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    Bloodshot
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Bloodshot

    B-Movie-Version eines Marvel-Blockbusters

    Von Christoph Petersen
    Der Verlag Valiant Comics wurde Ende der Achtziger gegründet, nachdem Chefredakteur Jim Shooter und Anwalt Steven Massarsky zuvor mit dem Versuch gescheitert waren, den Marktführer Marvel Entertainment aufzukaufen. Seitdem versucht Valiant mit Superhelden, die im Schnitt etwas kantiger und ambivalenter als bei der Konkurrenz daherkommen, gegen die Platzhirsche Marvel und DC zu bestehen. Gerade seit einem kompletten Verlags-Relaunch im Jahr 2012 klappt das im Comicgeschäft sogar ziemlich gut – und nun will Valiant Comics auch im Kino sein Stück vom Kuchen abhaben.

    Der ursprüngliche Plan, mit den beiden wohl bekanntesten Marken „Bloodshot“ und „Harbinger“ ein eigenes Valiant-Kinouniversum nach dem Vorbild von MCU oder DCEU zu etablieren, ist allerdings bereits vor dem Start des ersten Films gescheitert: Nachdem Sony nun „Bloodshot“ mit Vin Diesel („Fast & Furious 9“) auf die große Leinwand bringt, sind die Rechte am geplanten „Harbinger“-Film bereits an den Konkurrenten Paramount gegangen. Aber das ist auch okay so: „Bloodshot“, das Spielfilmdebüt von „Love, Death & Robots“-Regisseur Dave Wilson, ist zwar ein über weite Strecken recht unterhaltsamer Sci-Fi-Trash-Actioner – aber ganz sicher kein Film, nach dem man sich sofort ein ganzes Universum wünscht.

    Die Nano-Roboter verleihen Bloodshot seine Superkräfte.


    Nach einer erfolgreichen Geisel-Befreiungs-Mission in Kambodscha will US-Soldat Ray Garrison (Vin Diesel) erst mal schön mit seiner Frau (Talulah Riley) an der italienischen Amalfiküste Urlaub machen. Aber da hat er die Rechnung ohne die bösen Buben gemacht: Der psychopathische Killer Axe (Toby Kebbell) kidnappt das Ehepaar und bringt es um die Ecke – sie mit einem Bolzenschussgerät und ihn per Schuss in den Kopf.

    Einige Zeit später erwacht Ray im Labor von Dr. Emil Harting (Guy Pearce), der ihn mit Hilfe von Nanorobotern aus dem Reich der Toten zurückgeholt hat. Nachdem er sich zunächst an nichts erinnern kann, kehren bei Ray langsam die ersten Erinnerungsfetzen zurück – und er nutzt seine neugewonnenen übermenschlichen Fähigkeiten, um den Mörder seiner Frau zur Strecke zu bringen. Koste es, was es wolle…

    Ein zweischneidiger Einstieg


    Die ersten Minuten von „Bloodshot“ sind wirklich fürchterlich schlecht: Auf den ebenso klischeehaften wie pathetisch-heldenhaften Militäreinsatz in Kambodscha folgt eine Liebesszene am Mittelmeer, die mit ihren sonnigen Lens-Flare-Einstellungen auf peinliche Weise an eine Shampoo-Werbung erinnert. Aber der negative Höhepunkt ist der Auftritt von Toby Kebbell als Folterknecht, der zu den Klängen von „Psycho Killer“ von den Talking Heads in Badelatschen zwischen gefrorenen Rinderhälften in einem Kühlraum auf seine Opfer zutänzelt, bevor er ihnen mit dem Bolzenschussgerät die Lichter ausbläst – eine pubertäre Psychopathen-Karikatur irgendwo zwischen „Reservoir Dogs“ und „No Country For Old Men“.

    Da fragt man sich schon, ob die Macher ernsthaft glauben, dass man mit solch einem Unfug im Jahr 2020 noch Erfolg haben kann. Die überraschende Antwort lautet: Nein, das glauben sie nicht! Es folgt nämlich ein Twist, der auch innerhalb der Filmlogik absolut schlüssig erklärt, warum die erste halbe Stunde praktisch ausschließlich aus viel zu oft gesehenen Klischees besteht (und auch zwingend aus solchen ausgelutschten Klischees bestehen muss). Das ist dann schon irgendwie geil – sicherlich nicht neu, aber weitgehend schlüssig und sogar ein wenig böse. Selbst wenn „Bloodshot“ nur 42 Millionen Dollar gekostet hat, muss man die Eier ja auch erst mal haben, absichtlich einen schlechten Einstieg zu inszenieren, nur um das Publikum auf eine falsche Fährte zu locken – da hat später auf VoD und im Fernsehen womöglich schon die Hälfte der Zuschauer weggeschaltet, bevor der inhaltliche Grund dafür offenbart wird.

