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    Samsara
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Samsara
    Von Sophie Charlotte Rieger
    1992 hatten die Filmemacher Ron Fricke und Mark Magidson in ihrem Genre- und Gattungsgrenzen sprengenden „Baraka - Eine Welt jenseits der Worte" die Vielfältigkeit der Welt in beeindruckende Bilder gebannt. Fast 20 Jahre später begaben sie sich erneut auf eine filmische Reise, in die unterschiedlichsten Landschaften, zu mannigfaltigen Kulturen und Menschen, die sie in über 25 Länder führte. Das Ergebnis dieser Arbeit ist in ihrem nicht-narrativen Filmexperiment „Samsara" zu bestaunen, einer Bildersammlung, die ohne erklärenden Kommentar auskommt und das Publikum in eine Art visuellen Rausch befördert. Dabei machen Fricke und Magidson die Schönheit der Schöpfung ebenso deutlich wie die hässlichen Seiten des Erdenlebens.

    Der Zusammenschnitt der Materialien, die Ron Fricke und Mark Magidson während ihrer fünfjährigen Reise um die Welt gesammelt haben, ergibt keine Erzählung im üblichen Sinne. Die Filmemacher verzichten sowohl auf einen Voice-Over-Kommentar, als auch auf Titeleinblendungen, die über den Ort oder die Menschen auf der Leinwand Auskunft geben würden. So lässt sich „Samsara" auch nicht als Dokumentation beschreiben, sondern am ehesten – wie von den Filmemachern vorgeschlagen – als „geführte Meditation" über den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Dabei gibt es durchaus einen roten Faden, der die einzelnen Sequenzen assoziativ aneinanderfügt und thematisch bündelt. Bilder beeindruckender Naturphänomene stehen neben Einblicken in die Massentierhaltung von Hühnern und Schweinen. Die Schönheit exotischer Kulturen findet ebenso ihren Platz wie Prostitution.

    Fricke und Magidson haben mit einer 70mm- und mit einer Spezialkamera gearbeitet, die sie für Zeitraffer-Aufnahmen verwendet haben. Nach dem Dreh wurde das analoge Filmmaterial in einer aufwendigen Prozedur digitalisiert. Das Ergebnis sind Aufnahmen, die in ihrer Farbintensität fast künstlich erscheinen und Bildkompositionen, die wie gemalt wirken. Die Filmemacher arbeiten sowohl mit Beschleunigungen als auch mit Zeitlupen und statischen Bildern, bei denen sich der Betrachter oft nicht sicher sein kann, ob es sich um eine Fotografie oder um eine Filmaufnahme handelt. Die Zeit scheint stillzustehen, wenn die Menschen mit nahezu starrer Miene von der Leinwand blicken.

    Das Fehlen von Erklärungen und Orientierungshilfen zu den Orten und Menschen, die hier zu sehen sind, ist zunächst befremdlich. Gerade ihre Abwesenheit ermöglicht es dem Zuschauer jedoch zunehmend, sich von rationalen Gedanken zu lösen und sich ganz der emotionalen und intuitiven Wahrnehmung der Bilder hinzugeben. Das Ergebnis ist ein erstaunlich intensives Filmerlebnis, das nicht immer angenehm ist. Insbesondere bei den Aufnahmen von Massentierhaltung und Schlachtung hätte eine Kommentarebene durch die Abstraktion der Sprache eine Distanz zum Bild erzeugt. So aber ist das Publikum den erschütternden Aufnahmen unmittelbar und ungefiltert ausgesetzt. Fricke und Magidson muten ihren Zuschauern eine Menge zu, wenn sie versuchen, die hässlichen Seiten der Welt ebenso explizit darzustellen wie die schönen.

    Der Blick der Filmemacher ist nicht neutral, das kann er auch nicht sein. Schon durch die Musikuntermalung entsteht bei einigen Szenen eine leicht melancholische Stimmung. Die im Müll spielenden Kinder blicken dann nicht ausdruckslos, sondern traurig in die Kamera. Auch wenn Fricke und Magidson das Urteil dem Zuschauer überlassen, geben sie durch ihre Inszenierung oft eine deutliche Richtung vor. Und gerade weil zum Schluss hin die negativen Impressionen überwiegen, wirkt „Samsara" letztendlich doch wie eine moralische Lektion über die Schönheit der Natur und die Zerstörungswut des Menschen.

    Fazit: „Samsara" ist ein enorm intensives Filmerlebnis, in dem keine Informationen, sondern Eindrücke vermittelt werden. Mit Bildern von selten gesehener Schönheit und Schrecklichkeit fächern die Filmemacher die verschiedensten Facetten des Lebens und Sterbens auf Erden auf, dabei haftet dem von ihnen vorgegebenen Blick auf das Elend der Welt allerdings auch etwas unangenehm Belehrendes und Mahnendes an.
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