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    96 Minuten
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    96 Minuten
    Von Sophie Charlotte Rieger

    In der westlichen Welt driften die Lebenswelten der Wohlhabenden und der sozial Benachteiligten immer weiter auseinander, aktuell rasend schnell in Südeuropa, seit längerem aber auch schon insbesondere in den USA. In „96 Minutes" lässt Regisseurin Aimee Lagos die gegensätzlichen sozialen Sphären nun systematisch aufeinanderprallen – gleich zum Auftakt sind in einem Auto zusammengekauerte Ghetto-Kids und College-Studenten gemeinsam in eine scheinbar auswegslose Situation verstrickt. Wie es zu diesem ungewöhnlichen Aufeinandertreffen kommt, erzählt Lagos mit „96 Minutes" nicht 96, sondern 93 Minuten lang. Und mit diesen 93 Minuten haben die Regisseurin und ihre Nachwuchsdarsteller 2012 auf mehreren US-Filmfestivals kräftig abgeräumt. Das erstaunt. Denn obgleich der sozialkritisch angelegte Thriller thematisch relevant und über weite Strecken recht unmittelbar spannend ist, wird mit zu stereotyp gezeichneten Figuren viel Potential verschenkt.

    Mit einer Schussverletzung am Kopf liegt Lena (Christian Serratos) blutend im Schoß ihrer Freundin Carley (Brittany Snow). Die beiden befinden sich auf dem Rücksitz eines Autos, das von Dre (Evan Ross), einem Highschool-Absolventen aus der Unterschicht, gefahren wird. Auf dem Beifahrersitz sitzt der verwirrte Schütze Kevin (Jonathan Michael Trautmann), der den Ernst der Lage noch immer nicht erfasst hat. Weder der Todeskampf Lenas kann ihn beeindrucken, noch die Tatsache, dass die Geschehnisse dieser Nacht nicht nur sein Leben, sondern auch das von Dre für immer verändern werden. Wird der besonnene Dre Carleys Flehen erhören und in ein Krankenhaus fahren?

    Indem Regisseurin Aimee Lagos den Tagesablauf der vier jungen Menschen in fragmentierten Rückblicken darstellt, erklärt sie dem Publikum nach und nach, wie es zu dieser ausweglosen Situation kommen konnte. Die Figuren aus „96 Minutes" entpuppen sich dabei schnell als ihren jeweiligen Milieus entlehnte Stereotypen. Die beiden Mädchen kämpfen mit Luxusproblemen, die da etwa wären: mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern und untreue, aber überdurchschnittlich attraktive Liebhaber. Dre und Kevin plagen hingegen wesentlich existenziellere Schwierigkeiten. Im Ghetto aufgewachsen, steht für sie Gewalt seitens der Familie, Gangs, aber auch der Polizei auf der Tagesordnung. Während Dre sich durch seinen Highschoolabschluss ein besseres Leben erhofft, ist Kevin durch seine schwere Kindheit und Jugend bereits so gezeichnet, dass es für ihn keinen Ausweg mehr zu geben scheint.

    Bei der Darstellung von Kevins Lebensrealität wird dann auch auf kein Klischee verzichtet. Die Mutter scheint sich zu prostituieren, bringt dem Sohn Verachtung entgegen und wird von ihrem aktuellen Liebhaber geschlagen. Kevin hat die Schule abgebrochen, spielt den ganzen Tag Egoshooter und träumt davon, seine aggressiven Phantasien als Gangmitglied in die Tat umzusetzen. Das ist keine besonders ergiebige Perspektive, zumal Lagos wenig Mühe darauf verwendet, ihre Figuren glaubhaft zu entwickeln. So möchte man etwa mit Carley zusammen wissen, warum Dre nicht trotz schwerer Biografie sofort ein Krankenhaus ansteuert. Bezüglich derartiger Motivationsfragen bringen auch die vielen Rückblenden kein Licht ins Dunkel. Und das, obgleich der Auftakt so involvierend ist: Gleich zu Beginn wirft Lagos ihr Publikum mitten hinein in eine furchtbare Pattsituation. Lena läuft die Zeit davon – während Carley und Dre mit ganz eigenen Existenzängsten beschäftigt sind.

    Es scheint, als würden in „96 Minutes" immer die Menschen bestraft werden, die sich verantwortungsvoll und hilfsbereit verhalten. Die Ungerechtigkeit, die sich in diesem Zusammenhang durch die gesamte Geschichte zieht, ist schwer zu ertragen, allerdings wirkt sie auf die Dauer eher dramaturgisch gewollt als tragisch-realistisch. Ebenfalls anstrengend, wenngleich auf ganz andere Weise, ist die wackelige Handkameraführung, die einen Realismus suggeriert, der durch die stereotype Figurenzeichnung ohnehin unterminiert wird. Statt eines derartig hektischen Stils hätte es vielmehr Geduld und einen Blick für soziale Details gebraucht, um substantiell von der Verschiedenartigkeit der Lebenswelten und von Problemen wie der Ungleichbehandlung von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe zu erzählen.

    Fazit: „96 Minutes" ist ein spannender Film, verheißt darüber hinaus aber auch eine Auseinandersetzung mit sozialen Problemen, die im Taumel der Wackelkamera aufgrund zu oberflächlich gezeichneter Figuren nicht konsequent angegangen wird.

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