    Auch im Fallen geht die Prügelei nahtlos weiter...


    Die beste Sequenz des Films gibt es sogar noch kurz vor dem Twist: Ray Garrison fährt mit einem mit Mehl beladenen Truck in einem Tunnel in Ungarn frontal in einen SUV-Konvoi – der Crash verwandelt die Unfallstelle zumindest visuell in eine postapokalyptisch anmutende Schneelandschaft. Der anschließende Shootout zwischen Ray und seinen Widersachern in der düster-flackernden, in weißlichen Nebel gehüllten Unterführung ist wunderbar atmosphärisch geraten – und bietet zudem noch eine Einstellung, in der Ray in Zeitlupe das halbe Gesicht mit einer Schrotflinte (FSK 16!) weggepustet wird, während sich die Blutsalven und Muskelfetzen noch beim Wegspritzen wieder in hordenweise Nano-Roboter zurückverwandeln. (Den Fakt, dass Mehlstaub in Wahrheit hochexplosiv ist und den Kontrahenten in der Realität wahrscheinlich schon nach dem ersten abgegebenen Schuss alles um die Ohren geflogen wäre, blendet man für eine so tolle Szene doch gerne aus.)

    Die restliche Action ist dafür dann aber auch nur okay. Die Effekte sind in Anbetracht des vergleichsweise geringen Budgets (zum Vergleich: „Avengers 4“ hat fast zehn Mal so viel gekostet) mit Ausnahme einer an matschigen CGI-Körpern krankenden Fahrstuhlschacht-Fallszene zwar zumindest ordentlich, aber die Choreographie der mit Ausnahme des Mehl-Intermezzos meist kurzen Actionschnipsel (zwar oft handgemacht, aber dann am Rechner unnötig wild zerschnitten) bietet allenfalls Standardkost ohne größeren Erinnerungswert. Auch aus den speziellen Fähigkeiten des Protagonisten wird viel zu wenig gemacht – am coolsten ist da fast schon, dass die Nanoroboter in seinem Kopf für ihn mal schnell Dinge googeln und direkt an sein Hirn weitergeben können.

    Am Ende dann doch nur ein besonders starker Söldner


    Von den anderen aufgepimpten Ex-Soldaten in der Forschungseinrichtung, deren Blut zwar nicht wie bei Ray komplett durch Nanoroboter ersetzt wurde, die aber andere künstliche Verbesserungen in ihren Körpern tragen, kann sich niemand nachhaltig in den Vordergrund spielen – und auch die Oneliner von Hacker-Sidekick Wilfred Wigans (Lamorne Morris aus „New Girl“) sind mitunter nur schwer erträglich. Vin Diesel ist unterdessen Vin Diesel – diesmal in einer besonders stoischen Variante, was auch daran liegt, dass Ray oft nicht selbst die entscheidende handelnde Person ist, sondern nur von anderen als Werkzeug missbraucht wird.

    In der Mitte von „Bloodshot“ ist diese Ambivalenz, dass der Protagonist eben nicht nur Gutes tut (ohnehin geht es in dem ganzen Film nie darum, jemandem in klassischer Superheldenmanier zu „helfen“), ziemlich vielversprechend – da glaubt man, der Film könnte womöglich genau in diese Grauzonen vordringen, durch die sich die Valiant Comics eben traditionell von Marvel und DC absetzen. Aber am Ende hat sich das alles größtenteils erledigt – und Bloodshot ist dann doch nur ein Soldaten-Superheld, der in den Sonnenuntergang davonfährt. Da braucht es ehrlich keinen „Bloodshot 2“ mehr – aber auch das ändert nichts daran, dass Fans von B-Movies bis dahin doch erstaunlich viel Spaß mit dem Film gehabt haben dürften.

    Fazit: Ziemlich launiger Comic-Trash mit zumindest einer herausragenden Action-Sequenz und einem Twist, der den miesen Auftakt vielleicht nicht entschuldigt, aber zumindest erklärt.

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