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    Mark Lombardi - Kunst und Konspiration
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Mark Lombardi - Kunst und Konspiration
    Von Michael Kohler
    Unter den vielen seltsamen Blüten der modernen Kunst ist die Konzeptkunst schon deswegen die seltsamste, weil sie den in der Moderne angelegten Gedanken zu Ende führt. Statt sich wie die meisten Künstler vor ihnen auf das zu beziehen, was zu sehen ist, versuchen die Modernen in der Regel, das sichtbar zu machen, was hinter den Dingen liegt. Abstrakte Kunst bildet eine Idee der Welt ab, weshalb es nur konsequent ist, auf die letzten Reste der gegenständlichen Darstellung zu verzichten und sich auf Konzepte zu beschränken. Ironischerweise sehen die Ergebnisse dann oft schon wieder malerisch aus, wie das Beispiel des US-Künstlers Mark Lombardi zeigt. Aus der Ferne wirken seine mit Bleistift gezeichneten Diagramme beinahe wie Pflanzen- oder Blütenformen. Erst aus der Nähe zeigt sich, dass Lombardi mit ihnen den politischen Verflechtungen internationaler Finanzskandale eine einzigartige Gestalt gegeben hat. Dieser konspirativen Seite seines Werks gehört auch das besondere Interesse von Mareike Wegener, die den 2000 vermutlich durch die eigene Hand umgekommenen Künstler in ihrem Dokumentarfilm „Mark Lombardi – Kunst und Konspiration" porträtiert.

    Für ihren ersten abendfüllenden Film hat Mareike Wegener mit Weggefährten sowie mit den Eltern und Geschwistern Lombardis gesprochen. In diesen Gesprächen wird schnell deutlich, dass der 1951 geborene Künstler ein rechter Eigenbrötler mit einer Vorliebe für undankbare Arbeiten war. Im Studium vergrub er sich in Archiven und quälte sich durch Papierwüsten, später zog er zurück zu seinen Eltern, um meterweise Sachliteratur zu sichten und die daraus gewonnenen Informationen in Zettelkästen zu sortieren. Als über 40-Jähriger begann er schließlich, die Früchte seiner Privatrecherchen zu ernten, indem er zunächst die „Savings and Loan Crisis", eine US-Bankenkrise, die in den 80er Jahren zum Konkurs zahlreicher kommunaler Sparkassen führte, als Diagramm darstellte. Handelnde Personen, Firmen und Organisationen sind als Kreise repräsentiert, mit dem Kurvenlineal gezogene Striche geben die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den Beteiligten wieder. Die Pointe dieses Bildes und sämtlicher folgender liegt allerdings nicht darin, dass man die Zusammenhänge auf einen Blick verstehen würde. Im Gegenteil: Die Verflechtungen sind so weitreichend und kompliziert, dass der Laie allenfalls staunen kann und selbst Experten vielleicht noch Neues lernen.

    Die kuriose Schönheit dieser Historienbilder der globalisierten Welt spielt im Film allerdings so gut wie keine Rolle. Sie ist auch für Lombardis Künstlerkollegen lediglich ein Nebenprodukt seiner akribischen Recherchen, mit deren Hilfe er später allgemein zugängliche Informationen etwa über die Geschäfte der Vatikanbank bündelte oder die Finanzströme rund um den illegalen Waffenhandel offenlegte. Nach 9/11 wurde er dadurch sogar für den CIA zur posthumen Quelle; der Geheimdienst ließ beim New Yorker Whitney Museum anfragen, ob man eine Lombardi-Arbeit über das politische Netzwerk der Familie Bin Laden ausleihen könne. Allerdings wird von Wegener nicht zur Sprache gebracht, geschweige denn untersucht, welchen nachrichtlichen Wert Lombardis Recherchen tatsächlich haben. Dies bleibt ebenso im Ungefähren wie die leise angedeuteten Zweifel an Lombardis Selbstmord. Obwohl es niemals ausgesprochen wird, soll wohl zumindest möglich scheinen, dass der Künstler zu viel wusste.

    Dem Unterhaltungswert des Films hätte es sicherlich gut getan, wenn sich Mareike Wegener stärker auf die schüchternen Verschwörungsfantasien rund um Lombardi eingelassen hätte. Allerdings ist Wegener dazu ¬– man ist versucht zu sagen: leider – zu seriös. Viel Belastbares gibt es in dieser Hinsicht nämlich nicht, und da Lombardi selbst ein Mann der Fakten war, hält sich auch die Filmemacherin an diese. Blöd nur, dass Lombardi als Mensch – oder sind es nur die Gesprächspartner? – so wenig hergibt und dass Wegeners Interesse an kunsthistorischen Fragen enge Grenzen zu haben scheint. Auch ihre Illustrationen der geschilderten Finanzskandale erschöpfen sich im Wesentlichen in der Montage von wenig aussagekräftigen Archivbildern. Mögen Lombardis Arbeiten auch Blaupausen zu Wirtschaftskrimis sein; seinem Leben und seinem Werk fehlt in diesem Dokumentarfilm gleichermaßen das Spannungsmoment.

    Fazit: Mareike Wegener stellt in ihrem Dokumentarfilm den von Geldströmen und politischen Machtverflechtungen faszinierten Künstler Mark Lombardi vor, kommt aber weder ihm noch seinem Werk besonders nahe.
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