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    Sinister
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Sinister
    Von Christoph Petersen
    Nach dem Überraschungserfolg von „Hangover" fingen alle Hollywoodstudios plötzlich an, möglichst anzügliche Komödien für ein erwachsenes Publikum zu drehen. Aber während praktisch jeder Erfolg einen Trend nach sich zieht, nehmen diese im Horrorgenre besonders extreme Formen an: Denn ist eine bestimmte Art von Horror gerade „in", dann geben die Studios praktisch nur noch den Projekten grünes Licht, die auf der Trendwelle mitsurfen. Nach dem Erfolg von „Scream" gab es eine regelrechte Teenie-Slasher-Schwemme, nach „Saw" folgten dann unzählige ultraharte Folterpornos und nach „Paranormal Activity" gelten Found-Footage-Filme (wieder einmal) als Maß aller Horror-Dinge. Da kommt es einem kleinen Kunststück gleich, dass es Regisseur Scott Derrickson („Der Exorzismus von Emily Rose") gelungen ist, mit „Sinister" einen klassischen Gruselfilm finanziert und realisiert zu bekommen. Dafür hat er sich allerdings eines kleinen Etikettenschwindels bedient: Da seine Hauptfigur auf dem Dachboden alte Super-8-Snuffvideos „realer" Gewalttaten findet, hat Derrickson den Produzenten den Stoff einfach als Weiterentwicklung des aktuellen Trends verkauft – und das obwohl sein Film selbst gar nicht in ein Found-Footage-Gewand gekleidet ist. Die Frechheit siegte und am Ende haben alle gewonnen: Bereits am Startwochenende hat „Sinister" in den USA mehr als das Sechsfache seines Budgets wieder eingespielt und das Publikum kann sich über einen der spannendsten Horrorfilme des Kinojahres freuen.

    Ellison Oswalt (Ethan Hawke) schreibt Kriminalromane über wahre, nicht aufgeklärte Verbrechen. Vor Jahren ist er mit dem Bestseller „Kentucky Blood" berühmt geworden, in dem er der Polizei ihr Versagen nachwies und den Fall nachträglich löste. Seitdem läuft der Familienvater diesem Erfolg hinterher, ohne jedoch jemals wieder an ihn anknüpfen zu können. Um vor Ort für seine Geschichten zu recherchieren, zieht Ellison mit seiner Frau Tracy (Juliet Rylance) und seinen zwei Kindern stets in die Gegend eines ungeklärten Verbrechens. Diesmal hat er in einer Kleinstadt in Pennsylvania sogar genau jenes Haus erstanden, in dem zuvor vier Mitglieder der dort lebenden Familie im Garten aufgeknüpft wurden, während die jüngste Tochter spurlos verschwand: Davon erzählt Ellison seiner Frau aber lieber nichts. Dann entdeckt er auf dem Dachboden eine Kiste voller alter Super-8-Videos mit Titeln wie „Pool Party ´86" oder „Sleepy Time ´98". Doch auf den Bändern sind keinesfalls harmlose Familienerinnerungen festgehalten, sondern neben dem Vierfachmord im Garten noch weitere grausame Massaker...



    Das erste Bild, aus dem Scott Derrickson und sein Co-Autor C. Robert Cargill (ein amerikanischer Internet-Filmkritiker) ihre Geschichte entwickelt haben, entspricht nun auch der ersten Einstellung des fertigen Films: Im Weißer-Gartenzaun-Idyll-versprechenden Super-8-Look und in Zeitlupe muss der Zuschauer mitansehen, wie vier Menschen mit Säcken über dem Kopf erhängt an einem Ast baumeln. Es ist der krasse Widerspruch zwischen dem heimeligen Gefühl, das viele von uns mit Super-8-Homevideos aus den 70er/80er Jahren verbinden, und dem grausamen Anblick der Körper in ihren letzten Lebenszuckungen, der diesen Auftakt besonders wirkungsvoll macht. Auch die anderen auf dem Dachboden gefundenen Videobänder versprechen wenig Linderung... vor allem der Film mit dem ebenfalls irreführend harmlosen Titel „Lawn Work" setzt sogar noch einmal ordentlich einen drauf. Es sind diese handwerklich hervorragend dem Look alter Familienaufnahmen nachempfundenen Snuff-Videos, die sich als Prunkstück von „Sinister" erweisen.

    Die Effektivität der eingestreuten Heimvideos hängt allerdings auch damit zusammen, dass der Zuschauer sie sich gemeinsam mit Ellison Oswalt in dessen Arbeitszimmer anschaut, wo sie von einem knatternden Super-8-Projektor an die Wand geworfen werden. Wenn das grausame Geschehen auf Ellison eine derart verstörende Wirkung ausübt, dass er gar nicht anders kann, als den Projektor auszuschalten, dann sieht auch das Publikum im Kinosaal die brutalen Morde mit anderen Augen. Und das liegt wiederum daran, dass Ellison nicht nur von Ethan Hawke („Before Sunrise", „Training Day") stark gespielt wird, sondern sich bereits auf dem Papier als extrem gut ausgearbeiteter Charakter erweist. Im Interview hat Scott Derrickson uns erzählt, dass viel von ihm selbst und von seinen eigenen Ängsten in die Figur mit eingeflossen ist. So hat auch der Regisseur selbst große Angst davor, seinen Status als finanziell erfolgreicher Filmemacher zu verlieren (eine Furcht, die ihm erst während des Schreibens wirklich bewusst wurde und die ihn selbst erschreckt hat). Mit Ellison Oswalt steht deshalb eine rundum glaubhafte (und zugleich nicht gerade liebenswürdige) Figur im Zentrum nahezu jeder Szene – und das macht den Horror, den er mit ansehen muss oder am eigenen Leib erfährt, auch für das Kinopublikum deutlich realer.

    Fazit: „Sinister" ist ein wahrhaft furchteinflößender Gruselfilm, der trotz Found-Footage-Anleihen eher an „Shining" als an die „Paranormal Activity"-Reihe erinnert und bis zur letzten Sekunde konsequent unter die Haut geht.
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