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    Berlin, I Love You
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Berlin, I Love You

    Für Berliner leider ungeeignet

    Von Christoph Petersen
    Nach „Paris, je t'aime“ von 2006, „New York, I Love You“ von 2008 sowie „Tbilisi, I Love You“ und „Rio, I Love You“ von 2014 ist das Episodenprojekt „Berlin, I Love You“ nun bereits der fünfte Film des vom Pariser Produzenten Emmanuel Benbihy begründeten „Cities Of Love“-Franchises (als nächstes stehen Shanghai, Jerusalem und Venedig auf dem Plan, bevor es anschließend auch noch mit Delhi, Marseille und New Orleans weitergehen soll). Im Zentrum der von verschiedenen Regisseuren inszenierten Kurzfilme, die im Idealfall gemeinsam ein möglichst vielschichtiges Porträt der jeweiligen Metropole ergeben, soll dabei laut Konzept die Universalität der Liebe stehen.

    Wo vor 13 Jahren zum Start der Reihe noch Größen wie Alfonso Cuarón, Alexander Payne, Gus Van Sant, Tom Tykwer, Wes Craven oder die Coen-Brüder Episoden zu „Paris, je t'aime“ beigesteuert haben, klingen die Namen inzwischen lange nicht mehr so glanzvoll: Nachdem es die Episode von Kunst-Superstar Ai Weiwei aus dramaturgischen Gründen doch nicht in den fertigen Film geschafft hat, ist der Regie-Handwerker Peter Chelsom („Weil es Dich gibt“, „Hannah Montana: Der Film“) nun fast schon der international renommierteste Filmemacher unter den Akteuren. Das muss natürlich nicht per se etwas Schlechtes sein – und dass „Berlin, I Love You“ auf fast ganzer Linie enttäuscht, hat dann auch sehr viel tiefergehende Gründe als den Bekanntheitsgrad der beteiligten Regisseure.


    So hagelte es schon nach der Veröffentlichung des ersten Trailers einiges an Hohn und Spott, weil die darin gezeigten Szenen lediglich das oberflächliche Berlin der Touristen abbilden und mit dem wahren Berlin ja nun mal gar nichts zu tun hätten. Und bei den meisten der Episoden müssen wir in diese Kritik einstimmen: Als Berlin-Film taugt „Berlin, I Love You“ leider gar nicht, es sei denn, man hat in seinem Leben noch nie das Brandenburger Tor oder den Fernsehturm am Alexanderplatz gesehen – die Kulissenauswahl ist über weite Strecken ein schlichtes, wenig inspiriertes Postkarten-Best-of. Am deutlichsten wird das gleich in der ersten und zugleich schwächsten Episode des Films.

    In „Berlin Ride“ von Peter Chelsom ist ein sitzengelassener Mann (Jim Sturgess) nur in die Stadt gekommen, um sich hier zu Tode zu saufen – „Leaving Las Vegas“ in Neukölln. Aber dann gerät er an einen weiblichen K.I.T.T. – einen BMW mit der Stimme von Katja Riemann, der sich erst weigert, das Geländer einer Brücke zu durchbrechen, und dem selbstmordgefährdeten Fahrgast anschließend verkündet, er werde ihm jetzt „mein Berlin“ zeigen und ihn so von seinen dunklen Gedanken abbringen. Es folgt eine Mini-Collage mit Siegessäule & Co. – und schon ist der Typ wieder total happy. Warum? Keinen Schimmer. Statt Erklärungen gibt es ein Picknick im Park und er streichelt zärtlich ihre Motorhaube.

    Zwischendrin gibt es viel Belangloses bis Kitschiges, etwa ein surreal-magisches Hinterhof-Tanzfest mit Musik von Max Raabe und seinem Palast Orchester. Oder die Geschichte eines ausgebrannten Hollywood-Blockbuster-Regisseurs à la Michael Bay (gespielt von Luke Wilson), der sich zwischen lauter Fünfjährigen das Open-Air-Kindertheater einer Puppenspielerin („Glee“-Star Dianna Agron, die mit der Episode zugleich auch ihr Regiedebüt gibt) anschaut und so seine Bodenständigkeit wiederfindet. Doll ist das alles nicht.

    Auch die auf eine Aussage abzielenden Beiträge wollen nicht zünden: Dennis Gansel („Die Welle“) steuert mit „Embassy“ etwa einen auf den Fall Edward Snowden anspielenden, fast ausschließlich in einem Taxi verorteten Thriller bei. Aber schon wenn „Game Of Thrones“-Star Sibel Kekilli, die zwar Taxi fährt, aber in Wahrheit voll das Zeug zur investigativen Reporterin haben soll, an einer Stelle die oberflächlichsten, offensichtlichsten Nichts-Sätze über Erdogans Türkei aufsagen muss, wird klar, dass hier hinter der Genre-Oberfläche nicht viel an tatsächlich interessanten Ideen steckt – und dann ist der Kurzfilm trotz Agenten in schwarzen Anzügen und schwarzen Autos, die gleich zwei Mal Leute von der Straße weg kidnappen, noch nicht mal spannend.

