krimi über die Machenschaften der Hormonmafia beginnt, verlagert Roskam sein Augenmerk alsbald zur Vergangenheit des Protagonisten und konzentriert sich auf dessen Charakterstudie. In Rückblenden enthüllt er Stück für Stück ein traumatisches Erlebnis aus Jackys Kindheit, das letztlich nicht nur die Beziehung zum ehemals besten Freund Diederik, sondern auch die Hauptfigur selbst in einem vollkommen veränderten Licht erscheinen lässt. Jackys oft aggressives Verhalten, seine verschlossene Art und nicht zuletzt seine massive Einnahme von Hormonen bekommen nun eine völlig neue Bedeutung. Auf diesen Schockmoment steuert die Erzählung zwar unausweichlich zu, aber Roskam schmälert seine Wirkung durch allzu viele Ablenkungen von diesem zentralen Handlungsstrang.

Während es dramaturgisch Abstriche zu machen gilt, besticht „Bullhead" mit sehr stimmungsvoller Bildgestaltung. Durch beklemmend-düstere und von Nebel durchzogene Aufnahmen bekommt das flache belgische Land mit seinen Feldern und Bauernhöfen durchweg etwas Bedrohliches, was wiederum zum dunklen Geheimnis im Zentrum der Geschichte passt. Zugleich spiegelt sich in der unheimlichen Atmosphäre, die an das Genre des Film Noir erinnert, das heillose Innenleben des animalischen Antihelden Jacky. Wenn er im Halbdunkel und wie ein Tier schnaufend die Fäuste ballt und in die Luft boxt, oder wenn Kameramann Nicolas Karakatsanis eine deutliche bildliche Parallele zwischen den zusammengepferchten Tieren und Jacky zieht, dann erzielt das Porträt eines gequälten Individuums erst durch die erdrückende Umgebung seine volle Wirkung.

Die oft vor allem visuell oft hervorragend gelungenen Einzelszenen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Michael R. Roskam im Lauf des Films in einer allzu ausufernden Geschichte verheddert. Die Nebenfiguren sind eindimensional und bisweilen klischeehaft, so bleiben sie nur schlecht in die Erzählung integriertes Beiwerk. Zur Armada der Figuren kommt eine Fülle von Themen, deren Spektrum von Geldgier über Eifersucht bis hin zu Schicksal und Vergebung reicht. Hier wird vieles nur angedeutet und bleibt genauso oberflächlich wie die Darstellung der Liebe Jackys zu Lucia (Jeanne Dandoy) und der immer wieder recht platt ausformulierte Konflikt zwischen Flamen und Wallonen.

Fazit: „Bullhead" besticht mit düsteren Bildern des ländlichen Belgiens und ist über weite Strecken durchaus spannend. Allerdings will Regisseur Roskam zu viel auf einmal und verzettelt sich mit einer Vielzahl von Themen und Figuren, die zum großen Teil unterentwickelt bleiben.
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