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    Pioneer
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Pioneer
    Von Tim Slagman
    Die Tiefen der Meere sind ein idealer Projektionsgrund für unsere Ängste und Fantasien, ein scheinbar leerer und doch vollkommen dichter, fremdartiger Raum, weitgehend unerforscht und auf unschuldige Art und Weise lebensfeindlich. In Leinwandfiktionen lauern hier böse Kreaturen wie in James Camerons „Abyss – Abgrund des Todes“ von 1989 oder es werden Helden in der Tiefe geboren wie in dem Navy-Taucherdrama „Men Of Honor“ aus dem Jahr 2000. Erik Skjoldbjærg, der 1997 mit „Todesschlaf“ die Vorlage für Christopher Nolans Schlaflosigkeitsthriller „Insomnia“ mit Al Pacino und Robin Williams lieferte, hat nun aus einer wahren Begebenheit um gesundheitliche Schädigungen norwegischer Tiefseetaucher einen sorgfältig inszenierten Thriller gemacht, dem es freilich deutlich an „Thrill“ fehlt. Der schweigsame Protagonist bleibt dem Zuschauer seltsam fremd und Skjoldbjærg vermeidet jede emotionale Zuspitzung, wodurch Spannung und Intensität weitgehend auf der Strecke bleiben.

    In den 80er Jahren war Norwegen dank amerikanischer Hilfe erstmals in der Lage, die gigantischen Ölvorkommen vor der Küste des Landes auszubeuten. Um die ersten Schritte für den Bau einer Pipeline durchführen zu können, wird ein Team von Tauchern akribisch auf die Bedingungen in 500 Meter Tiefe vorbereitet. Doch beim ersten Test unter realen Bedingungen kommt es gleich zur Katastrophe: Petter (Aksel Hennie) verliert seinen Bruder Knut (André Eriksen) bei einem rätselhaften Unfall. Während die Regierung auf eine rasche Fortsetzung der Tests drängt, macht sich Petter auf die Suche nach den Verantwortlichen für Knuts Tod. Hatte Jørgen (David A. Jørgensen), der dritte Mann in der Taucherglocke, ausgerechnet im entscheidenden Moment einen seiner mysteriösen Anfälle? Hat jemand die Atemgaszufuhr unterbrochen, damit Knut das Bewusstsein verliert? Was ist das überhaupt für ein Gemisch, das die Amerikaner mitgebracht haben und unbedingt im Einsatz sehen wollen? Oder liegt die Schuld gar bei Petter selbst, den seit dem ersten Experiment in der Druckkammer seltsame Halluzinationen plagen?


    Bilder von der bedrohlichen Erhabenheit der Tiefsee sind angesichts der erzählerischen Prämisse Mangelware. Doch die Szene, die Petters Nachforschungen in Gang setzt, beeindruckt immerhin mit weiten Aufnahmen der kaum zu durchdringenden Dunkelbläue, in der jeder Rettende und jeder Verunglückte sich nur verlangsamt gegen den Druck des Wassers in Sicherheit bringen kann: ein Wettschwimmen gegen den Tod, in Zeitlupe und in beängstigender Stille. Doch das wahre Drama spielt sich zwischen den Menschen und damit auf dem Festland ab. Dabei gestaltet Skjoldbjærg Kulissen und Oberflächen in einem bewusst unterkühlten Retro-Look: Schwere Maschinerie, Röhren, Gitter und kalter Stahl begrüßen Petter auf den Stationen seiner Ermittlung, passend untermalt von der unaufdringlich unruhigen Filmmusik der französischen Synthie-Popper Air. Auch das Hausboot, in dem Petter nur sehr gelegentlich zur Ruhe kommt, stellt eher eine klaustrophobisch wirkende Gemütlichkeitssimulation dar als eine echte Oase der Heimeligkeit.

    Sicher und womöglich sogar geborgen fühlt Petter sich nur, wenn er seine Schwägerin Maria (Stephanie Sigman) und seinen kleinen Neffen besucht. Hier strahlt sogar stets die Sonne durch die breite Fensterfront, ansonsten ein eher selten gesehener Gast in dieser düster bewölkten Geschichte. Doch irgendwie scheint die typische Lähmung eines sonnigen Familiensonntagnachmittags auch die Erzählung befallen zu haben. Betont antiklimaktisch inszeniert Skjoldbjærg gerade die potenziell intensiveren Szenen, den Tod Knuts, einen Anfall Jørgens, ja selbst die Verfolgungsjagden und Mordanschläge, die Petter beweisen, dass er der Wahrheit wohl zu nahe gekommen ist. Dies mag als erzählerisches Prinzip seine Gültigkeit haben, aber es erschwert dem Zuschauer Identifikation und Empathie – und darauf sind Handlung und Figuren hier klar angelegt. Auch die skandalöse Gier nach Öl und Reichtum, die einflussreiche Leute über Leichen gehen lässt, schlachtet der Regisseur nicht aus: Man kann davon ausgehen, dass George Clooney bei seinem bereits in Planung befindlichen Hollywood-Remake stärker auf Emotionen setzen wird.

    Fazit: Erik Skjoldbjærg etabliert in seinem auf wahren Begebenheiten basierenden Thriller eine interessante unterkühlte Retro-Optik und zeigt ein auffälliges Desinteresse an der spekulativen Ausschlachtung seines Stoffes. Die Spannung und die Identifikation mit der leidgeplagten Hauptfigur kommen dabei allerdings deutlich zu kurz.
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