    Während die meisten der Episoden aussehen, als hätte man einen wohlmeinenden Handyfilter drübergelegt, wird es im abschließenden Beitrag von Massy Tadjedin („Last Night“) plötzlich betont grau. Ist aber auch kein Wunder, schließlich geht es um die Flüchtlingsunterkunft in den Hangars des stillgelegten Tempelhofer Flughafens. Eine der ehrenamtlichen Helferinnen (Keira Knightley) nimmt einen der Flüchtlingsjungen über Nacht mit in ihre Hochhauswohnung am Kottbusser Tor, wo ihre Mutter (Helen Mirren) von dem unerwarteten Besuch zunächst gar nicht begeistert ist. Das alles hätte noch viel wirkungsvoller und berührender sein können, wenn nicht alles an diesem Kurzfilm so offensichtlich auf den Effekt hin kalkuliert wäre. Immerhin solide.

    In einem #metoo-Musical mit Veronica Ferres werden einem Harvey-Weinstein-Verschnitt seine Schandtaten mit Heller und Pfennig zurückgezahlt – aber es fehlt der Pfiff und der Schwung, um das wirklich genießen zu können, so fühlt es sich einfach nur platt an. Und ob es ironisch gemeint ist, dass der zentrale „Laundromat“-Song von einem Mann performt wird, während der weibliche Chor der Backgroundsängerinnen zwischendurch nur #metoo und am Schluss einmal als Pointe #TimesUp hineinrufen darf? Vielleicht. Aber wahrscheinlich eher nicht.

    Dann schon lieber die Episode „Love Is In The Air“ von Til Schweiger, die man sehr leicht auch hassen könnte. Zugleich dreht der „Keinohrhasen“-Regisseur dem aktuellen Zeitgeist hier aber mit einer solchen Bockigkeit den Rücken zu, dass es uns irgendwie doch in erster Linie großen Respekt abverlangt: Mickey Rourke, dessen Einzelteile auch elf Jahre nach „The Wrestler“ noch irgendwie zusammenhalten, macht in einer Hotelbar das 40 Jahre jüngere Calvin-Klein-Model Toni Garrn (spielte auch schon in „Honig im Kopf“ mit) an. Da windet man sich vor Fremdscharm schon ein wenig im Kinosessel...

    Aber Schweiger zieht das nicht nur voll durch und lässt Rourke sagen, dass sie mit ihrem Business-Anzug die Frauenbewegung ja um 50 Jahre zurückwerfen würde, er setzt mit dem Schlusstwist der Episode sogar noch einen drauf. Den sieht man allerdings schon meilenweit kommen, weshalb es besser gewesen wäre, das Ende einfach offenzulassen, statt es mit Lippenstift am Badezimmerspiegel auszuformulieren. Das kann wütend machen. Wir fanden es erfrischend. Aber auf jeden Fall macht es mal was mit einem, während die anderen Episoden meist nur wirkungslos über einen hinwegwaschen.

    Zusammengehalten werden die einzelnen Kurzfilme von einer immer wieder weitererzählten Liebesgeschichte zwischen einem Pantomimen mit Engelsflügeln (Robert Stadlober) und einer israelischen Straßenmusikerin (Rafaëlle Cohen), die sich in Berlin auf die Spuren ihrer jüdischen Vorfahren begibt. Dass sich in diesen Zwischenspielen die Figuren aus den verschiedenen Episoden immer wieder zufällig über den Weg laufen, ist die wohl klischeehafteste Art, die Idee einer universellen Verbundenheit anzudeuten – und auch hier gibt es hauptsächlich die üblichen Touri-Locations zu sehen. Aber der für diese Szenen verantwortlich zeichnende Roland-Emmerich-Schüler Josef Rusnak („The 13th Floor“) hat von allen beteiligten Regisseuren eindeutig das beste visuelle Gespür – und so sieht das zumindest alles echt gut aus. Wobei er die Geschichte beim Mauerpark-Karaoke mit einem derart weichgespült-kitschigen Popsong enden lässt, dass die Zuschauer in „meinem Berlin“ bei dieser Performance mit Sicherheit längst nicht so euphorisch geklatscht hätten.

    Fazit: Mit dem wahren Berlin abseits der vier, fünf offensichtlichsten Touristen-Klischees hat diese Kurzfilm-Kompilation leider wenig bis gar nichts zu tun – und auch davon abgesehen taugen die meisten der Episoden nicht viel. Zum Glück haut Til Schweiger noch mal einen raus, denn die bockige Widerborstigkeit seines Beitrags wird wahrscheinlich das einzige bleiben, was hier noch länger als den Abspann im Gedächtnis haften bleibt.
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