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Europa Report
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Europa Report
Von Stefan Dabrock

Das Science-Fiction-Genre umfasst nicht nur actionreiche Zukunftsvisionen, sondern auch viele ruhige Genrevertreter, in denen die Weite des Alls spürbar wird. In Filmen wie „Moon“, „Solaris“ oder „Dark Star“ geht es auch um das Unbekannte, das im Dienste einer Reflexion über die menschliche Natur steht. Sebastián Cordero greift bei seinem Science-Fiction-Drama „Europa Report“ auf diese Tradition zurück. Seine zurückhaltende Inszenierung untermauert er durch das gewählte Found-Footage-Konzept zusätzlich. Der Film scheint bis auf kleine Ausnahmen aus Material zu bestehen, das mithilfe festmontierter Raumschiffüberwachungskameras aufgenommen wurde. Dadurch gelingt ihm ein kleiner, aber feiner Genrebeitrag, mit dem er dem menschlichen Entdeckergeist huldigt.

Eine international besetzte Raumschiffcrew um die Piloten Willam Xu (Daniel Wu) und Rosa Dasque (Anamaria Marinca), Wissenschaftsoffizier Daniel Luxembourg (Christian Camargo), Meeresbiologin Katya Petrovna (Karolina Wydra) sowie den Ingenieuren James Corrigan (Sharlto Copley) und Andrei Blok (Michael Nyqvist) führt 2061 im Auftrag einer privaten Firma eine riskante Forschungsmission durch. Das Ziel ihrer monatelangen Reise ist der Jupitermond Europa, auf dem sie nach Spuren außerirdischen Lebens suchen sollen. Aber schon der Weg durchs All birgt Gefahren, die schließlich dafür sorgen, dass der Funkkontakt zur Erde abbricht. Die schwerwiegende Panne hindert die Astronauten aber nicht daran, ihren Weg im Dienste der Wissenschaft fortzusetzen. Planmäßig filmen sie weiterhin alles, was sich an Bord ihres Raumschiffs abspielt. Als der Mond Europa schließlich vor ihnen liegt, beginnen die eigentlichen technischen Schwierigkeiten der Mission. Dabei stellt sich heraus, dass Material und Menschen in der unbekannten Sphäre auf eine Weise gefordert werden, die das Team nicht vorausgesehen hat.

Sebastián Cordero folgt nicht den ausgetretenen Pfaden des Found-Footage-Konzepts, sondern überrascht bereits mit der Vermeidung einer streng-linearen Chronologie (es gibt zahlreiche Zeitsprünge) und einer geschickten Untergrabung des üblichen Authentizitätsfaktors. Das gezeigte Material sei zur „Ausstrahlung“ bearbeitet und wird von einer Wissenschaftlerin (Embeth Davidtz) der Auftraggeber-Firma kommentiert. Die Glaubwürdigkeit entsteht deswegen nicht mehr durch die Illusion einer Präsentation völlig unangetasteten Rohmaterials, sondern durch Vertrauen in diejenigen, die es erstellt haben. So wirkt „Europa Report“ wie ein klassisches Dokudrama und nicht wie ein Sensationsformat. Dank der chronologischen Freiheit verhindert Cordero, dass die Spannung unter anfänglicher Ereignislosigkeit leidet. Gezielt montiert er Szenen zur Charakterisierung der Figuren mit einzelnen Schwierigkeiten bis hin zu einem dramatischen Reparatureinsatz außerhalb des Schiffes. In und an dem Raumschiff der Forscher sollen sich unzählige Kameras befinden, so dass Cordero immer wieder die Fesseln des Found-Footage-Konzepts lösen kann, ohne mit diesem zu brechen. Ihm ist es so möglich, immer wieder die Perspektive zu Wechseln und sogar beeindruckende Weltallaufnahmen einzustreuen.

Das nützt seiner zurückgenommenen Science-Fiction-Vision ungemein, weil so die realistische Präsentation einer Forschungsmission ohne übertriebenen Budenzauber noch weiter in den Vordergrund gerückt wird. Die Hauptfiguren sind Forscher und keine Actionhelden. Der Wunsch, die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern treibt sie an. „Europa Report“ ist kein Film für Action-Fanatiker, sondern für diejenigen, die angesichts der Weite des Sternenhimmels das Gefühl beschleicht, dass es dort unbekanntes Leben gibt. Diese Empfindung nimmt Cordero mit den ruhigen Bildern in Verbindung mit der gelungen Musik auf, und erschafft so eine schwebende Atmosphäre der Unsicherheit. Der Aufbruch in eine risikoreiche Umgebung ist stets spürbar und so macht sich eine schwelende Spannung breit, die in gezielten Höhepunkten ausbricht. Diese werden sanft immer weiter gesteigert als der Mond Europa erreicht wird. Es ist faszinierend den Forschern dabei zuzusehen, wie sie trotz der mentalen Herausforderung durch die Isolation ohne Funkkontakt zur Erde und trotz immer neuer Probleme ihre Mission nicht aus den Augen verlieren, auch wenn es zu kleinen Meinungsverschiedenheiten kommt. Wenn unbekannte Phänomene gleichzeitig Beunruhigung und Neugierde auslösen, dann versteht man die magische Mischung aus der Lust an der Gefahr und der Erforschung völligen Neulands. „Europa Report“ feiert so auf eindrucksvolle Weise auch den Entdeckergeist von Weltraumpionieren.

Fazit: Sebastian Cordero erzählt die Geschichte in „Europa Report“ mit Sprüngen auf der Zeitachse und unterlegt die Bilder mit Musik. So verleiht er dem Geschehen zusätzlichen Schwung und hebt sich vom gängigen Found-Footage-Ansatz ab, während er die menschliche Sehnsucht nach einem Aufbruch zu neuen Welten visuell überzeugend feiert.

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Kommentare

  • noemata
    Die für mich interessanteste Aussage der Kritik:"Die Hauptfiguren sind Forscher und keine Actionhelden. Der Wunsch, die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern treibt sie an. " Diesem äußerst positiven Fakt kann ich mich nur anschließen, wobei das FF-Konzept trotz allem störend auf mich wirkt. In diesem Fall jedoch nicht aufgrund exzessiver Wackelkamera. Die ist meist fest an etwas montiert, was durchaus für gute Bilder sorgt. Zumindest was die Perspektiven betrifft. Nein, es ist die des FF-Stils geschuldete kleinformatige Qualität der Bilder. Und was für Bilder hätten das werden können. Man denke nur an die gestalterisch eigentlich gelungene Oberfläche von Europa. So bleibt ein relativ fader Nachgeschmack von Verlust filmischer Atmosphäre. Es "packt" nicht wirklich. FF hat im Weltraum einfach nichts verloren.
  • Der Eine vom Dorf
    FF hat für mich sogar nirgends was verloren außer auf heimischen Familien-Videos. (Ist halt überhaupt nicht mein Fall). Schade, sonst bin ich nämlich ein sehr großer Science-Fiction-Fan.
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