Gergedan Mevsimi - Jahreszeit des Nashorns
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Gergedan Mevsimi - Jahreszeit des Nashorns

3,0


Von Asokan Nirmalarajah

Das zeitgenössische iranische Kino gilt momentan als eine der letzten Bastionen des künstlerisch anspruchsvollen, gesellschaftspolitisch relevanten Arthouse-Films. Während sich westliche Kritiker in adelnden Vergleichen mit dem italienischen Neorealismus der 1940er und 50er Jahre üben, loben renommierte Auteure wie Michael Haneke, Werner Herzog und Martin Scorsese noch eigenwilligere Zunftgenossen wie Jafar Panahi, Abbas Kiarostami, Mohsen Makhmalbaf und Asghar Farhadi, den Regisseur des Auslands-Oscar-Gewinners 2012 „Nader und Simin - Eine Trennung", über den grünen Klee. Die bittere Ironie hinter diesem Hype um den iranischen Film besteht darin, dass kaum eine dieser unabhängigen Filmproduktionen im Heimatland Abnehmer findet. Die bittersüßen Milieustudien, die auf Festivals rund um die Welt Trophäen sammeln, gehen neben dem kommerziellen Kino Irans unter oder kommen aufgrund ihrer Regimekritik gar nicht erst in die Lichtspielhäuser. Wer sich nicht der Zensur beugt, wird inhaftiert – prominentes Beispiel hierfür ist Jafar Panahi, der trotz Hausarrest weiterdreht - wenn auch nur in seinen eigenen vier Wänden („This Is Not a Film", „Pardé"). Seinem Landsmann und Kollegen Bahman Ghobadi („Schildkröten können fliegen", „Half Moon") gelang die Flucht. Der weltweilt mit über 50 Preisen (u.a. auch auf den Festivals in Cannes und Berlin) ausgezeichnete Autorenfilmer hat mit dem schwermütigen Politdrama „Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns" nun einen Film im türkischen Exil und damit frei von jeglicher Zensur gedreht. Dieser bietet zwar atemberaubende Bilder, ist inhaltlich aber kaum greifbar.

Dreißig Jahre lang musste er es über sich ergehen lassen und doch schmerzt es noch wie beim ersten Mal: die gründliche Gefängnisdusche. Doch heute ist alles anders, wird der kurdisch-iranische Schriftsteller Sahnel Farzan (Berouz Vossoughi) doch ein allerletztes Mal von oben bis unten geschrubbt und danach nicht wieder ins Verlies, sondern in die Freiheit entlassen. Wie benommen stolpert der einst so umjubelte Poet in einem schweren schwarzen Mantel gehüllt und das melancholische Gesicht von einem grauen, langen Bart erschwert, durch die Straßen. Damals, in den Siebzigern, zu Beginn der iranischen Revolution, war Farzan noch der Star-Autor eines lyrischen Romans gewesen. Doch der eifersüchtige Chauffeur seiner Frau Mina (Monica Bellucci) raubte ihm alles, als er ihn inmitten der politischen Turbulenzen des Landes als regimekritischen Künstler denunzierte, um sich Mina gefügig zu machen. Nach seiner Freilassung setzt Farzan nun alles daran, seine geliebte Frau wiederzusehen, die mit ihren Kindern nach Istanbul, in die Türkei gezogen ist. Doch was ihm nicht bewusst ist: Mina hält ihren Mann schon seit 20 Jahren für tot und hat sich in die Arme eines Anderen geflüchtet.

Bei der Vorstellung von „Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns", seines ersten nicht im Iran gedrehten Films, auf dem Filmfestival von Toronto wurde Regisseur Bahman Ghobadi nicht müde zu betonen, dass er nun endlich ein Werk in vollkommener künstlerischer wie ideologischer Freiheit gefertigt habe. Seine erste Regiearbeit im Exil sei von einer neuen Ruhe bestimmt, es mangele ihr an der Nervosität seiner früheren Arbeiten. So wirkt „Gergedan Mevsimi" auch wie eine Art kreative Katharsis für Ghobadi, der sich zuvor vor allem mit halb-dokumentarischen Sozialdramen wie „Zeit der trunkenen Pferde" (2000) einen Namen machen konnte. Hier lässt er zum ersten Mal seinem Talent als Kinozauberer und lyrischer Geschichtenerzähler freien Lauf und lädt zu einer traumwandlerischen Vermengung von abstrakt-verschachtelter Narration und metaphernreichen, ästhetisch überbordenden Bildmontagen ein. Das ist durchaus fesselnd, das souveräne Spiel des 74jährigen iranischen Kinoveteranen Behrouz Vossoughi („Die schmutzigen Helden von Yucca") in einer späten Hauptrolle neben der Italienerin Monica Bellucci („Irreversibel") als stilleidende Gattin ist zudem exquisit. Doch die sehr persönliche Geschichte vom hintergangenen, unterdrückten Künstler, die Ghobadi erzählt, rückt gegenüber den Bildern zu sehr in den Hintergrund, die Handlung wird so eher träge geschildert, den Figuren fehlt es an den nötigen Konturen.

Es zeigt sich, dass die neugewonnene Freiheit für den Filmemacher auch ungeahnte Fallstricke mit sich bringt. Wo Bahman Ghobadi wie seine berühmten Landsmänner und Zunftgenossen einst noch gezwungen war, seine gesellschaftskritischen Botschaften in hintergründige Figuren, Geschichten und Bilder zu verpacken, um sich durch die harte iranische Zensur zu mogeln, geht er in „Gergedan Mevsimi" nun mit dem ästhetischen Vorschlaghammer ans Werk. Statt sich der tragischen Lebensgeschichte im Kern des Films zu widmen oder gar zu neuen Einsichten über die politischen und kulturellen Hintergründe der Iranischen Revolution zu gelangen, befeuert er den Zuschauer mit düsteren Bildern mit komplexer Lichtgebung, die zu allem Überfluss so heftig nachbearbeitet wurden, das man meint den ersten Film zu sehen, der durch die beliebte Smartphone-App Instagram gepresst wurde. So wird Ghobadis Anliegen, aus der wahren Leidensgeschichte des befreundeten Poeten Sadegh Kamangar ein Plädoyer für die Kunst und gegen staatliche Unterdrückung zu bauen, zwar dank der inszenatorischen Tricks mit hoher Kunstfertigkeit ausgeschmückt, doch die gekonnt aufgebaute Atmosphäre verläuft erzählerisch mehrfach im Nichts. Der Regisseur liefert viele „schöne" Bilder des Grauens und der Melancholie, aber ihre Substanz ist nur selten erfassbar.

Fazit: Mit seinen metaphorisch aufgeladenen Bildkompositionen, genuschelten Gedichten auf der Tonspur und einer eher spartanischen Ausgestaltung von Handlung und Figuren regt „Gergedan Mevsimi – Jahreszeit des Nashorns", der erste Film des iranischen Filmemachers Bahman Ghobadi nach der Flucht aus seiner Heimat, zu einer Fülle an möglichen Interpretationen an. Der Regisseur überlässt es komplett dem Zuschauer regnende Schildkröten und sterbende Nashörner in der Wüste zu deuten. Die atemberaubenden Bilder dominieren das Politdrama, das Publikum bleibt dagegen auf Distanz und am Ende auch ein gutes Stück ratlos zurück.

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