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    Compliance
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Compliance
    Von Kevin Huber
    Zwischen 1992 und 2004 gab es in den USA eine Reihe von bösartigen Telefonstreichen, die vornehmlich Mitarbeiter von Fastfood-Restaurants trafen: Ein Mann gab sich als Polizist aus, behauptete Ermittlungen gegen Mitarbeiter zu führen und manipulierte seine Opfer so gründlich, dass die daraufhin fragwürdige Aufträge ausführten, wie etwa Leibesvisitationen bei Kollegen. Ihren erschütternden Höhepunkt erreichte die Geschichte 2004 in Mount Washington im Bundesstaat Kentucky – dort wurde eine McDonald's-Mitarbeiterin auf Anweisung des angeblichen Polizisten von ihren wohlmeinenden Kollegen sexuell missbraucht. Mit „Compliance" wagt Craig Zobel eine lose Rekonstruktion dieses Falls und begibt sich auf die Suche nach dem Wie und Warum. Über seine intensiv erzählte psychologische Studie konfrontiert er sein Publikum mit unangenehmen Fragen zur Autoritätshörigkeit vieler Menschen und zur ausbeuterischen Machtstruktur des Kapitalismus, während er es zum hilflosen Zeugen eines kuriosen Verbrechens macht.

    Der Tag beginnt bereits schlecht für Sandra (Ann Dowd), Leiterin des Fastfood-Restaurants ChickWich: Ein Versehen am Vortag hat einen Großteil der Lebensmittel im Kühlschrank vernichtet, die Arbeitsschicht ist unterbesetzt, man munkelt von einem anonymen Test-Esser, der im Restaurant nach dem Rechten sehen soll. Das Chaos ist perfekt, als Sandra einen Anruf von einem angeblichen Officer Daniels (Pat Healy) erhält, der behauptet, die junge Angestellte Becky (Dreama Walker) habe eine Kundin bestohlen. Sandra wird zunächst aufgetragen, Becky zu durchsuchen und im Lagerraum festzuhalten bis die Polizei eintrifft. Schließlich sieht sich Sandra aufgrund des Besucherandrangs gezwungen, ihren Verlobten Van (Bill Camp) herbei zu bestellen, um Becky zu beaufsichtigen. Auch für ihn hat Officer Daniels einige Aufgaben vorbereitet...

    „Compliance" wurde bei seiner Premiere auf dem Sundance-Filmfestival 2012 sehr kontrovers aufgenommen und als provokanter Schocker abgestempelt – und das obwohl Regisseur Craig Zobel („Great World of Sound") mit seinem potentiell anrüchigen Material doch sehr geschmackssicher umgeht. Gewalt und nackte Haut werden nur dezent gezeigt; nie labt sich die Kamera an Beckys Degradierung, viel wird der Phantasie des Publikums überantwortet. Zobel verfolgt einen analytischen Ansatz, er interessiert sich mehr für die Psyche der Beteiligten als für den etwaigen Schock- und Schauwert einer Missbrauchsgeschichte. Dementsprechend sind es auch keine drastischen Szenen, die hier für Anspannung sorgen, sondern die implizite Unausweichlichkeit des Verbrechens.

    Hilflos muss man hier mit ansehen, wie sich das Geschehen exakt den fürchterlichen Erwartungen folgend entwickelt und die Restaurant-Angestellten kontinuierlich die falschen Entscheidungen treffen, wo doch die Rettung in so greifbarer Nähe ist: Es müsste bloß der Telefonhörer aufgelegt werden. Eine große Herausforderung für Zobel war es dann auch, das zunehmend irrationale Verhalten der Beteiligten plausibel zu erklären. Der Grat zwischen provokativer Darstellung von Obrigkeitshörigkeit und blankem Nonsens ist schmal – und manch einer wird ihn hier überschritten sehen. Aus dem bequemen Kinosessel heraus und mit dem Wissen, dass es sich hier nicht um einen authentischen Polizeianruf handelt, lässt sich allerdings auch sehr viel leichter urteilen – so einfach haben es Menschen in Stresssituationen in der Regel nicht.

    Dass das fatale Verhalten hier dennoch so wenig nachvollziehbar, eher geradezu absurd wirkt, ist keineswegs den Machern anzulasten, das liegt schlichtweg in der Natur des Falls. Gerade in Anbetracht des schwierigen Stoffs leisten Zobels Schauspieler ausgezeichnete Arbeit: Pat Healys („The Innkeepers") Anrufer ist ein hochintelligenter Manipulator, der auf alle Fragen eine schlüssige Antwort hat. Ann Dowd („Von der Kunst sich durchzumogeln") lässt mit mimischen Höchstleistungen nie einen Zweifel an Sandras innerem Konflikt. Bill Camp („Lawless") findet eine stabile Balance zwischen Opfer und Täter. Und die couragierte Dreama Walker („Gran Torino", „The Good Wife") verwandelt sich von einer selbstbewussten Frau zu einem gebrochenen Menschen, der alles über sich ergehen lässt, um die Tortur endlich hinter sich zu bringen.

    Am Beispiel des Mikrokosmos Fastfood-Restaurant legt Zobel zudem unangenehme Wahrheiten über die ausbeuterische Gewalt des kapitalistischen Systems frei. Ein Mangel an Lebensmitteln, mangelnde Personalstärke, ein Kontrollbesuch der Firmenleitung – unter dem hohen Druck, der hier herrscht, ist Beckys angeblicher Konflikt mit dem Gesetz nur ein weiteres Problem, das Sandra so schnell wie möglich lösen muss. Da liegt es auf der Hand, den Anweisungen von Officer Daniels einfach zu folgen, statt auf das eigene Gewissen zu hören und sich eventuell weitere Probleme einzuhandeln, gar die eigene Existenz zu gefährden. Das Wohl des Geschäfts steht über dem der Mitarbeiter, für Empathie gibt es hier keinen Platz – und es sind diejenigen, die ganz unten auf der Karriereleiter stehen und die über keine Autorität verfügen, die am meisten unter diesen Bedingungen leiden müssen.

    Fazit: Wer bereit ist, sich tiefergehend mit dem scheinbar irrsinnigen Verhalten der Figuren in Craig Zobels loser Nachstellung eines ungeheuerlichen Falls auseinanderzusetzen, wird mit dem unangenehm ambivalenten „Compliance" eine intensive Kino-Erfahrung machen.
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