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Knerten traut sich
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Knerten traut sich
Von Robert Cherkowski
Kinderfilme gehen einfach immer. Das Kino verändert sich ständig und auch wenn viele Filmemacher vor lauter Kinosterben, 3D-Neuerungen und Ideenarmut nicht wissen, was zu tun ist, wird es immer Bedarf an großen Abenteuern für kleine Kinogänger geben. Auch wenn man in Europa oft versucht, sich an den Spektakeln aus Übersee zu orientieren und oft im Direktvergleich scheitert, ist es besonders der Kinderfilm, der europäischen Filmemachern besser gelingt und sowohl bei Kritik als auch den Zuschauern immer lieber aufgenommen wird, als Importe aus Hollywood. Das sympathische Kinderkleinod „Mein Freund Knerten" war im vergangenen Jahr ein echter Überraschungshit. Kinofreunde jeden Alters waren verzückt von der Geschichte des jungen Lillebror, der mit seinen Eltern ins ländliche Norwegen zieht und sich dort mit einem Stück Holz anfreundet, das in seiner Fantasie ein Eigenleben entwickelt und ihm fortan als Knerten mit Rat und Tat und allerhand Albernheit zur Seite steht. Leider jedoch ist auch ein grundsympathisches Filmchen wie dieser nicht vor den Gesetzen der Branche gefeit: Im Erfolgsfall muss schnellstmöglich eine Fortsetzung nachgeschoben werden, solange das Original noch in Jedermanns Gedächtnis ist und die kindlichen Darsteller noch nicht von Bartwuchs oder Stimmbruch geplagt werden. So kommt es, dass mit Martin Lunds „Knerten traut sich" ein Jahr später schon eine Fortsetzung in den Startlöchern steht. Die Magie von einst ist dabei jedoch ein wenig verflogen.

Norwegen 1968: Nach einem Jahr hat sich der sechsjährige Lillebror (Adrian Grønnevik Smith) mit Hilfe seines Freundes, dem Ast Knerten, auf dem Lande eingelebt und freut sich des Lebens. Am meisten freut er sich auf ein Fahrrad, dass ihm seine Mutter (Pernille Sørensen) als Geschenk verspricht. Während im Fernsehen die anstehende Trauung von Harald V. mit Sonja von Norwegen das Top-Thema Nummer 1 ist, geraten in Lillebrors kleiner Welt jedoch wieder einige Dinge in Unordnung. Zuerst wird ihm vom verzogenen Bengel Carsten (Kristian Smedhaugen) das geliebte Fahrrad vor der Nase weg gekauft, dann wird seine Mutter auf dem Nachhauseweg von einem Auto erfasst und landet verletzt im Straßengraben. Während sie sich im Krankenhaus erholt, will Lillebror den flüchtigen Fahrer ausfindig machen. Leider glaubt ihm kaum jemand, dass es sich um ein Verbrechen handelt – niemand bis auf die 6-jährige Vesla (Amalie Blankholm Heggemsnes), die ähnlich wie Lillebror ebenfalls über eine kleine Holzfreundin namens Karolina verfügt. Während Lillebror und Vesla versuchen, den gemeingefährlichen Unfallfahrer ausfindig zu machen, knistert es ganz gehörig zwischen Knerten und Karolina...

Man muss es ganz deutlich sagen: Sehr viel Wert auf Originalität wurde beim zweiten Abenteuer rund um Knerten nicht gelegt. Wo man sich im Original noch damit begnügte, die leicht traurig-verträumte Seele von Lillebror zu erkunden und sich mit seinem hölzernen, imaginären Freund zu befassen, rückt das zuvor noch mit so herzergreifender Naivität porträtierte Innenleben Lillebrors in den Hintergrund. Darüber verkommt der kindliche Held leider ein Stück weit zum austauschbaren Racker vom Dienst. Besonders schwer trifft es den Titelhelden Knerten. War sein imaginäres Wesen im ersten Teil noch eine wunderbarere Metapher zum Ausdruck der Einsamkeit und der nicht zu bändigenden Fantasie Lillebrors, wird er hier phasenweise fast zum spleenigen Sidekick degradiert.

Auch die Story, deren roter Faden immer wieder verloren geht, überzeugt nicht durchgehend. So recht will sich hier keine goldene Mitte finden, um die sich die zahlreichen Nebengeschichten spinnen können. Mal dreht sich alles um ein neues Fahrrad, dann ist plötzlich die königliche Hochzeit von Harald dem 5. und Sonja von Norwegen wichtig, bevor der unsympathische Naseweis Carsten ins Zentrum rückt. Erst als Lillebrors Mutter in einen mysteriösen Autounfall verwickelt wird und Lillebror und Knerten beschließen, sich als Detektive zu versuchen, kommt etwas Schwung in die Geschichte. Leider werden selbst die jüngsten unter den Kinobesuchern recht schnell durchschauen, wer hinter der gemeinen (aber dann doch nicht so schlimmen) Fahrerflucht steckt. Lillebrors Freundin Vesla mit ihrer kleinen Holzpuppe Karolina bietet einiges an Potential, taucht jedoch nur sehr sporadisch auf und verschwindet immer wieder über weite Strecken ganz aus dem Geschehen.

Die „Trauung" Knertens mit Karolina verkommt zu einem höchst nebensächlichen Gag am Rande. Auch die Kinderschlager, die immer wieder auf der Tonspur erklingen, verfügen nicht über den Charme der herzlichen Musical-Einlagen des Vorgängers und nagen schnell am Geduldsfaden. Aber all dieser Kritik zum Trotz ist „Knerten traut sich" dennoch ein grundsolides Stück Kinderunterhaltung geworden, das zwar nicht begeistert, aber immerhin erfreut. Sympathische Darsteller und ein zügiges Tempo lassen die 81 Minuten Spielzeit schnell verstreichen und man verlässt den Film mit einem Schmunzeln.

Fazit: Der urige Charme, der „Mein Freund Knerten" zu einem so herausragenden Kinderfilm machte, ist Martin Lund in seiner konventionellen Blitz-Fortsetzung „Knerten traut sich" leider abhandengekommen. Wer den ersten Teil mochte, sollte – mit etwas gedämpften Erwartungen – dennoch einen Blick auf das neue „Knerten"-Abenteuer werfen.
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