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    Trance - Gefährliche Erinnerung
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Trance - Gefährliche Erinnerung
    Von Carsten Baumgardt
    Danny Boyle ist ein leidenschaftlicher „Genrehopper“. Der Brite filmt einfach, was ihm gerade interessant erscheint, er bevölkert sein Werk mit Junkies („Trainspotting“) und Aussteigern („The Beach“), Zombies („28 Days Later“) und Sonnenanbetern („Sunshine“),  Glückskindern („Millions“) und Glückspilzen („Slumdog Millionär“), Lebens- („Lebe lieber ungewöhnlich“) und Überlebenskünstlern („127 Hours“). Mit dieser Vielfalt vermeidet der Regisseur, in irgendeine Schublade gesteckt zu werden - eine Konstante gibt es in seinen Filmen dennoch und das ist sein unverkennbarer Stil. Der ist hochmodern, visuell aufregend und immer am Puls der Zeit, zugleich aber auch universell verständlich. Das gilt genauso für Boyles jüngste Fingerübung, den doppelbödig-kühlen Thriller „Trance - Gefährliche Erinnerung“. Mit der von Rosario Dawson gespielten Hypnotiseurin Elizabeth bekommt das schillernde Figurenkabinett des Regisseurs einen weiteren bemerkenswerten Neuzugang und wenn dem Zuschauer am Ende des Films die überraschenden Handlungstwists nur so um die Ohren sausen, wird die hanebüchene Story vom Vergnügen an den abgefahrenen Einfällen und ihrer schwungvollen Darbietung locker kaschiert.

    Kunst-Auktionator Simon (James McAvoy) spielt gern. Allerdings mehr und glückloser als ihm lieb ist. Um seine Finanzen zu sanieren, lässt er sich auf einen gefährlichen Deal ein: Der Gangster Franck (Vincent Cassel) will mit seinen Kumpanen Nate (Danny Sapani), Dominic (Matt Cross) und Riz (Wahab Sheikh) bei einer Londoner Auktion das sündhaft teure Goya-Gemälde „Flug der Hexen“ stehlen und Simon, der dafür zuständig ist, dass das Kunstwerk im Falle eines Alarms während der Veranstaltung in Sicherheit gebracht wird, soll ihm dabei helfen. Doch der Raub läuft gehörig schief. Simon reißt sich den Goya im Tohuwabohu selbst unter den Nagel und wird dann von Franck im Nahkampf niedergeschlagen. Als er im Krankenhaus erwacht, hat Simon die Erinnerungen an den Überfall verloren. Wo sich das Gemälde befindet? Keiner weiß es! Nach einer schmerzhaften Folter durch Francks fachkundiges Team ist klar: Simon hat wirklich keine Ahnung. Nun soll die Psychologin Elizabeth (Rosario Dawson) weiterhelfen. Per Hypnose dringt sie in Simons Unterbewusstsein vor, um die Information über das Versteck des Bildes aus der hintersten Ecke seines Gedächtnisses hervorzukramen.


    Danny Boyles Filme umweht der unwiderstehliche Charme von Leichtigkeit. Vielleicht liegt es daran, dass der stilbewusste Regisseur einfach keine „großen“ Filme dreht (sieht man vielleicht einmal von dem Star-Vehikel „The Beach“ ab). Die tatsächliche oder vermeintliche Bedeutsamkeit seiner Werke ergibt sich nicht wie bei einigen anderen Filmemachern aus dem Produktionsbudget und aus dem Marketingaufwand, sondern ganz natürlich aus der jeweiligen Geschichte und aus Boyles sicherem Gespür für ihre publikumswirksame und angemessene Umsetzung. Mit diesem Feingefühl verwandelte er etwa ein im Grunde bitteres Sozialdrama wie den mit acht Oscars ausgezeichneten „Slumdog Millionär“ in ein veritables Feel-Good-Movie mit Herz. Und so ist „Trance“ wiederum zwar keineswegs Boyles bester Film, aber der Regisseur erkennt die Stärken und Schwächen der Story ganz genau und macht wieder einmal das Beste daraus. Die Einbruchshandlung an sich ist nichts Besonderes, aber eine hübsche Hypnotiseurin in ihrem Zentrum schon. So wird aus der anfänglichen Nebenfigur allmählich der Dreh- und Angelpunkt des mit augenzwinkerndem Humor angereicherten Geschehens: Was führt sie im Schilde? Wie faustdick hat sie es hinter den Ohren? Oder ist sie das Opfer? Boyle zieht dem Betrachter mit spürbarem Vergnügen immer wieder den Boden unter den Füßen weg und serviert uns eine unglaubliche Wendung nach der anderen.

