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Der blaue Tiger
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der blaue Tiger
Von Andreas Günther

Die Tschechoslowakei gibt es nicht mehr. Aber der Kinderfilm, der dem Land internationalen cineastischen Ruhm und begeisterte kleine und große Zuschauer  beschert hat, lebt zumindest in Tschechien fort. Mit seiner Mischung aus liebevoller Animation und behutsam inszenierter Live-Action, seiner zauberhaft-poetischen Ästhetik, seinen märchenhaften Elementen und seinen natürlichen jungen Darstellern steht dabei „Der blaue Tiger“ in einer langen Traditionslinie. Dabei beschwört Debütregisseur Petr Ouropec den Glauben an die Phantasie seines Zielpublikums, der Kinder, die klar und deutlich aufgefordert werden, die moderne Elektronik einmal beiseite zu legen und sich auf diesen Traum einzulassen. Dass die Erwachsenen dabei außen vor bleiben, wird gerne in Kauf genommen.

Für die neunjährige Johanna (Linda Votrubová) könnte alles so bleiben, wie es gerade ist. Mit ihrer Mutter Frau Gärtner (Barbora Hzánová) lebt sie in einer kleinen, aber gemütlichen Unterkunft mitten im botanischen Garten ihrer Heimatstadt. Gegenüber wohnt Herr Blume (Jan Hartl), dem die Pflege der vielen Pflanzen obliegt. Sein Sohn Mathias (Jakub Wunsch) ist Johannas bester Freund, mit dem sie auch dieselbe Klasse besucht. Während Mathias fast schon einen wissenschaftlichen Blick auf Pflanzen hat, sind sie für Johanna eher Anlass zum Träumen – zum Beispiel davon, dass plötzlich ein blauer Tiger aus dem Gebüsch eines großen Gemäldes in einer verlassenen Schwimmhalle tritt. Der Plan des ehrgeizigen Bürgermeisters Nörgel (Daniel Drewes), im Zuge einer radikalen Modernisierung der Innenstadt auch den botanischen Garten abzureißen, droht Johannas Idylle zu zerstören. Doch dann taucht der blaue Tiger tatsächlich in der Stadt auf und hält mit seiner wundersamen Präsenz alle in Atem. Ist er am Verschwinden vieler kleiner Hunde schuld? Johanna kann das nicht glauben. Eines Tages entdeckt sie ihn verletzt im botanischen Garten…

Sind die Kinder von heute noch Kinder oder bloß kleine Konsumenten? Für die Macher von „Der blaue Tiger“ ist die Antwort wohl klar, sammelt der Naturkundelehrer doch erst einmal alle Handys und sonstigen elektronischen Spielzeuge von seinen Schülerinnen und Schülern ein, damit sie sich wieder auf die Beschreibung einer Pflanze konzentrieren können. Kráčmera (Valerie Roza Herzendorfová), die verwöhnte Tochter von Nörgels Handlanger, nimmt dabei die Rolle der Albtraumversion einer Heranwachsenden ein während Heldin Johanna das Idealbild darstellt: verspielt, voller Liebe zu Tieren und Pflanzen, empathisch und nicht zuletzt beseelt von einer unbändigen Phantasie. Gleichsam ihrer Imagination entspringt der Tiger, bevor er auf einer Verkehrskreuzung landet und dort ein herrliches Chaos anrichtet.

Jederzeit ist der Wunsch der Macher zu spüren, dass die junge Generation doch so sein möge wie in ihrem Film. „Der blaue Tiger“ ist fast schon eine unglaublich schön gestaltete Anleitung, (wieder) so zu werden; erzeugt mit digitalen Hilfsmitteln und kreativer Raffinesse, aber ohne erschlagenden Bombast. Gedreht wurde zum einem mit einem drei Monate alten Tigerbaby, doch wirklich belebt werden die Dinge erst dadurch, dass ein menschlicher Geist sie erschafft: Als die böse Lehrerin Drachenfels (Daniela Voráčková) vor Johanna steht, sieht sie Drachen auf ihrem Rücken züngeln; als sie den Kopf des blauen Tigers nachgezeichnet hat, schaut sie ihn so lange an, bis er das Maul öffnet.

Es ist weniger ein äußeres als ein inneres Sehen, das hier aktiviert wird, gespeist aus Ängsten, aber eben auch Träumen. Kinder dieser gleichsam meditativen Ruhe zu überlassen, in der sich ein anderer Blick entwickelt, könnte sich für manchen unruhigen jungen Zappelphilipp als eine gute Kur erweisen. Zwar strebt die Handlung irgendwann einem dramatischen Finale entgegen, aber weniger, um der Lust am Spektakulären zu huldigen, als die Geschichte zu Ende zu erzählen. Die Erwachsenen bleiben in dieser Kindergeschichte konsequent nur Karikaturen mit sprechenden Namen und werden mit Ausnahme von Frau Gärtner und Herrn Blume allesamt als lächerlich, eitel und dumm, wenn nicht sogar verschlagen dargestellt.

Fazit: „Der blaue Tiger“ ist ein wunderbares Geschöpf der Phantasie, das den Zuschauer lehrt, diese zu gebrauchen und in sie einzutauchen.

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