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    Berg Fidel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Berg Fidel
    Von Sophie Charlotte Rieger
    Über das deutsche Bildungssystem wird nicht erst seit den Ergebnissen der Pisa-Studien zum Leistungsniveau von Schülern diskutiert. Jahrgangsübergreifendes Lernen, Sonderschulen und die Frage der Inklusion, also des gemeinsamen Unterrichts aller Schüler ungeachtet körperlicher, aber auch sozialer Unterschiede – all das sind Themen, denen im pädagogischen Umfeld in den letzten Jahren verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In ihrem Dokumentarfilm „Berg Fidel – Eine Schule für alle" widmet sich Hella Wenders all diesen Punkten und präsentiert das Lehrkonzept der Grundschule Berg Fidel in Münster anhand von vier Schülern, die jeweils ganz verschiedene Hindernisse zu überwinden haben. Mit einer erstaunlichen Nähe zu ihren Protagonisten dokumentiert Wenders hier weitgehend ohne erläuternden Kommentar den Schulalltag und zeigt eindrucksvoll Vorteile des Lernens mit Inklusion.

    In der Grundschule Berg Fidel sind die Klassen bunt gemischt. Mehrere Altersstufen kommen hier zusammen, Kinder mit und ohne Behinderung und Schüler mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen begegnen einander. Regisseurin Hella Wenders begleitet mit der Kamera vier außergewöhnliche Kinder, für die das schulische Lernen eine besondere Herausforderung darstellt. Körperliche und geistige Behinderungen, Sprachprobleme und ein unsicherer Aufenthaltsstatus in Deutschland – all das sind Probleme, die man in Münster auffangen muss. In „Berg Fidel – Eine Schule für alle" dokumentiert Wenders die gesamte Grundschulzeit ihrer vier Protagonisten bis zum Wechsel auf eine weiterführende Schule.

    Lediglich einige wenige Einblendungen bieten den erklärenden Kontext für Hella Wenders‘ Film. Die Regisseurin kommt ohne Voice-over-Kommentar aus, der über das Konzept der Münsteraner Grundschule informieren oder zusätzliche Informationen über die Protagonisten bieten könnte. Sie beobachtet stattdessen den Schulalltag, begleitet die ausgewählten Schüler in ihr häusliches Umfeld und zeichnet Interviews mit den Kindern auf. Erwachsene kommen in „Berg Fidel – Eine Schule für alle" dagegen nicht zu Wort. Weder Lehrer noch Eltern werden befragt, Hella Wenders beschränkt sich auf die Perspektive der Schüler. Sie setzt den Fokus auf das Erleben der Kinder und gibt uns damit einen fundierten Eindruck davon, was das Konzept der Schule bei den Lernenden bewirkt. Wie die Schüler in der Gruppe selbstständig ihre Konflikte austragen und lösen und wie auch stark eingeschränkte Kinder ganz selbstverständlich in die Klassengemeinschaft integriert werden, ist sehr eindrucksvoll. Dennoch bleiben Fragen offen, die Wenders mit ihrer Herangehensweise nicht beantworten kann.

    Die Regisseurin hat sich Zeit genommen, die Kinder an die Gegenwart der Kamera zu gewöhnen. Diese Vertrautheit zahlt sich aus, denn die Bilder des Schullebens wirken sehr natürlich und ungekünstelt, auch in den Interviews zeigen die Kinder kaum Scheu. Durch ihre eigene große Nähe zu den vier Schülern David, Jakob, Anita und Lucas ermöglicht Hella Wenders auch den Zuschauern, eine starke Beziehung zu ihnen aufzubauen. Trotz ihrer Beeinträchtigungen erleben diese Kinder einen normalen Schulalltag, ihre persönlichen Schicksale sind dabei insbesondere zum Ende des Films durchaus anrührend – und David gelingt es sogar, zu einem Einserschüler zu werden. Mit dieser emotionalen Ausrichtung geht aber auch die kritische Distanz etwas verloren. Während Hella Wenders zu Beginn eine recht wertfreie Darstellungsform findet, plädiert sie schließlich auch ohne Worte eindeutig für das Inklusions-Konzept der Gemeinschaftsgrundschule Berg Fidel. Dabei bleiben weiterführende Fragen offen: Wie wird der Betreuungsschlüssel gewährleistet, also die ausreichend hohe Anzahl qualifizierter Pädagogen für relativ kleine Kindergruppen? Woher kommt das Geld für die sehr gute Ausstattung der Schule? Welche Kinder werden in Berg Fidel aufgenommen und warum?

    Fazit: Hella Wenders weckt mit ihrem Film ein großes Interesse an alternativen Schulformen. Die intime Nähe zu den Protagonisten macht „Berg Fidel – Eine Schule für alle" zu einem ergreifenden Filmerlebnis, auch wenn durch den Verzicht auf erläuternde Kommentare viele Fragen unbeantwortet bleiben.
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