Ruhet in Frieden - A Walk Among The Tombstones
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Kritik der FILMSTARTS.de-Redaktion Ruhet in Frieden - A Walk Among The Tombstones

3,5


Von Björn Becher

Nachdem Lee Childs Romanheld Jack Reacher 2013 nach fast 20 Büchern in Gestalt von Tom Cruise endlich seinen Kinoeinstand gegeben hat, soll nun eine weitere Ikone der Hard-Boiled-Literatur ein Franchise bekommen: Seit Mitte der 70er Jahre hat Autor Lawrence Block bereits Romane und Kurzgeschichten mit dem Protagonisten Matthew Scudder veröffentlicht. Wie sein Kollege Christopher McQuarrie bei „Jack Reacher“ griff sich der oscarnominierte Drehbuchautor Scott Frank („Out Of Sight“) für „Ruhet in Frieden – A Walk Among The Tombstones“ einen Roman mitten aus der Reihe heraus. Die in Deutschland 1994 erschienene Vorlage „Endstation Friedhof“ ist aber eine perfekte Wahl, weil in ihr exemplarisch zum Ausdruck kommt, was den abgehalfterten Detektiv mit dem Wirkungskreis in der Halbwelt New Yorks ausmacht. Und genau darauf legt auch Frank, der sich seit über zehn Jahren an dem Stoff abgearbeitet hat, den Fokus: Der Regisseur und Drehbuchschreiber in Personalunion setzt in seinem Film-noir-Thriller-Drama trotz „96 Hours“-Star Liam Neeson in der Hauptrolle und Krimi-Handlung weniger auf Action und Rätselraten als auf Atmosphäre und Figurenzeichnung.

1999: Matthew Scudder (Liam Neeson) schlägt sich als Privatdetektiv ohne Lizenz durchs Leben seit er nach einer Schießerei unter Alkoholeinfluss vor acht Jahren sowohl dem Job als Polizist als auch der Droge abschwor. Von seinen Meetings bei den Anonymen Alkoholikern kennt er den Junkie Peter (Boyd Holbrook), der ihn bittet, seinem Bruder Kenny (Dan Stevens) zu helfen. Die Gattin des Drogendealers wurde entführt und obwohl er die 400.000 Dollar Lösegeld umgehend zahlte, lieferten die Geiselnehmer ihm die Frau auf grausame Weise in kleine Teile zerstückelt zurück. Zusätzlich schickten sie Kenny ein Tonband mit der Aufnahme ihrer Vergewaltigung und Verstümmelung. Widerwillig nimmt Scudder den Auftrag an, für den nach Rache dürstenden Kenny die verantwortlichen zwei Männer zu finden. Schon bald entdeckt der Detektiv, dass es bereits zuvor Entführungsfälle im Drogenmilieu gab, bei denen die Frauen von Dealern von ihren Peinigern gefoltert und zerstückelt wurden. Über den sich komisch verhaltenden Friedhofswärter James Loogan (Ólafur Darri Ólafsson) findet Scudder eine erste Spur zur möglichen Identität der Täter, doch er ahnt auch, dass er sich beeilen muss: Er hat es mit sadistischen Profis zu tun und es ist nur eine Frage der Zeit, bis diese wieder zuschlagen.


Wer sich von Liam Neeson nach Filmen wie „96 Hours“, „Non-Stop“ oder „Unknown Identity“ den nächsten großen Auftritt als Bad-Ass-Actionheld erhofft, der wird enttäuscht. Zwar schießt Scudder im 1991 spielenden Prolog mit absoluter Gnadenlosigkeit drei Verbrecher über den Haufen und wird als Mann eingeführt, der keine Gefangenen macht. Doch das war es dann schon so ziemlich mit der Action, selbst beim doppelten Showdown liegt der Schwerpunkt auf Stil und Stimmung statt auf Kämpfen und Explosionen. „Ruhet in Frieden – A Walk Among The Tombstones“ steht wie seine Hauptfigur des abgehalfterten Ermittlers deutlich in der Tradition des Film noir (nicht umsonst wird in den Dialogen immer wieder auf Vorbilder und entfernte Verwandte wie Philip Marlowe Bezug genommen). So ist auch der Krimi-Plot eher nachrangiger Natur, was Liam Neesons Scudder schon früh klarstellt, in dem er erklärt, dass ein guter Ermittler immer auf die Mithilfe von Glück und Zufall angewiesen ist. Der Zuschauer wird daher auch nicht zum Mitraten eingeladen, sondern bekommt von Scott Frank einen Wissensvorsprung. Schon direkt nach dem Prolog zeigt er uns die Täter bei der „Arbeit“ und enthüllt ihre Identität später zu einem Zeitpunkt bereits endgültig, an dem Scudder noch ziemlich im Dunkeln tappt.

