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Die Summe meiner einzelnen Teile
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Die Summe meiner einzelnen Teile
Von Michael Kohler
Hans Weingartner pflegt eine Neigung zu Ausnahmesituationen – mal mehr politischer und mal mehr psychischer Natur. In seinem Film „Die fetten Jahre sind vorbei" geraten die Maßnahmen einer Spaßguerilla so sehr außer Kontrolle, dass es einer Travestie auf die RAF gleicht, und in „Free Rainer" stürzen zu Gunsten des Kulturfernsehens manipulierte Einschaltquoten ganz Deutschland in einen Freudentaumel. Mit seinem neuesten Film, dem Krankheitsdrama „Die Summe meiner einzelnen Teile", kehrt Weingartner jetzt zum Thema seines Regiedebüts „Das weiße Rauschen" zurück. Erneut geht es um einen psychisch labilen Helden, der in einer anderen Realität lebt und diese mit allen Mitteln gegen die „wahre", von Weingartner in ausgesucht deprimierenden Farben gemalte Wirklichkeit zu verteidigen versucht. Der Regisseur greift dabei auf ein bewährtes Motiv zurück: In seiner Ablehnung der gesellschaftlichen Realität hat der Kranke stellvertretend für die Gesunden recht.

Nach einem Alkoholentzug kommt der junge Mathematiker Martin Blunt (Peter Schneider) aus der Psychiatrie und hofft, sein altes Leben wieder aufnehmen zu können. Allerdings ist der Anfang schwerer als gedacht: Seine Freundin hat sich von ihm getrennt und seine alte Stelle ist vergeben. Martin verfällt wieder dem Suff und wird obdachlos. In einem abbruchreifen Gebäude lernt er den zehnjährigen Waisenjungen Viktor (Timur Massold) kennen. Eine Weile bleiben sie in Berlin und sammeln Pfandflaschen, dann flüchten sie in ein Waldstück in der Nähe von Martins Elternhaus. Mit gestohlenen Materialien bauen sie eine primitive Hütte und leben wie edle Wilde in der geradezu idyllischen Abgeschiedenheit. Bei einem Ausflug in die Stadt lernt Martin die Zahnarzthelferin Lena (Henrike von Kuick) kennen. Die beiden kommen sich näher, doch dann wird der Unterstand von aufgebrachten Bürgern zerstört und Martin verhaftet. Viktor hingegen scheint wie vom Erdboden verschluckt.

Der Titel deutet es schon an: „Die Summe meiner einzelnen Teile" handelt von einer in Scherben liegenden Existenz. Gleich mit den ersten Einstellungen führt Weingartner seinen Antihelden als Häuflein Elend ein, später, als sich ein etwas genaueres Bild ergibt, erscheint Martin als Mensch, der in der Leistungsgesellschaft nicht funktioniert. Henner Besuch, der für Weingartner die Kamera führt, bleibt dem Protagonisten meist dicht auf den Fersen und lässt ihn selten aus dem Blick. Die triste Realität von Berlin-Marzahn und das fahle Winterlicht komplettieren den Eindruck einer gnadenlosen deutschen Wirklichkeit. Erst durch die Freundschaft zu Viktor kommt etwas wirkliche menschliche Anteilnahme in den Film: In der langen Passage, in der Martin und Viktor im Wald eine vorübergehende Zuflucht finden, erinnert Weingartners Film an Pierre Schoellers thematisch verwandtes, insgesamt aber weniger rigide angelegtes Drama „Versailles". Mit dem Frühling blüht sogar kurz die Hoffnung auf ein glückliches Ende auf; allerdings nur, damit Weingartner sie dann mit einer glänzend inszenierten Pointe umso effektiver enttäuschen kann.

Auch in seinem neuesten Film sucht Hans Weingartner nach einem Gegenentwurf zur gesellschaftlichen Realität. Er findet sie in der Naturromantik des Philosophen Jean-Jacques Rousseau und in den Aussteigerfantasien der Hippies. Für die deutsche Obrigkeit und überhaupt für jede Form von staatlich sanktionierter Autorität bleibt da nur die Schurkenrolle: Polizei, Psychiatrie und Familie sind für Weingartner jeweils Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Da sein revoltierender Realismus mittlerweile etwas routiniert und abgenutzt erscheint, könnte dasselbe aber auch für seinen Film gelten. Immerhin bleiben Weingartners Widerhaken im Gedächtnis, und das Schlussbild schließt gekonnt an die Klassiker des Psychiatriefilms an: Für den Helden bleibt seine Utopie unerreichbar; er träumt sie für die anderen, für uns.

Fazit: Hans Weingartner bleibt sich treu und nörgelt nach Kräften an der von ihm in denkbar tristen Farben gemalten (deutschen) Realität herum: Einem weniger talentierten Regisseur würde man ein Flugticket in die nächste Hippiekommune wünschen.
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