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Call Me Kuchu
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Call Me Kuchu
Von Sophie Charlotte Rieger
Längst nicht in allen Ländern der Welt sind Homo-, Bi- und Transsexualität so akzeptiert wie in Deutschland. Im ostafrikanischen Staat Uganda etwa streiten Aktivisten, Politiker und religiöse Führer seit langem darüber, ob die an Schwulen und Lesben verübte Gewalt mit den allgemeinen Menschenrechten in Konflikt steht oder nicht. Die Regisseurinnen Katherine Fairfax Wright und Malika Zouhali-Worral haben den Kampf der Betroffenen in ihrem Dokumentarfilm „Call me Kuchu" festgehalten und zeichnen ein umfassendes Bild der Situation in Uganda, das nicht immer leicht zu ertragen ist.

Im Zentrum von „Call me Kuchu" stehen fünf Aktivistinnen und Aktivisten, die sich dem Kampf gegen Diskriminierung Homosexueller in Uganda verschrieben haben. Besonders bedrohlich: Ein Gesetzentwurf, mit dem nicht nur Homosexualität unter Strafe gestellt wird, sondern nach dem auch „Mitwissern", die Betroffene nicht denunzieren, nun Gefängnisstrafen drohen. Die feindselige Stimmung gegen Schwule und Lesben wird durch Hetzkampagnen von Presse und religiösen Führern zusätzlich angeheizt, die Homosexualität undifferenziert als Sünde betrachten. All diesen Widrigkeiten zum Trotz kämpfen die Protagonisten von „Call me Kuchu" tapfer weiter und setzen damit ihr Leben aufs Spiel.

Weder das Thema noch der Stil von „Call me Kuchu" sind leichte Kost. Die wacklige Handkamera und bewusste Unschärfen erzeugen zwar einen Eindruck von Dringlichkeit, fordern dem Zuschauer aber auch Geduld ab. Das Ergebnis gibt den Regisseurinnen, die ihre Mittel sparsam und dezent einsetzen, jedoch Recht, denn sie kommen ihren Protagonisten mit dieser schnörkellosen und nüchternen Herangehensweise sehr nah. Diese berichten von erschreckenden und erniedrigenden Erlebnissen, deren Tragik und Tragweite sich dem Betrachter auch ganz ohne erläuternden Kommentar und dramatische Musikuntermalung mit voller Wucht erschließen.

Doch in „Call me Kuchu" kommen nicht nur die Opfer, sondern auch die Redeführer der Hetzkampagnen zu Wort. Mit erschreckender Selbstverständlichkeit verteufeln christlich-fundamentalistische Priester und Journalisten Homosexualität. Auch hier bleiben die Filmemacherinnen zurückhaltend, beziehen keine Position, sondern überlassen das Urteil über diese unreflektierten Diskriminierungen dem Zuschauer. Im Gegensatz zu den regelrecht aggressiven Gegnern der LGBT-Bewegung (Lesbian Gay Bisexual Transgender) handelt es sich bei deren Aktivisten um beeindruckende Persönlichkeiten: Allen voran David Kato, der erste bekennende Homosexuelle Ugandas, begeistert mit seinem unermüdlichen Kampfgeist, für den er teuer bezahlen musste.

Die Regisseurinnen widmen sich neben den persönlichen Schicksalen von David Kato und seinen Mitstreitern auch den politischen und rechtlichen Zusammenhängen und geben einen umfassenden Überblick über die Situation in Uganda. Dazu geben Mitschnitte aus Nachrichtensendungen Einblick in die internationale Berichterstattung über die Lage in dem afrikanischen Land. Gerade die Rolle der USA bleibt hier jedoch zwiespältig: Auf der einen Seite werden Demonstrationen gezeigt, bei denen die US-Bevölkerung ihre Solidarität mit den Aktivisten in Uganda bekundet. Gleichzeitig aber wird deutlich, dass ein beträchtlicher Teil der christlich motivierten Homophobie auf die Propaganda US-amerikanischer Missionare zurückzuführen ist. An dieser Stelle überrascht der erstaunlich unkritische Umgang der aus den USA und Deutschland stammenden Regisseurinnen mit ihrem eigenen kulturellen Hintergrund. Der Blick auf die Rolle der westlichen Welt fällt zu sparsam aus, das ist aber auch der einzige größere Kritikpunkt an „Call Me Kuchu".

Fazit: „Call me Kuchu" ist ein beeindruckender Dokumentarfilm, der daran erinnert, dass der Kampf um Menschenrechte für viele Homosexuelle auf der Welt noch lange nicht gewonnen ist. Schonungslos, aber nicht voyeuristisch, stellen die Regisseurinnen den ganz persönlichen Kampf ihrer Protagonisten in den Vordergrund.
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