Mein Konto
    The Paperboy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    The Paperboy
    Von Carsten Baumgardt

    Was wäre wohl passiert, wenn Trash-Ikone John Waters („Hairspray") den 60er-Jahre-Klassiker „Wer die Nachtigall stört" von Robert Mulligan neuverfilmt hätte? Das werden wir zwar nie erfahren, aber „Precious"-Regisseur Lee Daniels gibt trotzdem die Antwort darauf – und was für eine. Sein neurotisches Südstaaten-Märchen „The Paperboy" ist ein kalkuliert aus der Spur laufender Film, dem Daniels mit diesem Kunstgriff eine trashige Doppelbödigkeit verleiht. Hier stimmt auf den ersten Blick wenig, aber der Regisseur schlägt nach einer Weile so wilde Haken, dass der schwüle Thriller auf eine bizarre Art unterhält.

    Lately, Florida, 1969: Ward Jansen (Matthew McConaughey) und der Schwarze Yardley Acheman (David Oyelowo), zwei Journalisten von der Miami Times, untersuchen den Fall des möglicherweise unschuldigen Mordangeklagten Hillary Van Wetter (John Cusack), der einen Sheriff umgebracht haben soll. Als Fahrer heuern die beiden Reporter Wards Bruder Jack (Zac Efron) an, die Vierte im Bunde ist die schrille Charlotte Bless (Nicole Kidman), die mit dem durchgeknallten und wenig kooperativen Häftling Van Wetter eine intensive Brieffreundschaft pflegt. Sie soll ihn anmachen, damit er seine Version der Geschichte für die Zeitung erzählt. Tatsächlich bringt sie Van Wetter zum Reden, aber die Nachforschungen der journalistischen Ermittler in den Sümpfen Floridas stoßen nicht bei allen Einwohnern auf Zustimmung. Je länger sich die Angelegenheit hinzieht, desto kruder werden die Ereignisse...

    „The Paperboy", der es dann doch ziemlich überraschend in den Wettbewerb der 65. Filmfestspiele von Cannes geschafft hat, beginnt wie ein klassischer Südstaaten-Thriller im Stile von „In der Hitze der Nacht" oder „In the Electric Mist". Aber in der Folge wird schnell klar: Die Krimi-Handlung ist völlig egal, wichtig ist die Atmosphäre, die so hitzig rüberkommt, dass der eigentliche Fall schnell zur Nebensache gerät. Entscheidend sind die Zwischentöne und die Beziehungen zwischen den Figuren: Der 20-jährige Jack verliebt sich unsterblich in die wesentlich ältere Charlotte, die aber erstmal mit dem dauergrummeligen Yardley schläft. Ward wiederum hat seine ganz eigene Agenda... Das Beziehungsgeflecht wird im Lauf des Films allerdings immer verworrener, dramaturgisch findet „The Paperboy" nach der überzeugenden Eröffnung bald überhaupt keinen Halt mehr – aber Lee Daniels weiß, was er tut und erhebt den Exzess zum erzählerischen Prinzip, ähnlich wie dies zum Beispiel der spanische Kultfilmer Pedro Almodóvar („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs") in den 80er Jahren regelmäßig praktiziert hat.

    In den zahlreichen Nebenhandlungen schweift Lee Daniels ständig ab, dabei verliert er sein eingangs treffend etabliertes Lieblingsthema Rassismus zwar zunehmend aus den Augen und suhlt sich lieber in ganz anderen psychopathologischen Untiefen, eine trashige Faszination üben diese Exkurse dennoch aus. In einer denkwürdigen Szene wird Jack von Feuerquallen im Meer lebensgefährlich attackiert und schleppt sich mit letzter Kraft an den Strand. Drei Strandschönheiten eilen herbei, um erste Hilfe zu leisten, die darin besteht, den erlittenen Schock durch Urin zu lindern, falls gerade kein Essig zur Hand ist. Doch dann kommt Charlotte wie eine Furie angerast: „Wenn hier einer auf Jack pisst, dann bin ich das." Fortan werden ohne Unterlass hanebüchene Haken geschlagen und je mehr der Film in regelrechten Drehbuch-Irrsinn abdriftet, desto grenzwertiger wird auch die Präsentation des Geschehens. Da wird mal eben jemand zu supergroovigen Soul-Klängen brutal vergewaltigt und halb tot geprügelt oder Leuten wird die Kehle mit einer Machete durchgetrennt, als sei's ein Freudenfest – in solchen Szenen schießt Daniels über das Ziel hinaus und die Grenzen zwischen gewolltem Exzess und geschmackloser Entgleisung verschwimmen.

    Die Schauspieler sind den erzählerischen Kapriolen von Lee Daniels und Co-Autor Peter Dexter (dessen Roman verfilmt wird) ausgeliefert. Die Gewinnerin dabei ist allerdings eine großartige Nicole Kidman („Eyes Wide Shut"), die als schrille Sirene Charlotte in die Vollen geht und sich in extravaganter Pose so manche Szene von ihren Kollegen stiehlt. Warum sie sich für den offensichtlich ekligen und gewalttätigen Van Wetter erwärmt, ist indes nicht nachvollziehbar, aber diese Verweigerung von offener psychologischer Motivation passt zu Daniels wildem Stil. Und so wird der Standard-Sympathieträger und sonstige Charmebolzen John Cusack („High Fidelity") in einer ungewohnten Rolle kurzerhand als grotesker Erzbösewicht demaskiert, während Matthew McConaughey („Die Jury") ein weiteres Mal sein Schönlingsimage unterläuft und böse runtergeputzt wird, was der Star mit verschmitztem Gestus souverän hinnimmt.

    Yardleys hervorstechende Eigenschaft ist seine Wut, die sich pauschal gegen die Weißen richtet und der David Oyelowo („Der letzte König von Schottland") ungehemmt Ausdruck verleiht. Das zur Handlungszeit 1969 zweifellos besonders drängende Problem des Rassismus wird hier lautstark herbeizitiert, zum Thema im Sinne einer kritischen Darstellung oder inhaltlichen Auseinandersetzung wird es jedoch nicht. Zac Efron („High School Musical", „The Lucky One") wiederum ist der titelgebende Paperboy (= Zeitungsjunge), der im Film durch den Pipi-Vorfall am Strand zur einer lokalen Zeitungsberühmtheit wird. Daniels führt Efron ironisch als Posterboy vor, lässt den Teenie-Liebling wahlweise mit freiem Oberkörper, nur in Unterhose oder in weißem Feinripp-Hemd umherstolzieren und Nicole Kidman schmachtende Blicke zuwerfen. Efron ist letztlich das Opfer dieser fragwürdigen Inszenierung, er selbst macht nichts falsch und es gelingt ihm sogar mit einer so undankbaren Rolle einige Sympathiepunkte zu sammeln.

    Fazit: Lee Daniels lässt seinen Südstaaten-Thriller „The Paperboy" mit Vorsatz aus dem Ruder laufen. Dabei geht zwar einiges schief, aber dennoch überzeugt der krude Reißer mit einem hohen Unterhaltungswert. Daniels beginnt seinen Film als stimmigen Sumpf-Blues, aber danach wird er bald des Wahnsinns fette Beute – ein rüder und kurzweiliger Film.

    Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
    Das könnte dich auch interessieren
    Back to Top