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Babel
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
5,0
Meisterwerk
Babel
Von Carsten Baumgardt
Mit nur drei Filmen katapultiert sich Alejandro González Iñárritu als Virtuose in die Riege großer Regisseure. Nach Amores Perros und 21 Gramm schließt der Mexikaner mit dem Ensemblefilm „Babel“ seine Trilogie über das zwischenmenschliche Zusammenleben ab. Das kraftstrotzende, starbesetzte Drama ist sein bisher handwerklich reifster Film. Iñárritu stellt sich dem biblischen Ton des Titels und liefert in vier Geschichten auf drei Kontinenten eine meisterhafte, hypnotische Zustandsbeschreibung der globalen Befindlichkeiten auf der ganz großen Weltbühne.

Wie der sprichwörtliche Schmetterlingsflügel, der anderorts einen Orkan auslösen kann, hat eine gefährliche Spielerei zweier marokkanischer Jungen weltumspannende Konsequenzen. Die Hirtenjungen Ahmed (Said Tarchani) und Yussuf (Boubker Ait El Caid) bekommen das neue Jagdgewehr des Vaters in die Hand, um beim Schafe hüten im marokkanischen Hinterland ein paar Schakale zu erlegen. Als der ältere der beiden Halbwüchsigen Probleme mit dem Zielen hat, demonstriert der jüngere die Feuerkraft der Waffe. Yussuf schießt von einer Bergkuppe aus auf einen weit entfernten Reisebus. Nach einigen Sekunden stoppt die Fahrt, Menschen laufen in Panik heraus...

Die wohlhabenden Amerikaner Richard (Brad Pitt) und Susan (Cate Blanchett) versuchen im Marokko-Urlaub ihre darbende Ehe wieder in den Griff zu bekommen, doch dieses Vorhaben gestaltet sich als schwierig. Zuhause in San Diego wartet das mexikanische Kindermädchen Amelia (Adriana Barraza) sehnlichst auf die Rückkehr ihrer Arbeitgeber, steht doch am Abend die Hochzeit ihres Sohnes Luis (Robert Esquivel) an. Ein tragisches Unglück in Marokko verhindert, dass Richards Schwester als Babysitter für die beiden Kinder Debbie (Elle Fanning) und Mike (Nathan Gamble) einspringen kann. Sie ist in Amerika damit beschäftigt, Bürokratie für die Rettung ihrer Schwägerin zu koordinieren. Susan ist im Reisebus von einer Kugel im Hals getroffen worden und wartet schwer verletzt in einem kleinen Wüstendorf auf medizinische Hilfe. Amelias Neffe Santiago (Gael Garcia Bernal) steht aber bereits in der Tür, um seine Tante zur Hochzeit zu fahren...



In Tokio hat die taubstumme Chieko (Rinko Kikuchi) den Selbstmord ihrer Mutter emotional nicht verdaut. Der Teenager rebelliert, raucht, trinkt, nimmt nachmittags mit Altersgenossen in der Stadt Drogen, ihr Vater Yasujiro (Koji Yakusho) ist ratlos...

Wer sich der großen Themen der Menschheit annimmt, muss schon ein gestandenes Selbstbewusstsein aufbringen, um nicht schon von vornherein zu scheitern. Dass es neben Lobeshymen auch eine Menge Gegenwind geben kann, ist allerspätestens nach Paul Haggis’ Rassismus-Drama L.A. Crash bekannt, der trotz Oscarauszeichnung und größtenteils hervorragenden Rezensionen von einem Teil der Kritikerschaft und des Publikums abgelehnt wurde. Ein ähnliches Echo könnte auch Alejandro González Iñárritu beschieden sein. Wer die Welt erklären will, wird gern schnell für größenwahnsinnig gehalten. Doch wer soviel Talent und Können wie Iñárritu in die Waagschale werfen kann, braucht sich nicht zu fürchten, wie „Babel“ eindrucksvoll untermauert.

