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Ein Tick anders
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Ein Tick anders
Von Christian Horn
Bislang war im Kino bemerkenswert wenig zum Tourette-Syndrom zu sehen. Das könnte sich langsam aber sicher ändern. Vergangenes Jahr lief mit der sehr erfolgreichen Road-Movie-Komödie „Vincent will meer" ein deutscher Film, dessen Held wider Willen an ebenjener Krankheit leidet. Parallel zur Produktion des Publikumslieblings von Ralf Huettner entstand mit „Ein Tick anders" eine weitere deutsche Tragikomödie, deren Hauptfigur mit dem Tourette-Syndrom geschlagen ist. Regisseur Andi Rogenhagen („The Final Kick") zeichnet seine jugendliche Protagonistin als zwar eigenartiges, aber keineswegs auf den Kopf gefallenes Mädchen. Der locker-episodische Ablauf der Handlung erfährt in der zweiten Hälfte jedoch eine allzu forciert wirkende Verbindlichkeit, die die ambitionierte Tragikomödie in ein immerhin noch kurzweiliges Jugendabenteuer transformiert und dem Film schlussendlich einigen Charme raubt. Dennoch ist „Ein Tick anders" ein durchaus sehenswerter Film mit sympathischen Figuren.

Dass Eva Strumpf (Jasna Fritzi Bauer) das Tourette-Syndrom hat, fällt in ihrer schrägen Familie kaum auf: Der Vater (Waldemar Kobus) verheimlicht seinen Jobverlust und agiert dabei überaus unbeholfen, während die Mutter (Victoria Trauttmansdorff) ihrer Kaufsucht frönt und die Oma (Renate Delfs) Staubsauger in die Luft sprengt. Onkel Bernie (Stefan Kurt), ein glückloser Gitarrist und gescheiterter Kleinkrimineller, komplettiert die kauzige Familie Strumpf. Weil der strenge Bankdirektor Herr Kühne (Falk Rockstroh) den Kredit der Familie nicht verlängern will, droht der Verlust des Hauses. Von daher ist es zunächst erfreulich, dass Evas Vater einen neuen Job in Berlin findet – nur will die Tochter ihr im Ruhrgebiet gelegenes Heimatstädtchen Marl auf keinen Fall verlassen...

Andi Rogenhagen, vom dem auch das Drehbuch stammt, erzählt die Geschichte mit zahlreichen schönen Ideen aus. Anfangs und in der Folge eine ganze Weile lang gleicht die Erzählung einer amüsanten Abfolge von Anekdoten aus Evas Leben und der Familie Strumpf. Rogenhagen schert sich weniger um eine klare Handlung, vielmehr rückt er seine liebenswerten Figuren, die zwar überzeichnet und schrullig daherkommen, jedoch nie zu Witzfiguren mutieren, in den Fokus. Im Mittelpunkt steht dabei immer die sehr einnehmend von Jasna Fritzi Bauer verkörperte Eva, die nicht nur in beinahe jeder Einstellung vorkommt, sondern auch via Voice-Over-Kommentar mit dem Publikum kommuniziert. Die Vorstellung der Familie und die Bewertung verschiedener Ereignisse werden im Drehbuch folgerichtig aus der Perspektive Evas vorgenommen.

Handwerklich ist „Ein Tick anders" wenig aufsehenerregend, aber der Zielrichtung des Films völlig angemessen. Mit den besten Hochglanzbildern, die im „kleinen" deutschen Kino möglich sind, dosiert eingesetzten Kranfahrten und einem feinen Blick für attraktive Schauplätze liefert Rogenhagen eine eingängig inszenierte Tragikomödie ohne große Ecken und Kanten. Auffallend sind allenfalls einige Szenen, die Gedankenströmen gleichkommen und die Innenwelt der Protagonistin in knappen, ästhetisch einfallsreichen Einschüben auf den Punkt bringen. Langweilig erscheint hingegen der Soundtrack, der – wie im deutschen Kino leider allzu üblich – mit reichlich Gitarrenmusik vor sich hin plätschert und als einzigen Lichtblick einen von Jasna Fritzi Bauer eingesungenen Popsong mit anarchischem Text aufweist.

Diese Regie- und Musikideen, ebenso aber die durchweg liebevoll gezeichneten und lustvoll gespielten Figuren verleihen „Ein Tick anders" seinen Charme, während der auf leichte Konsumierbarkeit ausgerichtete Erzählstil als Grundlage für die ausgewogene Mischung aus Jugenddrama und Komödie gut funktioniert. Als ungünstig erweist sich vor diesem Hintergrund lediglich, dass Rogenhagen der anekdotenhaften Erzählweise kurz nach der Hälfte der Spieldauer eine konstruiert und leicht hanebüchen wirkende Abenteuergeschichte um einen Banküberfall überstülpt, die es in Anbetracht der auch ohnehin skurrilen Familiengeschichte nun wirklich nicht gebraucht hätte.
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