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Rocketman
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Rocketman

Ein knallbuntes Musical

Von Carsten Baumgardt
Jahrzehntelang genossen Musiker-Biopics den Ruf, Kassengift zu sein. Bis 2018 eines der größten Box-Office-Wunder aller Zeiten geschah: „Bohemian Rhapsody“, ein Film über die Rock-Band Queen und speziell ihren Frontmann Freddie Mercury, avancierte trotz einer chaotischen Produktionsgeschichte zu einem Sensationshit, der weltweit mehr als 900 Millionen Dollar in die Kassen spülte. Und der Mann, der damals den Tag rettete, war Regisseur Dexter Fletcher („Eddie The Eagle“), der drei Wochen vor Abschluss der Dreharbeiten für seinen gefeuerten Kollegen Bryan Singer einsprang und das Projekt auf den letzten Metern wieder in ruhige Fahrwasser führte.

Dabei hatten sich die Produzenten zugunsten von „X-Men“-Regisseur Singer zunächst noch gegen Fletcher entschieden, der vor Drehbeginn noch als einer der heißesten Regiekandidaten gehandelt worden war. Bei seiner ganz und gar eigenen Elton-John-Biografie „Rocketman“ geht der Brite nun nicht wie noch in „Bohemian Rhapsody“ Kompromisse ein, sondern verwirklicht seine Vorstellungen konsequent. Und so ist „Rocketman“ eine strahlend hell scheinende, kunterbunte Musical-Fantasie, die zwar als surreal-überhöhte Hommage an den großen Künstler Elton John bestens funktioniert, aber über den Menschen hinter der Sonnenbrille abseits der üblichen Rock’n’Roll-Klischees nur wenig zutage fördert.

Taron Egerton ist Elton John.


In seiner Kindheit leidet der schüchterne Reginald Dwight (Matthew Illesley, Kit Connor) unter der miserablen Ehe seiner Eltern Sheila Eileen (Bryce Dallas Howard) und Stanley (Steven Mackintosh). Seine Hochbegabung für das Klavierspiel bringt ihm aber ein Stipendium an der Royal Academy Of Music in London ein. Sein phänomenales Gehör für Musik lässt ihn schließlich als jungen Mann (jetzt: Taron Egerton) von der Bühnenkarriere träumen. Da Reggie aber absolut kein Gefühl für Songtexte hat, arbeitet er Ende der 60er Jahre mit dem talentierten Schreiber Bernie Taupin (Jamie Bell) zusammen. Der erfahrene Produzent Dick James (Stephen Graham) gibt den beiden dann eine Chance. Der Durchbruch gelingt Elton John, wie er sich inzwischen nennt, mit seinen ersten Auftritten im legendären Troubadour Club in Los Angeles, wo er die Aufmerksamkeit von Journalisten und Fans auf sich zieht. Dort lernt er auch den smarten Musikmanager John Reed (Richard Madden) kennen. Sie beginnen eine Affäre, doch Eltons Homosexualität wird weiterhin offiziell geheim gehalten. Mit 25 ist der Künstler bereits Multimillionär. Je erfolgreicher er wird, desto mehr Drogen schmeißt der Superstar ein – und wird so nur noch einsamer...

Die alte Rock’n‘Roller-Maxime „Live fast, die young“ hat Elton John, der in seinem Leben mehr als 450 Millionen Platten verkaufte, nur zur ersten Hälfte erfüllt. Dass die zweite überraschenderweise ausblieb, hat ein wenig mit Glück, aber vor allem mit der irgendwann erfolgten Einsicht zu tun, sein Leben radikal ändern zu müssen. Doch davon handelt „Rocketman“ nur in den Schlussszenen, im Vordergrund stehen der Aufstieg und die Selbstzerstörung des Exzentrikers Elton John. Das macht schon der Auftakt deutlich. In einem seiner berühmten, extravaganten Bühnenkostüme schneit John mitten in eine Therapiesitzung herein, wo er sich zum Konsum von allen erdenklichen Drogen bekennt. Er fängt an zu erzählen und so entfaltet sich aus dieser Rehab-Perspektive die eigentliche Geschichte. Die startet im Kindesalter, denn dort macht Regisseur Dexter Fletcher die Grundlagen für Elton Johns Charakterentwicklung aus.

Ein waschechtes Musical


Obwohl Elton hier noch Reggie heißt und nicht auf der Bühne steht, kommt die Musik nicht zu kurz. Besonders im ersten Drittel wechseln die Figuren immer wieder mitten in den Dialogen in Gesangseinlagen, um so ihre Gefühle auszudrücken. Nicht nur dieser Musical-Ansatz unterscheidet das Elton-John-Biopic von „Bohemian Rhapsody“, sondern Regisseur Dexter Fletcher entfesselt immer wieder einen surrealen Rausch und verabschiedet sich aus der Realitätsebene in höhere Sphären. Da heben Elton John und sein gesamtes Publikum auch einfach mal mitten im Konzert ab und schweben nun zur Musik durch den Saal. Diese Momente sind schlicht großartig als bunter Reigen und berauscht von der energetischen Musik des Superstars inszeniert. Und der Rhythmus dieser ekstatischen Szenen fügt sich wunderbar geschmeidig in das künstlerische Konzept der Überhöhung ein.

