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    Turning Tide - Zwischen den Wellen
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Turning Tide - Zwischen den Wellen
    Von Andreas Günther
    Der langjährige Kameramann Christophe Offenstein („Blood Ties“) vermeidet bei seinem Regiedebüt „Turning Tide - Zwischen den Wellen“ konsequent fast alles, was ein richtig breites Publikum ansprechen könnte. Die Geschichte über einen bretonischen Skipper bei der „Vendée Globe“, der härtesten Einhandsegler-Regatta der Welt, wird daher wohl auch vor allem bei Segel-interessierten Zuschauern am besten ankommen. Darüber hinaus beeindruckt der Abenteuer- und Sportlerfilm vor allem mit seinen gischtgepeitschten Bildern einer pfeilschnell durch Wellentäler schießenden Yacht – und das obwohl der Regiedebütant in seinen Statements angibt, sich auf Personen und Handlung konzentriert zu haben. Das Ergebnis ist eine unpathetische Hymne auf menschliche Leistungsfähigkeit mit High-Tech-Unterstützung, bei der der große Rest – der Wettbewerb, die Betreuer an Land, die Aufmerksamkeit der Medien, Frau und Tochter – und damit auch die Emotionen bloßes Beiwerk sind.

    Am siebten Tag nach dem Start der Regatta Vendée Globe reißt den Skipper Yann Kermadec (François Cluzet) ein unheilvolles Geräusch aus dem Schlaf. Wie sich herausstellt, ist das Ruderblatt beschädigt. Kermadec legt zwecks Reparatur einen Zwischenstopp an den Kanaren ein. Nur mit großer Anstrengung schließt er wieder zum Teilnehmerfeld auf. Bei dem unfreiwilligen Halt hat sich aber der Mauretanier Mano Ixa (Samy Seghir) an Bord geschlichen, der in Paris eine Fußballerkarriere plant. Würde der zweite Passagier entdeckt, würde Kermadec disqualifiziert. Also verschweigt er ihn sogar gegenüber seiner Lebensgefährtin Marie (Virginie Efira) und deren Bruder, seinem Gönner und Sportsfreund Franck (Guillaume Canet). Kermadecs Versuche, Mano irgendwo an Land zu setzen, scheitern regelmäßig – und sei es, weil er die verunglückte Konkurrentin Mag (Karin Vanasse) aus den Wogen retten muss.


    Aus dieser Geschichte könnte eine Auseinandersetzung um humane Werte und verschiedene Lebenswelten, um Armutswanderung und den sehr teuren Zeitvertreib einer Weltumsegelung entstehen. Ansätze dahingehend sind klar vorhanden, manche Dialoge weisen in diese Richtung, doch richtig eingeschlagen wird sie in „Turning Tide - Zwischen den Wellen“ nie. Hauptdarsteller François Cluzet muss also nicht wie in seinem Welterfolg „Ziemlich beste Freunde“ erneut soziale Versöhnung vorzuführen. Christoph Offenstein, der bei seinem Regiedebüt von Schauspieler/Regisseur Guillaume Canet unterstützt wurde, bei dessen Filmen „Kein Sterbenswort“ und „Kleine wahre Lügen“ er für die Kamera verantwortlich war, zielt mit seinem ersten Film offenkundig auf etwas anderes.

    Der Skipper, der allein mit dem Wind in seinen Segeln bisweilen eine Geschwindigkeit von 12 Knoten erreicht (ein leichter Flugzeugträger macht etwa 20), steht auf seiner 24.000 Seemeilen weiten Tour zwischen Natur und Technologie. Die Floskel, dass alles mit allem zusammenhängt, gewinnt im Zeitalter globaler Telekommunikation anschaulich Sinn. Denn dem Laien vergeht Hören und Sehen - nicht nur vom Schwanken des Bootes auf den Wogen und vom Brausen des Sturms, sondern auch von blinkenden Monitoren und plärrenden Alarmsystemen an Bord. Im Ölzeug hastet Kermadec vom Segelsetzen zum Cockpit, dann in die Kabine und wieder zurück. Mit seiner kleinen Tochter skypt er, den Medien schickt er Bilder von Sonnenuntergängen und gibt logbuchartige Interviews. Jeder seiner Schritte wird an Land überwacht. Und trotzdem ist es nur ein müder Mensch, der die Regatta gewinnen will – und Manos Existenz geheim zu halten versucht. Es gilt, die Technologie für sich zu nutzen, ohne sich von ihr versklaven zu lassen.

    Das könnte auch Offensteins Motto bei der Realisierung gewesen sein. Nur kurze Zeit spielten er und Produzent Jean Cottin („Ali Zoua – Auf den Straßen von Casablanca“) mit dem Gedanken, „Zwischen den Wellen“ in einem Wassertank zu drehen. Stattdessen begaben sie sich mutig auf hohe See in einem Boot, das wirklich an einer Vendée Globe teilgenommen hatte. Mit einer Filmcrew von 16 Leuten und Handkameras wurde das Drama auf dem Meer eingefangen. Vor diesem Hintergrund ist es besonders schade, dass mögliche Aspekte eines menschlichen Dramas beim kräftezehrenden Rennen rund um die Welt nicht wirklich entfaltet werden. Und wer keine Ahnung vom Skipperhandwerk hat, wird auch nach dem Film nicht viel schlauer sein.

    Fazit: „Turning Tide - Zwischen den Wellen“ ist zwar eindrucksvoll, aber ohne Liebe zum Segelsport eher wenig fesselnd.

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