    Die Kehrseite des munteren Hakenschlagens ist eine wildwuchernde Handlung, über deren alles andere als plausiblen Auswüchse der Zuschauer irgendwann kaum mehr den Überblick behält, denn „Trance“ ist nicht „Inception“: Während Christopher Nolan, der auch immer tiefer in die Traumebenen abgetaucht ist, seine Schachzüge so geschickt angelegt hat, dass der aufmerksame Betrachter jederzeit am Ball bleiben konnte, kümmert sich Danny Boyle nicht um diese Art von Logik. Er lässt die Grenzen zwischen Träumen und Realität zunehmend verschwimmen, gerade gegen Ende verzichtet er immer öfter auf die optischen Verfremdungen, die zuvor für Orientierung sorgten. Dann löst der Psychotrip regelrecht Schwindelgefühle aus, die man am besten wie in einer Achterbahn einfach genießt. Diese Empfindung verstärken Boyle und sein Stamm-Kameramann Anthony Dod Mantle („Das Fest“, „Antichrist“) mit einer stylish-schicken Werbeclip-Ästhetik und extremen Neon-Farbspielen, die der rastlosen Story und dem hektisch-pulsierenden Leben im heutigen London auch optisch Ausdruck verschaffen. Dazu verschafft Boyle seinem Publikum mit kurzen brutalen Einschüben nach Art des Kollegen Guy Ritchie („Bube, Dame, König, Gras“, „Snatch“) wenig zimperlich Adrenalinschübe: Da werden dann zum permanent pumpenden Techno-Score mit dem Taschenmesser Fingernägel im halben Dutzend gezogen oder mit dem Gewehr ganze Köpfe weggeschossen.

    Die Welt von „Trance“ ist chaotisch und verdorben, auch die Figuren sind von den Drehbuchautoren Joe Ahearne („Perfect Parents“) und John Hodge („Trainspotting“) keineswegs als lupenreine Sympathieträger angelegt. Das Hauptdarsteller-Trio James McAvoy („Abbitte“, „Wanted“), Rosario Dawson („Sin City“,„Sieben Leben”) und Vincent Cassel („Black Swan”, „Hass”) überzeugt dabei mit soliden bis guten Leistungen durchaus, aber die kühle Ambivalenz, die ihnen verordnet wurde, hält sie auf Distanz zum Zuschauer. Am nächsten kommt uns paradoxerweise noch Dawsons komplett undurchsichtige Elizabeth, denn die Darstellerin hat sichtbar Spaß an der rätselhaften Rolle, auch einen, ausnahmsweise für die Story wichtigen, (Komplett-)Nacktaufritt absolviert sie mit Anstand und Stil. Im Vergleich wirkt McAvoy in der passiven Rolle des von allen Getriebenen deutlich blasser. Cassel wiederum holt aus seinem auf den ersten Blick stereotyp angelegten Bösewicht einiges heraus. Er zeigt, wie die Souveränität des Beginns dem smarten Schläger Franck immer mehr abhanden kommt, je tiefer er in das Verwirrspiel eintaucht. Diese verletzliche Seite macht seine Figur interessant, hier deutet sich eine Komplexität an, die dem Film als Ganzem etwas fehlt.   

    Fazit: Danny Boyles rasanter Twist-Express „Trance – Gefährliche Erinnerung“ ist ein hipper Thriller, ein wüster Ritt, den man als Zuschauer nicht ohne Schwindelgefühle übersteht - aber Spaß macht er allemal.

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