Nicht nur in den Musical-Einlagen, sondern auch in klassisch arrangierten Szenen sorgen Elton Johns Klassiker mehrere Male für pure Gänsehaut. Wenn der Künstler wieder bei seiner Mutter einziehen muss, was ziemlich demütigend für ihn ist, und dann am heimischen Piano „Your Song“ improvisiert, entsteht ein unglaublich schöner und ehrlicher Moment. Ein weiteres musikalisches und inszenatorische Highlight kreiert Fletcher rund um das Titelstück „Rocketman“, in dem er einen Selbstmordversuch am Grund eines Swimmingpools in einer unwirklichen Welt ansiedelt. Der junge Elton John beginnt den Song am Unterwasserpiano und nach einem Umschnitt beendet der erwachsene Star die Sequenz in einer triumphalen Stadionkonzertaufnahme vor zehntausenden Zuschauern.

Auf der Bühne ist Elton John in seinem Element.


Diese ästhetisch außergewöhnlichen Kabinettstückchen haben allerdings auch eine Schattenseite. Sie sind zwar immer superhübsch anzusehen, echte Gefühle entstehen aber nicht in allen Fällen. Besonders deutlich wird dies bei „Tiny Dancer“ – gerade im Vergleich zum berühmten Einsatz in Cameron Crowes Band-Trip-Klassiker „Almost Famous“. Wenn bei Crowe die gerade niedergeschlagenen Protagonisten einer nach dem anderen den fantastisch-atmosphärischen Song anstimmen, gibt das sofort Gänsehaut. Wenn dagegen Taron Egerton in „Rocketman“ das Liebeslied an die „kleine Tänzerin“ zu revueartigen Bildern singt, während Elton Johns Text-Partner Bernie mit einer Frau in einem Tipi verschwindet, ist der Moment einfach nur künstlich und kalt.

Dabei gibt „Kingsman“-Star Taron Egerton als Elton John physisch alles, was er hat und überzeugt mit einer ekstatischen Performance. Der britische Jungstar singt die Songs auch selbst und bringt so eine enorme Vitalität in sein Spiel, zeigt seine Figur aber gleichzeitig verwundbar und im Kern schüchtern und unsicher. Von den Sidekicks gefällt besonders Jamie „Billy Elliot“ Bell als treuer Schreibpartner Bernie Taupin, der über die Jahre der wahre Freund des Musikers ist. Bell verkörpert diese unbedingte Loyalität unaufgeregt und berührend. Als Kontrapunkt der Erzählung dient dagegen Richard Madden („Game Of Thrones“) als Elton Johns cleverer wie knallharter Manager John Reed. Er ist kein eindimensionales Arschloch, das seinen Ex-Lover Elton John disziplinieren will, sondern ein Geschäftsmann, der sein Gut schützt – allerdings, und das ist interessant, aus purem Eigeninteresse und nicht, weil er sich noch um den Menschen dahinter schert.

Sex, Drugs & Rock’n‘Roll


So stark „Rocketman“ gespielt ist und so bombastisch Dexter Flechters Musical aussieht, so enttäuschend ist es, dass der Zuschauer nach den Kindheitsszenen zu Beginn kaum etwas mehr über den wahren Menschen Reginald Dwight erfährt, sondern lediglich über die selbsterschaffene Kunstfigur Elton John. Die ist quietschbunt, trägt absurd-lustige Kostüme und knallt sich gern mit Drogen bis unter die Schädeldecke voll. Mit einem Näschen Koks und Alkohol zu jeder Tages- und Nachtzeit illustriert Fletcher die Exzesse. Während „Bohemian Rhapsody“ vorgeworfen wird, die Homosexualität Freddie Mercurys zu züchtig zu zeigen, geht Dexter Fletcher auch hier ein wenig weiter. Am Ende wirkt es aber auch ein bisschen pflichtschuldig, weil das Thema quasi mit einer einzigen, nur einigermaßen freizügigen Sexszene zwischen Egerton und Madden abgefrühstückt wird.

Zu Drugs und Rock’n’Roll gehört halt auch zwingend Sex. Das ist das Musiker-Klischee. Und die Schilderung von Elton Johns Wirken ist dann auch oft ein Abhaken solcher Klischees: der überraschende Durchbruch gegen alle Erwartungen, erster Ruhm, das öffentliche Abheben und Verleugnen von guten Freunden, Drogen, Absturz, Einsamkeit, Isolation … und Läuterung! Und zwischen all der knallbunten Inszenierung schwingt mal unterschwellig, mal vordergründig immer Fletchers Fazit über Elton Johns Show-Leben mit: Er ist ein einsamer Mann, der Zeit seines Lebens auf der Suche nach Liebe ist, die ihm aber niemand gewähren will. Dieses Glück findet Elton John erst später, wenn der Abspann des Films schon längst gerollt ist.

Fazit: Nachdem Dexter Fletcher bei „Bohemian Rhapsody“ erst kurz vor Schluss eingesprungen ist, gibt der Regisseur in seinem Elton-John-Biopic nun selbst nach eigenem Gusto Vollgas und schafft so eine exzentrische Musical-Hommage, die dem Künstler sicherlich gefallen wird – auch, weil er dafür nicht allzu viel Persönliches preisgeben musste.

Wir haben „Rocketman“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er außer Konkurrenz im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

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