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Reality XL
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Reality XL
Von Björn Becher
Tom Bohn ist ein gestandener deutscher Filmemacher. In seinen fast 30 Jahren im Geschäft hat er prämierte Werbespots gedreht, war für Regie und Drehbuch bei mehr als einem Dutzend „Tatort"-Folgen sowie zahlreichen weiteren TV-Filmen verantwortlich und hat mit „Straight Shooter" sogar einen Kinofilm mit Hollywoodprominenz (Dennis Hopper) in seiner Vita. Obwohl Bohn es sich einfach machen und wahrscheinlich noch ein weiteres Dutzend „Tatort"-Filme drehen könnte, sieht er sich seit einigen Jahren als Vorkämpfer der deutschen Independent-Filmszene. Mit der Plattform Indie-stars.de bot er 2007 unabhängigen deutschsprachigen Filmemachern die Möglichkeit, ihre Werke im Internet aufzuführen. Mittlerweile ist daraus allerdings ein Label für eigene Filmproduktionen geworden. Erstes Ergebnis ist Bohns kammerspielartiger Thriller „Reality XL", der quasi auch als Anleitung für andere Independentfilmemacher dient, hat Bohn doch in einem Blog seine Erfahrungen nicht nur bei Vorbereitung und Produktion, sondern auch mit Verleihern, FSK und Kinos, angereichert mit Tipps und Hilfestellungen, ausführlich aufbereitet. Dieses „Handbuch" ist aber nur ein Nebeneffekt, denn in erster Linie ist „Reality XL" ein ungemein reduzierter, aber genauso spannender Mystery-Thriller, der allerdings nicht das Niveau seiner starken Eröffnung halten kann.

24 Wissenschaftler betraten den Kontrollraum des Teilchenbeschleuniger LHC am europäischen Kernforschungsinstitut Cern in der Nähe von Genf, nur einer verließ ihn wieder. Weil seine 23 Kollegen spurlos verschwanden, muss Professor Konstantin Carus (Heiner Lauterbach) den Behörden Rede und Antwort stehen. Doch der dafür ausgewählte Ort, ein verlassenes Fabrikgebäude, ist genauso ungewöhnlich wie die einzige Person, die Carus dort empfängt: der seltsame Protokollführer Antoine (Godehard Giese), der dem Professor auf freundlich-unheimliche Weise begegnet, um kurz darauf mit einem uralten Computer alles, aber auch wirklich alles, zu protokollieren. Schließlich treffen auch die Ermittlungsbehörden ein – aber nicht das erwartete hochrangige Komitee, sondern nur die Kriminalbeamtin Sophia Dekkers (Annika Blendl) und der eitle Staatsanwalt Robin Spector (Max Tidof). Erst scheinen sie die Oberhand zu haben und dem anfangs wenig auskunftsfreudigen Carus ordentlich zuzusetzen. Doch umso tiefer der das Gespräch in Richtung Quantenphysik umlenken kann, umso überlegener wird er seinen Anklägern. Denn Carus ist sich sicher, alles zu kontrollieren. Wirklich alles...

Dass Tom Bohn sein Handwerk versteht, wird schnell ersichtlich. Gekonnt etabliert er das surreale Szenario und baut Spannung auf. Immer wieder lässt er in den wenigen Außenszenen die Kamera über die eindrucksvollen Parabolantennen der Erdfunkstelle Raisting in Bayern, dem Drehort des Films, wandern und unterstreicht so die mysteriöse Aura dieses für ein Verhör ungewöhnlichen Ortes. Sein zweiter Trumpf ist der von Godehard Giese („Lila, Lila") herausragend verkörperte, überkorrekte Protokollant, der Carus so zuvorkommend begegnet, dass man den Psychopathen schon hinter der Fassade vorlugen sieht. Glaubt man zumindest, denn in „Reality XL" ist wenig so wie es scheint. Bohn genießt es, mit den Erwartungen seines Publikums zu spielen. Da ist ein dunkelroter Fleck auf dem Boden, den nicht nur Carus trotz Antoines Beteuerungen, es sei Pflaumenmarmelade, für Blut hält – was genauso überraschend früh wie überhaupt nicht spannungsmindernd aufgelöst wird. Mit der skurrilen Figur des autistisch veranlagten Antoine werden auch während der weiteren Laufzeit die Highlights gesetzt. „Ich schreibe alles auf", sagt er einmal und nimmt das so wörtlich, dass er am liebsten alle Beteiligten erstarren lassen würde, ehe er die Toilette aufsucht.

Leider ist „Reality XL" kein Zwei-, sondern ein Vier-Personen-Stück. Die offene Auseinandersetzung zwischen Carus und den beiden Ermittlern wirkt nur halb so spannend wie die schwelende Stimmung zuvor, was vor allem an den überzeichneten Figuren liegt. Max Tidof stolziert samt Spazierstock und offensiv überheblich quer durch den Raum, während seine Partnerin während des Verhörs auch mal die Schuhe auszieht und sich lasziv auf eine Couch legt. Auch der Zickenkrieg zwischen beiden Figuren ist der Spannung merklich abträglich. Wenn in der Folgezeit das Szenario immer weiter ins Surreale abdriftet, Kugelschreiber in der Luft schweben und Asthmaanfälle „herbeigeträumt" werden, hat Bohn zwar die ein oder andere überraschende Wendung parat, schafft auch immer wieder intensive Augenblicke, erreicht aber nicht die eindringliche Atmosphäre des Auftakts.

Fazit: Auch wenn „Reality XL" im Filmverlauf abflacht und der Diskurs zwischen Carus und seinen Widersachern bisweilen ermüdend wirkt, gelingt Thomas Bohn mit dem unabhängig produzierten Kammerspiel ein Thriller, der bis zur letzten Kamerafahrt stark inszeniert ist. Man darf sich auf weitere interessante Projekte aus dem Hause Indie-Stars freuen.
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