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    Berberian Sound Studio
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Berberian Sound Studio
    Von Gregor Torinus
    Die Sechziger und Siebziger Jahre waren die Blütezeit des Giallo, einer italienischen Variation des Horrorfilms, meist eine Mischung aus Erotik- und Psychothriller, bei der mehr Wert auf eine spektakuläre Inszenierung als auf eine schlüssige Handlung gelegt wurde. Besonders stilbildend waren unter anderem Mario Bavas „Blutige Seide” (1964) und Dario Argentos „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe” (1970). In beiden Filmen geht ein geheimnisvoller Serienmörder mit schwarzen Handschuhen um, der reihenweise schöne Frauen mit Rasiermessern oder ähnlichen Instrumenten niedermetzelt. Nachdem innerhalb weniger Jahre unzählige ähnliche Werke produziert wurden, waren spätestens ab Mitte der Siebziger erste Verschleißerscheinungen zu bemerken. Bereits eine Dekade später war das Genre so gut wie tot. Doch seit einigen Jahren gibt es eine ganze Reihe von Wiederbelebungsversuchen. Dabei kommen viele der interessantesten Beiträge nicht aus Italien, sondern aus dem europäischen Ausland, etwa der belgische „Amer”, der die visuelle Stilistik des Giallo in das Reich des Kunstfilms trägt. Der Engländer Peter Strickland dagegen verbindet in „Berberian Sound Studio” auf beeindruckende Weise die Welt des Giallos mit den Visionen von David Lynch.

    Im Jahre 1976 heuert ein italienisches Filmstudio den britischen Toningenieur Gilderory (Toby Jones) an, um die Vertonung eines Horrorfilms zu leiten. Völlig unterschiedliche Welten prallen dabei aufeinander, denn Gilderoy ist das Musterexemplar eines zurückhaltenden Briten, während der italienische Produzent Francesco (Cosimo Fusco) und der Regisseur Santini (Antonio Mancino) chauvinistische Machos sind. Der bei seiner Mutter lebende Gilderoy ist zudem ein zarter Schöngeist, der sich bisher vorrangig der Vertonung künstlerischer Naturdokumentationen gewidmet hat. Santinis Film „Il Vortice Equestre” ist dagegen so hart, dass er in Deutschland niemals ungekürzt eine FSK-Freigabe bekäme. Die Stimmung im Studio ist von Anfang an bedrückt und erscheint Gilderoy zunehmend bedrohlich. Nicht zuletzt, da das Geschehen im Film zunehmend mit den Vorkommnissen im Tonstudio zu verschmelzen beginnt.

    „Berberian Sound Studio” greift eine Reihe von Besonderheiten des italienischen Kinos der Siebziger Jahre auf. So war es damals tatsächlich üblich, dass alle Filme nach dem eigentlichen Dreh komplett nachvertont wurden, was durch die international operierende italiensche Filmindustrie nötig war, in der Schauspieler verschiedenster Nationalitäten beim Dreh in ihrer jeweiligen Landessprache agierten. Über diesen praktischen Aspekt hinaus zeichnete sich das damalige italienische Genrekino allerdings dadurch aus, dass die Tonebene gleichrangig mit der Bildebene war. Herausragenden Komponisten wie Ennio Morricone („Spiel mir das Lied vom Tod“) oder Pino Donaggio („Carrie“), die nicht ohne Grund oft bis heute auch in Hollywood aktiv sind, veredelten in Italien selbst drittklassige Filme. Und auch der Geräuschkulisse wurde extrem große Aufmerksamkeit gewidmet, so dass etwa die Tonspur eines Films wie „Die Geisterstadt der Zombies” (1981) ein hyperreal-surrealer Exzess ist.

    „Berberian Sound Studio” zelebriert diese besondere Bedeutung der Tonspur im italienischen Genrefilm. Bilder aus Santinis „Il Vortice Equestre” sind - bis auf den Vorspann - nicht zu sehen und trotzdem erschließt sich die Handlung alleine durch die Geräusche, die im Tonstudio erzeugt werden. Gelegentliche Hinweise auf das Storyboard betonen nur, wie wichtig die Tonspur für den Film ist. Das, was nicht gezeigt wird, wird durch die Geräuscherzeugung ersetzt. Hier wartet „Berberian Sound Studio” mit einigen seiner bizarrsten und witzigsten Momente auf, wenn die Geräuschexperten Melonen und Kohlköpfe mit Messern traktieren oder überreife Auberginen auf dem Boden zermanschen. An Figuren aus einem David-Lynch-Film erinnern dagegen einige der Sprecher, die Laute von Hexen und anderen bizarren Gestalten aus „Il Vortice Equestre” ins Mikrofon hauchen, schreien, gackern und grunzen. Auf der Bildebene finden sich daneben zahlreiche Hommagen an den Giallo: Wenn etwa eine Hand in einem schwarzen Handschuh an einem Tonregler dreht, denkt der Kenner unweigerlich an eine ähnliche Szene aus „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe”.

    Ähnlich wie „Amer” ist auch Stricklands Film zwischen Hommage und Genre-Variation angesiedelt und so ein postmoderner Meta-Film: ein Film über Giallos und gleichzeitig selbst ein Giallo. Passenderweise ergeht es der Hauptfigur genauso: Diese taucht immer mehr in die Welt des italienischen Genrefilms ein, während sie selbst an der Vertonung eines solchen Films arbeitet - das Genre brachte schließlich neben Geschichten um sexuell motivierte Serienmörder auch immer wieder surreale Psychothriller hervor, bei denen nicht vorrangig eine Mordserie, sondern ein Mysterium im Zentrum der Handlung steht, so z.B. in  Aldo Lados Meisterwerk „Malastrana” (1971) oder in Luigi Bazzonis „Spuren auf dem Mond” (1975). Diese Nebenströmung des Genres ist so surreal, dass diese Filme fast wie Vorläufer früher David-Lynch-Filme wie „Eraserhead” (1977) erscheinen. Und hier schließt sich der Kreis. Denn gegen Ende driftet auch „Berberian Sound Studio” in Sphären ab, bei denen man nicht mehr sagen kann, ob man gerade Gilderoys Wahnvorstellungen oder einem tatsächlich phantastischen Geschehen beiwohnt. In jedem Fall ist Peter Strickland nicht nur eine der interessantesten Wiederbelebungen, sondern sogar eine Weiterentwicklung des Giallos gelungen.

    Fazit: Peter Stricklands „Berberian Sound Studio” feiert den italienischen Genrefilm und besonders dessen Klangkunst. Gleichermaßen Hommage und Modernisierung des Genres ist das Ergebnis ein sehr eigener, hochatmosphärischer Psychotrip hinein in mysteriöse Film-Welten.
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