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    Ausfahrt Eden
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Ausfahrt Eden
    Von Christian Horn

    An seinen Rändern ist der urbane Raum zuallererst ein Transitort, den man meist nur kurz im Vorbeifahren zu Gesicht bekommt. Der Stadtrand selbst ist ein Un-Ort im eigentlichen Sinne, der von Ankunft oder Aufbruch erzählt, darüber hinaus aber keine relevante Funktion erfüllt – als Grenzpassage markiert er zunächst nichts als einen Übergang. In ihrem Dokumentarfilm „Ausfahrt Eden" besuchen die beiden Regisseure Jörg Haaßengier und Jürgen Brügger das Umland von Köln, um die städtische Peripherie ein wenig genauer zu betrachten. Mit minimalistischen Mitteln ist ihnen dabei ein Bild des Stadtrands gelungen, das über die atmosphärischen Aufnahmen und die Porträts einiger dort lebender Menschen funktioniert.„Ausfahrt Eden" besteht aus vier Erzählsträngen mit jeweils unterschiedlichen Protagonisten. Ein schrulliger Mann buddelt Pflanzen und kleine Bäume aus, die in der Nähe der Autobahn wachsen, um sie in einiger Entfernung wieder einzupflanzen – sein ambitioniertes Ziel ist es, den Hang einer ICE-Trasse über die komplette Länge zu bepflanzen. Zwei ältere Herren philosophieren bei Schallplattenmusik in einem kleinen Verschlag irgendwo am Stadtrand. Eine Dame zeigt ihre luxuriöse Villa, die sie liebevoll mitten in der Peripherie eingerichtet hat. Zuletzt spielt eine Gruppe Kinder im Niemandsland zwischen der elterlichen Autowerkstatt und einem kleinen Wald, in dem es dem Vernehmen nach spukt: Die Oma, das erklärt einer der Jungs nicht ohne Begeisterung, hat den Geist auch schon gesehen.

    Jörg Haaßengier und Jürgen Brügger inszenierten ihren Dokumentarfilm in einer überaus puristischen Art und Weise. So verzichten die Regisseure auf jeglichen Off-Kommentar, auf Interviewsituationen oder eine weitergehende stilistische Aufbereitung des Filmmaterials – selbst als die Frau aus der Villa eine direkte Frage in den Raum hinter der Kamera stellt, kommt keine Antwort. So zwingt „Ausfahrt Eden" den Zuschauer, genau hinzuschauen und die Geschichten vom Stadtrand mit eigener Kraft aus den Bildern herauszulesen. Passend dazu bestehen die durchweg glänzend komponierten Aufnahmen, ohne die der Film nicht funktionieren würde, zumeist aus langen und statischen Einstellungen, die immer wieder die ungeschliffene Schönheit von kreuzenden Autobahnen, Bahnschienen und Strommasten, öden Wäldern, Brachen und Industriegebäuden einfangen.

    Einmal springen die Kinder auf einem verrosteten Autowrack umher, das irgendwer vor langer Zeit im verwunschenen Wald abgestellt hat; in einer anderen Szene besucht der selbsternannte Gärtner einen jungen Baum und freut sich über dessen prächtiges Gedeihen abseits der Schnellstraße – nur zwei von vielen Bildern, die mit schlichten Mitteln ein Gefühl für den Stadtrand vermitteln und den unbekannten Raum mit Bedeutung auffüllen. Den Rhythmus geben dabei nicht nur die Menschen und deren Handlungen vor, sondern in hohem Maße die aus Originalaufnahmen montierte Geräuschkulisse. Hier ist vor allem die omnipräsente Autobahn tonangebend, das Monster aus dem Land hinter den Metropolen, das nicht ohne Grund die Texteinblendungen vom Abspann begleitet: Die allzu bekannte Geräuschkulisse eines weitgehend unentdeckten Zwischenraums, der soeben kurz betreten wurde, entlässt den Betrachter ausgerechnet aus einer Kinovorstellung.

    Einerseits passt die raue und sperrige Form von „Ausfahrt Eden" wunderbar zum Gegenstand und ermöglicht einen feinen Blick auf die Peripherie der Großstädte. Andererseits ermüdet „Ausfahrt Eden" trotz der kurzen Lauflänge von rund 80 Minuten spätestens im letzten Drittel etwas, denn Haaßengier und Brügger fügen ihrem kargen Konzept – und vor allem den anfangs höchst interessanten Protagonisten – nichts Weiteres hinzu. Vielleicht gehört es zu einem Film über den Stadtrand aber auch schlicht und ergreifend dazu, dass man ihn ganz so wie das Niemandsland am Ende der Stadt bewusst und mühsam erobern muss. Denn wer nimmt schon freiwillig die ins scheinbare Nichts führende Ausfahrt vor der Ausfahrt, die er eigentlich nehmen will?

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