Auch ohne halsbrecherische Einlagen und verblüffende Wendungen ist „Ruhet in Frieden“ ungemein spannend, denn Scott Frank erzeugt ähnlich wie schon bei seinem Regie-Debüt „Die Regeln der Gewalt“ eine düstere und bedrohliche Atmosphäre. Der Auftakt gibt die Richtung vor. In der fast einzigen hell ausgeleuchteten Szene ist im Anschluss an den Prolog eine schöne Frau zu sehen, die sich scheinbar in Bettlaken räkelt. Erst nach und nach bekommen wir mehr Details. Die Laken sind in Wirklichkeit Plastikplanen, die Frau räkelt sich nicht, sie windet sich in Schmerzen. Sie ist gefesselt, geknebelt und wird gerade von zwei Sadisten gefoltert. Die anfänglich fast romantische Stimmung kippt hier in Sekundenschnelle ins Gegenteil und der somit etablierte im Doppelsinne dunkle Ton wird nur noch ein einziges Mal aufgegeben. Als die beiden grausamen Kidnapper eher zufällig ein neues Opfer erspähen, könnte man sich plötzlich ein weiteres Mal in einer Romanze wähnen. Zu den Klängen des Pop-Klassikers „Atlantis“ von Donovan passiert ein Mädchen in Zeitlupe den Wagen ihrer künftigen Entführer und winkt ihnen zu, während die Gangster so in Szene gesetzt werden, als würden sie gerade das erste Mal die große Liebe ihres Lebens erblicken. Dieser Stilbruch gibt den grausamen Verbrechern auf abgründige Weise einen Hauch von Menschlichkeit, wodurch ihre Taten letztlich noch brutaler und noch abscheulicher wirken.

Immer wieder regnet es in Strömen, die meisten Szenen spielen bei Nacht und ihr bevorzugter Schauplatz sind die dunkelsten und schmuddeligsten Ecken New Yorks. In dieser in jedem Sinne verkommenen Welt gibt es keine positiven Figuren oder gar gute Menschen. Scudders Klienten sind Drogendealer, die ihn nur beauftragen, weil sie nicht zur Polizei gehen können. Der Detektiv wiederum arbeitet für sie, weil die Leute, die er in ihrem Auftrag jagt, noch schlimmer sind. Und der trockene Alkoholiker selbst ist ebenfalls alles andere als ein strahlender Held. Sie alle sind tief versunken in einer städtischen Vorhölle, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Die Gesellschaft der Normalbürger und ihre Welt von Recht und Ordnung sind Lichtjahre entfernt, ihre Behörden interessieren sich nicht dafür, wenn Frauen von Drogendealern umgebracht werden und so sind nach dem Prolog im weiteren Film auch nur noch ein einziges Mal Polizisten zu sehen. In Liam Neesons Augen blitzt manchmal so etwas wie eine Ahnung von einer anderen, besseren Welt auf, manchmal wirkt es, als würde sich sein Scudder mit aller Kraft an die letzten Reste von Güte und Anstand klammern: Der charismatische Star aus so unterschiedlichen Filmen wie „Schindlers Liste“, „Star Wars: Episode I“ und „96 Hours“ gibt seiner Figur einen moralischen Kompass und ist damit für den Zuschauer auch in den schwächeren Momenten des Films der Fels in der Brandung.

Dan Stevens scheint sich dagegen für seine gerade in Gang kommende Kinokarriere vorgenommen zu haben, sein Saubermann-Image aus der Serie „Downton Abbey“ abzulegen: Der immer glatt rasierte blonde Anwalt Matthew Crawley ist Geschichte. Nach seiner Rolle als psychopatischer Ex-Soldat in „The Guest“ verkörpert Stevens hier einen von Schuldgefühlen und vom Verlangen nach Rache gebrochenen Drogendealer mit schwarzem Haar und ins Auge stechendem Schnurrbart. Neben ihm überzeugen auch die anderen Nebendarsteller, keine der zwielichtigen Figuren ist bloße Karikatur. Einziger Fremdkörper in der Besetzung ist Brian 'Astro' Bradley, was aber weniger an dem Rapper liegt als an der mangelnden Integration seiner Rolle in die Handlung. Der von ihm verkörperte, obdachlose und schwer kranke Minderjährige TJ unterstützt den unter einer regelrechten Technikphobie leidenden Scudder bei Recherchen und ist wohl hauptsächlich in Scott Franks Film gelandet, weil die Figur in der Buchreihe regelmäßig wiederkehrt und man sie eventuell noch für mögliche weitere Verfilmungen benötigt. Hier lenkt die Nebenhandlung um TJ allerdings bisweilen sehr stark vom Hauptstrang der Erzählung ab. Bei einer anderen Figur aus der Buchreihe war Frank konsequenter: Die Ex-Prostituierte Elaine Mardell, die in den Romanen nach und nach zu Scudders Love Interest avanciert, wurde kurz vor Beginn der Dreharbeiten herausgestrichen, obwohl mit Ruth Wilson („Lone Ranger“) bereits eine Schauspielerin unter Vertrag stand.

Fazit: Sehenswerter Noir-Thriller, der seine Spannung vor allem aus der düsteren Atmosphäre zieht.

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Kommentare

  • Jimmy V.

    Danke für die Infos, ich hatte nämlich tatsächlich eher Action als Noir erwartet.

  • wwallace

    Gestern gesehen, hat mich umgehauen. Mal wirklich was anderes, ohne Geballer und große Action. Macht einen sehr nachdenklich. Sehenswerter Streifen. Ich mag Liam Neeson von mal zu mal mehr.

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