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Die zwei Gesichter des Januars
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Die zwei Gesichter des Januars
Von Andreas Staben
Die 1995 verstorbene US-Schriftstellerin Patricia Highsmith wurde durch ihre psychologischen Thriller weltbekannt, ihre berühmteste Figur ist der amoralische Tom Ripley, dem sie gleich fünf Romane widmete. Dieser Mörder, der mit dem Vermögen seines Opfers ein neues Leben beginnt, wurde auf der Leinwand unter anderem bereits von Alain Delon („Nur die Sonne war Zeuge“), Dennis Hopper (in Wim Wenders' „Der amerikanische Freund“), Matt Damon („Der talentierte Mr. Ripley“) und John Malkovich („Ripley's Game“) verkörpert und ist mit seiner gewissenlosen Abgebrühtheit für jeden Schauspieler eine besondere Herausforderung. Obwohl Highsmiths 1964 veröffentlichter Roman „Die zwei Gesichter des Januars“ weder zur Ripley-Reihe noch überhaupt zu den besseren Werken der Autorin gehört, bietet er gleich zwei durchaus verwandte faszinierende Figuren aus der moralischen Grauzone. Das hat Drehbuchautor Hossein Amini („Drive“) erkannt und für seine gleichnamige Verfilmung des Buches, mit der er sein Regiedebüt gibt, zwei echte Hochkaräter engagiert: So liefern sich Viggo Mortensen („Der Herr der Ringe“) und Oscar Isaac („Inside Llewyn Davis“) in dem klassisch inszenierten Thriller-Drama vor prächtiger Mittelmeer-Kulisse ein spannendes Schauspielduell.  

Athen 1962. Der Amerikaner Rydal (Oscar Isaac) schlägt sich als Reiseführer und mit kleinen Gaunereien durchs Leben. Als er einer Gruppe von Studentinnen aus seiner Heimat den Parthenon zeigt, fällt ihm ein Touristenpärchen auf: Der Mann erinnert ihn unangenehm an seinen Vater, aber die Frau, die eher in seinem eigenen Alter ist, gefällt ihm. Rydal sucht die Bekanntschaft der beiden, sie stellen sich ihm als Chester (Viggo Mortensen) und Colette MacFarland (Kirsten Dunst) vor und kommen ebenfalls aus den USA. Sie verabreden sich zu einem Abendessen zu viert, beim gemeinsamen Dinner mit Rydals Freundin Lauren (Daisy Bevan) vergisst Colette ihr Armband. Als Rydal ihr das Schmuckstück ins Hotel bringen will, sieht er Chester, der einen leblosen Mann (David Warshofsky) über den Etagenflur schleift: Er habe den angeblich Unbekannten betrunken aufgelesen und wolle ihn in sein Zimmer verfrachten. Rydal hilft Chester schließlich dabei, aber im Hotelzimmer des vermeintlich Alkoholisierten liegen Fotos von den MacFarlands auf dem Schreibtisch. Es beginnt ein Katz- und Mausspiel voller Lügen und Geheimnisse…   



Patricia Highsmiths Welt ist bevölkert von notorischen Lügnern, Betrügern, Identitätsdieben, Doppel- und Wiedergängern, dabei sind die Details und die Logik ihrer Täuschungen bisweilen nebensächlich, vielmehr kommt es auf die übergeordneten Themen an. So ist es auch bei „Die zwei Gesichter des Januars“, wo die Vorlieben der Autorin schon im Titel anklingen. Der erste Monat des Jahres ist bekanntlich nach dem römischen Gott Janus benannt und dessen sprichwörtliche Doppelköpfigkeit lässt sich hier im Verhältnis der beiden Hauptfiguren erkennen. Hossein Amini nimmt zwar durchaus deutliche Änderungen gegenüber dem Roman vor, aber im Einzelnen ist das Geschehen auch bei ihm nicht unbedingt wahrscheinlich. Vor allem behält er aber das Protagonistenpaar bei, das sich in ein komplexes Netz aus Abhängigkeit und Gegnerschaft verstrickt. Beide haben etwas zu verbergen und tanzen vor den exquisit fotografierten Sehenswürdigkeiten, Landschaften und Straßen von Athen, Kreta und Istanbul (Kamera: Marcel Zyskind, „Code 46“) einen Pas de Deux zwischen nur vorgetäuschten Absichten und ehrlichen Heimlichkeiten. Mittendrin im brisanten Duell steckt Kirsten Dunst („Melancholia“) als Colette, an ihr entzündet sich Streit und Eifersucht (das ist in einer Szene, wo es darum geht, wer ihr Feuer gibt, durchaus wörtlich zu nehmen), was sie durch ihr Verhalten bewusst fördert. Dunst flirtet und provoziert mit verschlagener Unschuldsmiene, aber Colette bleibt höchstens eine Miniaturausgabe von Chester.

Für eine vollentwickelte Frauenfigur gibt es hier wieder einmal keinen Platz: Colette muss die große Bühne den Männern überlassen, die gleichzeitig gegen den anderen und gegen die eigenen inneren Dämonen kämpfen – das bekommt schon allein durch die Schauplätze zuweilen eine fast mythische Dimension und eskaliert in den Ruinen von Knossos auf Kreta. Mortensen hat dabei den saftigeren Part, seine Eifersucht ist fast krankhaft (wenn er der schlafenden Colette den übers Knie hochgerutschten Rock richtet, ist das nur besitzergreifend und nicht liebevoll) und in seinem meist vom Alkohol geröteten Gesicht steht der Selbstzweifel des ständigen Lügners. Isaacs Rydal hat dagegen die Arroganz und den Charme guter Bildung und Herkunft - während Chester buchstäblich um seine Existenz fürchtet, geht der Jüngere sorglos mit seiner Geldnot um. Garniert wird das Spiel der Spiegelungen und Doppelungen mit falschen Reisepässen, bedeutungsvollen Blicken und der ruhelos romantischen Musik von Alberto Iglesias („Dame, König, As, Spion“). Nach einer extrem spannenden Passkontrolle am Flughafen mündet die Reise der ständig in Bewegung befindlichen Protagonisten (mit Bus, Taxi, Schiff und Flieger) schließlich bei einer Hetzjagd zu Fuß in den Straßen Istanbuls: Amini zeigt bei seinem Debüt eine erstaunliche erzählerische Ökonomie, die fast schon an Hitchcock erinnert (in dessen Filmografie sich mit „Der Fremde im Zug“ auch eine Highsmith-Adaption befindet) und schafft eine Film-noir-Variation in mediterranem Glanz.

Fazit: „Die zwei Gesichter des Januars“ ist ein klassisch anmutendes, hervorragend gespieltes und optisch opulentes Thriller-Drama mit Film-noir-Anklängen.

Dieser Film läuft im Programm der Berlinale 2014. Eine Übersicht über alle FILMSTARTS-Kritiken von den 64. Internationalen Filmfestspielen in Berlin gibt es HIER.
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