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Guilty of Romance
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Guilty of Romance
Von Ulf Lepelmeier
Mit „Guilty of Romance" schließt Regisseur Sion Sono seine „Hate"-Trilogie ab, die er mit dem grandiosen „Love Exposure" begann und mit dem blutigen „Cold Fish" fortsetzte. Irgendwo zwischen Psycho-Drama, schwarzer Komödie und Pink Eiga bewegt sich das Finale, mit dem das japanische Enfant Terrible um das Thema weiblicher Identitätsbestimmung kreist. In fünf Kapiteln erzählt Sono in seiner ihm eigenen bizarr-grausamen Art von einer untergebenen Hausfrau, die sich auf einen befremdlichen Selbstfindungstrip begibt, sowie einer verheirateten Polizistin und einer angesehenen Literaturprofessorin, die auf unterschiedliche Weise aus ihren geregelten Leben ausbrechen und in eine verbotene Welt der sexuellen Freiheiten und Gelüste vorstoßen.

Izumi (Megumi Kagurazaka) lebt einzig für ihren Ehemann (Kanji Tsuda), einen erfolgreichen Autor romantischer Romane, der pedantisch Gehorsam einfordert. Doch das reicht Izumi bald nicht mehr. Der Gatte erteilt ihr die Erlaubnis, in einem Supermarkt zu arbeiten. Beim Würstchenanpreisen wird sie von einer Frau angesprochen, die sie für ein pornographisches Fotoshooting gewinnen will. Erst zögert Izumi, dann lässt sie sich auf die Wünsche des Fotografen ein und gewinnt schnell an sexuellem Selbstvertrauen. Im Rotlichtmilieu trifft sie auf die Professorin Mitsuko (Makoto Togashi), die ihre Nächte als verruchte Prostituierte verbringt. Die aus einer wohlhabenden Familie stammende Frau nimmt sich Izumi an und zieht sie in einen Sumpf der Perversion hinab. Wochen später wird in einem heruntergekommenen Haus im Rotlichtbezirk eine kopflose Leiche entdeckt, deren Extremitäten feinsäuberlich entfernt und durch Teile einer Schaufensterpuppe ersetzt wurden. Polizistin Kazuko (Miki Mizuno), die sich zwischen Familienalltag und ihrem masochistischen Verehrer hin- und hergerissen fühlt, ermittelt in dem grotesken Fall...

Nach dem verstörenden Ausbruch eines Mannes aus gesellschaftlichen Konventionen in „Cold Fish" widmet sich Sion Sono („Suicide Club", „Strange Circus") nun einer Frau auf ihrer Suche nach sich selbst. Zu Beginn ist Izumi noch devote Ehefrau eines Erfolgsautors, der romantische Sehnsüchte in seinen Romanen heraufbeschwört, aber im exakt durchgeplanten Alltag hinter seinem aufgesetzten Lächeln zu keiner Gefühlsregung fähig ist. Nach dem Fotoshooting ist sich Izumi dann erstmals ihrer Attraktivität bewusst und stellt sich minutenlang nackt vor den Spiegel, um den Slogan zum Anpreisen der Fleischwaren nun mit lauter, sicherer Stimme einzustudieren – dabei erscheint sie selbst als Ware, die bloß noch nicht bepreist ist. Im Zerplatzen von Farbkapseln und scharfen Schnittfolgen findet die Anspannung der Figur ihre visuelle Entsprechung.

Unter den Darstellern spielen sich besonders Megumi Kagurazaka und Makoto Togashi hervor. Kagurazaka arbeitet den Wandel der Protagonistin, die ihrem Mann lange Zeit weiterhin die akkurate Hausfrau vorspielt und zunehmend exzessive Nächte verbringt, präzise heraus. Togashi gelingt als Mitsuko ein ähnliches Verwirrspiel, wenn sie zwischen der selbstsicheren, hochseriösen Literaturprofessorin und einer wilden Femme Fatale changiert. Auch die lediglich aufflackernde verletzliche Seite Mitsukos, die sich nach ihrem verstorbenen Vater sehnt und von ihrer Mutter verachtet wird, bringt sie mit feinen Nuancen zum Ausdruck.

Nur am Rande wird die Geschichte der Polizistin Kazuko weitergeführt und erst im finalen Kapitel finden der zeitlich später spielende Kriminalstrang sowie die Geschichte um Izumi und ihre Lehrmeisterin Mitsuko zusammen. Angetrieben von der nymphomanischen Mitsuko wird Izumis Selbstfindungstrip zur bizarr-perversen Odyssee. Der Literaturprofessorin folgend erlangen Worte nur dann Bedeutung, wenn sie physisch erfahrbar werden – was wiederum nur über einen Ausbruch aus sexuellen und moralischen Konventionen erreicht werden kann. Die Suche nach dem Ich ist hier immer auch die Überwindung romantischer Bilder und die Entfesselung aggressiver Sexualität. Kafkas unvollendeter Roman „Das Schloss" wird dabei in Sonos Film zum Sinnbild für die nicht enden wollende Suche der Protagonistin. Mit „Guilty of Romance" entwirft Sion Sono einen Frauenentwurf, der einigen Zündstoff liefern sollte – vor allem aber ein intensives und offen herausforderndes Kino-Erlebnis.
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