Babel (im heutigen Irak liegend), hebräisch für das antike Babylon, steht im Alten Testament der Bibel als Sinnbild für den Sündenpfuhl. Die Vermessenheit der Bauherren des Turms zu Babel, der Gott im Himmel erreichen sollte, wurde von höchster Stelle mit dem babylonischen Sprachengewirr bestraft, das es der Menschheit unmöglich machte, vernünftig miteinander zu kommunizieren. Angesichts der weltpolitischen Entwicklungen der Gegenwart drängt sich der Verdacht auf, dass sich trotz Internet (die Welt als Dorf) und modernsten Kommunikationsmöglichkeiten dieser Umstand nicht entscheidend gebessert hat. Diese These vertritt auch Iñárritu in seinem Film. Kommunikation, bzw. die Unfähigkeit dazu, ist das Thema von „Babel“. Auf den ersten Blick sind nur drei der vier Geschichten miteinander verwoben. Die Episoden in Marokko und den USA bzw. Mexiko hängen offensichtlich direkt zusammen und laufen ineinander über. Die Verbindung zur Tokio-Ebene stellt sich erst sehr spät heraus und ist eher symbolischer Natur. Das ist jedoch unwichtig, Iñárritu geht es darum, Zeit und Raum weltumspannend zu verbinden, zu einer Einheit zu formen, um daran die Probleme zu verdeutlichen. Bei all der formalen Komplexität steht am Ende doch die Einfachheit. Das Fehlen einer sicheren Kommunikationsebene ist für eine Vielzahl von Missständen und Leid verantwortlich. Richard versucht vergeblich, sich bei den marokkanischen und amerikanischen Behörden Gehör zu verschaffen, während seine Frau vor dem Hintergrund eines politischen Scharadespiels um ihr Leben kämpfen muss. Das Kindermädchen Amelia ist tragisches Opfer der Verständnislosigkeit amerikanischer Grenzpolizisten und der japanische Teenager Chieko hat es schwer, aufgrund seiner Gehörlosigkeit überhaupt zu verstehen, was in die Welt vor sich geht und seinen eigenen Weg aus dem Trauma zu finden.

„Babel“, wieder nach einem Drehbuch des Literaten Guillermo Arriaga, ist im Kern simpel, in der Anlage der Story aber hochkompliziert und ambitioniert. Kunstvoll lässt Iñárritu die Fäden zusammenlaufen und findet dafür phantastische, eindringliche Bilder, die dem Betrachter lange im Gedächtnis bleiben. Top-Kameramann Rodrigo Prieto (Alexander, 21 Gramm, Amores Perros, 25 Stunden) darf sich schon auf seine nächste Oscarnominierung nach Brokeback Mountain freuen. Iñárritus Präzision und Fertigkeit der Montage erinnert ein wenig an den führenden Virtuosen Michael Mann (Heat, Insider, Collateral, Miami Vice), die Bilderflut entfacht einen regelrechten Sog, die den Betrachter mitreißt. Eine stilistische Nähe zu Steven Soderbergs meisterhaftem Traffic ist ebenfalls offensichtlich.

Schauspielerisch kann der Film das hohe Niveau der Produktionswerte mühelos halten. Das Startrio Brad Pitt (Troja, Mr. And Mrs. Smith), Cate Blanchett (Aviator, Die Journalistin, Schiffsmeldungen, „Herr der Ringe“) und Gael Garcia Bernal (The Science Of Sleep, La Mala Education, Die Reise des jungen Che) dient als Integrationsanker, um eine größere Aufmerksamkeit zu erhalten. Wer sich als glühender Brad-Pitt-Verehrer allerdings ohne Vorwissen in diesen Film verirrt, wird höchstwahrscheinlich verwirrt und irritiert den Saal verlassen. Der Rest des Ensembles, das zu einem Großteil aus Laien besteht, fügt sich nahtlos ein. Es sind die Geschichten, die ans Herz gehen. Ganz besonders die USA/Mexiko-Episode um Kindermädchen Amelia, herausragend gespielt von Adriana Barraza („Amores Perros“), ist emotional brutal packend. Die Teilgeschichte in Japan fällt ein wenig aus dem Rahmen, ist die einzige mit kleineren Schwächen, aber im Kontext des übergeordneten Filmthemas fügt sich auch dieses Puzzlestück ein.

Stilstisch brillant, optisch brillant, erzählerisch brillant: Alejandro González Iñárritu schließt seine Trilogie mit „Babel“ mit einem weiteren Meisterwerk ab, der prestigeträchtige Regiepreis in Cannes und der Golden Globe als bestes Drama sind hochverdient. Jeder seiner drei Filme fasziniert auf seine Weise, der vorliegende ist sicherlich der ambitionierteste… und vielleicht auch der beste. Intimes und doch universelles, entfesselndes Weltkino.
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