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    Miss Bala
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Miss Bala
    Von Carsten Baumgardt
    Wer völlig unvoreingenommen und ohne Vorinformationen an den Filmtitel „Miss Bala" herangeht, denkt wahrscheinlich an alles Mögliche, aber nicht an ein packendes Drama über den mexikanischen Drogenkrieg. Doch genau das ist Gerardo Naranjos beinharter Thriller, der 2011 beim Filmfestival in Cannes seine umjubelte Premiere feierte. Der Film, der 2012 dann für Mexiko ins Oscar-Rennen ging, basiert lose auf der wahren Geschichte der Schönheitskönigin Laura Zuniga, die in der einheimischen Presse als „Miss Narco" bekannt wurde. Fürs Kino wurde sie nicht weniger treffend zu „Miss Bala" umgetauft – „bala" heißt (Gewehr-)Kugel. Naranjos Werk ist ein kraftvoller, düsterer, kompromissloser Film - die Geschichte der Tragödie Mexikos von innen gesehen. Mit dem wuchtig-wütenden „Miss Bala" gelingt dem Regisseur das seltene Kunststück eines ungeschönt realistischen Films, in dem der Funke der Hoffnung dennoch nicht erlischt.

    Die 23-jährige Laura (Stephanie Sigman) will ihrer ärmlichen Umgebung entkommen und unbedingt in der mexikanischen Grenzstadt Tijuana zur „Miss Baja California" gekürt werden. Doch die etwas unbeholfene Provinzschönheit scheitert schon bei der Aufnahmeprüfung des Wettbewerbs kläglich. Als ihre Freundin Suzu (Lakshmi Picazo) im Sperrfeuer eines Überfalls auf eine Disco ums Leben kommt, beginnt für Laura eine albtraumhafte Odyssee. Mitglieder einer Drogenbande hatten in dem Tanztempel ein Exempel an verdeckt agierenden, aber aufgeflogenen DEA-Agenten statuiert und diese in einem beispiellosen Blutbad förmlich hingerichtet. Schlecht für Laura: Sie kann die amoklaufenden Gangster identifizieren. Ihr gelingt zwar zunächst die Flucht, aber Laura wird von der Polizei an die Drogengang „verkauft". Das hochrangige Bandenmitglied Lino (Noe Hernandez) bietet ihr schließlich einen Deal an: Sie muss sich an einer neuen brutalen Aktion der Organisation beteiligen und soll dafür frei kommen. Das bleibt nicht ohne weitreichende Folgen...

    Gerardo Naranjos famosem Thriller-Drama „Miss Bala" mangelt es nicht an erinnerungswürdigen Szenen. Im Gegenteil. Aber wenn Laura nach ihrer Kooperation mit der Drogenmafia plötzlich doch für den Schönheitswettbewerb zugelassen wird und diesen als klar unterlegene Starterin auch noch gewinnt, gebiert das einen magischen Moment. Hier wird der Zustand eines ganzen Landes in einer einzigen Szene greifbar gemacht. Jeder Zuschauer der Schönheitsshow ahnt, was gespielt wird – die Drogenkartelle nehmen schließlich Einfluss auf jeden Aspekt des Lebens und sei es so etwas Banales wie eine Misswahl. Und die perplexe Laura bekommt bei der Preisvergabe keinen Ton heraus, weil sie wie erstarrt ist und permanent um ihr Leben fürchtet. Die Schöne symbolisiert die Machtlosigkeit, mit der die Bevölkerung diesem außer Kontrolle geratenen Krieg begegnet. Schätzungen zufolge stehen den 300.000 Mitgliedern der Drogenkartelle nur rund 50.000 Armeeangehörige und 35.000 Bundespolizisten gegenüber. Allein schon diese Relation dokumentiert die Ohnmacht des Staates Mexiko, der besonders in einigen Grenzregionen die Kontrolle über die Situation komplett verloren hat und die Macht faktisch an die Drogenbosse abtreten musste.

    Naranjos Werk ist rau, brutal und unmittelbar. Die allgegenwärtige Gewalt bricht oft unvermittelt und ohne Warnung aus, was von Kameramann Matyas Erdely in packenden, dreckigen Bildern eingefangen wird. Der Kniff, die Geschichte aus den Augen der unschuldigen Landpomeranze Laura zu erzählen, hat dabei einen unschätzbaren Vorteil: den Überraschungseffekt. Der jungen Frau ist die Innenwelt der Kartelle, in die sie notgedrungen eintritt, so fremd wie nur vorstellbar. Gerade durch diese ungewöhnliche Perspektive ergeben sich immer wieder unvorhersehbare Wendungen. Aber „Miss Bala" bietet nicht nur Innenansichten eines kriminellen Mikrokosmos, sondern Regisseur Naranjo zeichnet ganz nebenbei auch das Porträt einer jungen, ehrgeizigen Frau, die gezwungen wird, ihre Träume dem Pragmatismus zu opfern, um überhaupt am Leben bleiben zu können. Laura wird von allen Seiten getrieben und bleibt stets passiv, die fehlende Schauspielerfahrung des Ex-Models Stephanie Sigman erweist sich für das Porträt einer ständig Überforderten in gewisser Weise sogar als Vorteil.

    Dem Regisseur ist nicht an einer klischeehaften Schwarz-Weiß-Zeichnung im Kampf von Gut gegen Böse gelegen, die Grenzen verschwimmen vielmehr. Auch bei den Kartellmitgliedern blitzt manchmal ein Hauch von Menschlichkeit auf, während in den Reihen der Polizei Korruption an der Tagesordnung ist. Es fällt schwer, in „Miss Bala" überhaupt eindeutig positive Figuren auszumachen. Selbst Laura, die zwischen diesen Frontlinien unter die Räder gerät, ist keine blütenweiße Sympathieträgerin. Diesem Befund entsprechend inszeniert Naranjo seinen Film und vor allem die kernig-griffige Action in angemessen grimmigem Gestus. Die Gangs preschen bis an die Zähne mit Hochtechnologie bewaffnet in SUVs durch die staubigen Straßen und entscheiden per Handy über Menschenleben, die sowieso nichts zählen. Profit und Macht, in diesen Währungen wird gerechnet, menschliche Existenzen haben keinerlei Bedeutung. Das ist eine wahre Tragödie, die Naranjo ohne Schönfärberei dokumentiert.

    Fazit: Gerardo Naranjo gibt der Anarchie des mexikanischen Drogenkriegs in seinem tief berührenden dramatischen Thriller Gesichter. Die Innenansicht dieses erbittert geführten Kampfes zwischen Behörden und Gangsterbanden ist ein düster-dreckiges Schlachtengemälde mit durchschlagender Wirkung.

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