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Festung
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Festung
Von Sophie Charlotte Rieger
Jede vierte Frau in Deutschland wird im Laufe ihres Lebens einmal das Opfer häuslicher Gewalt. In Anbetracht dieser erschreckend hohen Zahl ist jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Thema hochwillkommen. In ihrem Filmdrama „Festung" erzählt die finnische Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen nun die Geschichte einer von gewalttätigen Übergriffen des Vaters gezeichneten Familie. Auf sehr realistische Weise zeigt die Filmemacherin die seelischen Verletzungen der Figuren und mutet ihrem Publikum dabei einiges zu: ein aufrüttelndes und forderndes Werk über ein Problem, das immer noch viel zu wenig Beachtung findet.

Obwohl Robert (Peter Lohmeyer) seine Frau Erika (Ursina Lardi) seit Jahren körperlich misshandelt, schafft es die Mutter dreier Töchter nicht, sich von ihrem Ehemann zu trennen. Die älteste Tochter Claudia (Karoline Herfurth) ist auf Grund der angespannten häuslichen Situation schon lange ausgezogen, doch die 13-jährige Johanna (Elisa Essig) und die sechsjährige Moni (Antonia T. Pankow) sind noch immer dem psychischen Terror des Vaters ausgesetzt. Insbesondere Johanna leidet unter der Situation: Aus Scham und aus Angst vor der Eskalation verheimlicht sie die Wahrheit sogar vor ihrer ersten großen Liebe Christian (Ansgar Göbel). Der jedoch spürt, dass seine Freundin ihm etwas Wichtiges vorenthält. Durch ihre anhaltende Geheimhaltung setzt Johanna schließlich nicht nur ihre Beziehung, sondern auch das Leben der Mutter aufs Spiel.

„Festung" ist ein Film von Frauen über Frauen. Neben der Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen waren an dem Projekt die Drehbuchautorin Nicole Armbruster sowie die Produzentinnen Meike und Alexandra Kordes beteiligt. Dem Ergebnis ist die starke weibliche Perspektive anzumerken, im Zentrum der Geschichte stehen nicht zufällig die drei Töchter. Darüber hinaus hat Kirsi Marie Liimatainen einen sachlichen und realistischen Ansatz mit gedeckten, eher düsteren Farben gewählt, sie will uns die Figuren möglichst glaubhaft nahebringen und verzichtet dafür auf eine effektvoll zugespitzte Spannungsdramaturgie – „Festung" ist weit entfernt vom Hochglanz thematisch verwandter Hollywood-Reißer wie „Genug" oder „Der Feind in meinem Bett". Aber wenn die Töchter hinter verschlossenen Türen mit der Mutter bangen, die den Launen des Vaters ausgesetzt ist, dann löst Liimatainens Film auch beim Publikum Beklemmungen aus.

Dennoch ist „Festung" nie voyeuristisch, die Übergriffe des Vaters spielen sich stets im Verborgenen ab. Was Liimatainen zeigt, ist die Wirkung, die sein Handeln auf die Familie hat: die eingeschüchterten Kinder, die in Apathie verfallene Mutter, die scheinbar unaufhaltsame Gewaltspirale. Die Aggression setzt sich zumindest verbal bis hin zur kleinen Moni fort. Dabei wird Robert keineswegs als diabolische Ursache allen Übels geschildert. Der Schwerpunkt liegt klar bei den weiblichen Figuren, aber auch der Vater bekommt eine gewisse Vielschichtigkeit – so werden etwa Konflikte mit seinen Eltern angedeutet - und damit Glaubwürdigkeit.

In Buch und Inszenierung wird viel Wert auf Wirklichkeitsnähe gelegt, das zeigt sich auch bei den Darstellern. Insbesondere die Debütantin Elisa Essig als Johanna ist eine große Entdeckung. Ihr gelingt es auf überwältigend natürlich wirkende Art, die intensiven, widersprüchlichen Gefühle ihrer Figur zum Ausdruck zu bringen und gibt uns einen tiefen Einblick in das Innenleben eines traumatisierten Teenagers. Die jugendliche Liebesgeschichte wirkt allerdings weniger zwingend. Die körperliche Anziehung zwischen Johanna und Christian wird nicht sehr überzeugend vermittelt, auch wenn ihre Geschichte mit der ganz realistischen Anspannung zweier unerfahrener Teenager beginnt. Es entwickelt sich eine Nebenhandlung, die stets ein Fremdkörper in dem sonst so homogenen Film bleibt.

„Festung" ist auf Grund seiner Realitätsnähe keine leichte Kost. Gerade durch die zurückhaltende Inszenierung - auf dramatische Musikuntermalung und künstliche Dynamik durch schnelle Schnitte wird verzichtet - ist es dem Zuschauer kaum möglich, sich von dem Schicksal der Leinwandfiguren zu distanzieren. Insbesondere die zyklische Struktur der Erzählung, in der auf unangenehm realistische Weise Übergriff, Entschuldigung und erneuter Übergriff aneinandergereiht sind, macht „Festung" zu einem zunehmend schwer erträglichen Film. Und auch nach dem Ende lassen sich Traurigkeit, Wut und Verzweiflung schwer abschütteln.

Fazit: Kirsi Marie Liimatainen widmet sich in ihrem Spielfilmdebüt „Festung" dem Thema häusliche Gewalt aus der Sicht eines 13-jährigen Mädchens. Durch diese Perspektive und die realistische Herangehensweise ist „Festung" ein eindringlicher Film, der in seiner Intensität bisweilen schwer zu ertragen ist.
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