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    Grand Piano - Symphonie der Angst
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Grand Piano - Symphonie der Angst
    Von Stefan Dabrock
    „Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen“ heißt es in „Techno Pop“, einer Komposition der Düsseldorfer Elektropioniere Kraftwerk. Denn die Stagnation ist der Tod des Künstlers, der aus der produktiven Bewegung in die Starre gefallen ist. Passend dazu geht es in Eugenio Miras Thriller „Grand Piano“ um die Dynamik im Kopf eines verunsicherten Musikers, die Dynamik des Spiels und die Dynamik einer lebensbedrohlichen Situation. Die Handlung ist nach einer kurzen Einführung ausschließlich in einem Konzerthaus während einer Klavierdarbietung angesiedelt. Aus der örtlichen Begrenzung holt Mira ein Maximum an Bewegung heraus und tritt so unter anderem in die Fußstapfen seines Kollegen Joel Schumacher („Nicht auflegen!“). Auch wenn Mira dessen Qualität der Spannungsinszenierung nicht ganz erreicht, ist ihm durch elegante Verbindung der filmischen Energie mit der Angst des Künstlers ein reizvoller Film gelungen.

    Der Pianist Tom Selznik (Elijah Wood) ist mit der ebenso bezaubernden wie erfolgreichen Schauspielerin Emma (Kerry Bishé) verheiratet. Sein Glück wurde jedoch vor fünf Jahren getrübt, als es ihm nicht gelungen ist, während eines Konzertes eine besonders schwierige Komposition seines Mentors Patrick Godureaux (Jack Taylor) zu Ende zu spielen. Vor den letzten vier Takten erstarrte Tom zur Bewegungslosigkeit. Seitdem ist er nicht mehr aufgetreten. Jetzt steht er vor seinem Comeback. An die Schmach erinnert einzig der Flügel des inzwischen verstorbenen Godureaux, auf dem Tom spielen wird. Doch als er bereits auf der Bühne Platz genommen hat, entdeckt er in den Noten eine Todesdrohung eines unbekannten Erpressers (John Cusack): Er sterbe, falls er auch nur eine falsche Taste treffen sollte. Schnell wird klar, dass hier kein Spaßvogel am Werk ist. Um sich selbst und seine im Publikum sitzende Frau zu schützen, muss Tom auf den Mann eingehen, während er in seinen Pausen verzweifelt versucht, die tödliche Gefahr abzuwenden.


    Tom Selznik will aus der fünf Jahre langen Starre herauskommen, die sein künstlerisches Leben als Pianist vorerst beendet hatte. „Herr der Ringe“-Star Elijah Wood legt seine Figur deswegen mit unsicherem Blick und Galgenhumor an, wenn er am Telefon auf die Bemerkung seiner Frau über seine körperliche Unversehrtheit erwidert, dass es ja noch besser werden könne. Während er das sagt, befindet er sich aber bereits in der Bewegung des Aufbruchs, die er nicht mehr verlassen wird. Der spanische Regisseur und Komponist Eugenio Mira („Agnosia – Das dunkle Geheimnis“) folgt Selznik mit dynamischer Kamera im Flugzeug, auf der Fahrt zum Auftritt und durch die Gänge im Bauch der Konzerthalle. Dabei verbindet er die Unruhe des unsicheren Künstlers, in dessen Innerem es brodelt, mit der Eleganz fließender Bewegungen zu ästhetischen Filmkompositionen. Kameramann Unax Mendía („Backwoods“) nutzt so konsequent jede Gelegenheit für sanfte Schwenks, ruhige Kreisfahrten und ungewöhnliche Drehungen, so dass die wenigen Momente der Ruhe sofort zu irritierenden Elementen der Bedrohung werden.

    Dank der erstklassigen Inszenierungen werden einige eher unglaubwürdige Aspekte der Handlung in den Hintergrund gedrängt. Denn letztlich geht es um den Pianisten Selznik, der künstlerisch durch die mögliche Erstarrung und körperlich durch den bewaffneten Erpresser bedroht wird. Im Duell mit dem Verbrecher entwickelt Selznik so viel Einfallsreichtum und Energie, dass er jegliche Lethargie schon im Ansatz beiseite wischt. So entwickelt er sich parallel zur steigenden Dramatik und überwindet die Angst vor dem künstlerischen Tod, die er am stärksten fürchtet. Mira unterfüttert den inneren Kampf des Pianisten gegen die eigenen Dämonen – der Erpresser ist im Prinzip auch nur ein Symbol dafür – mit kontrastreichen Bildern. Aus dem Rot diverser Stoffbahnen und dem Schwarz des Flügels sowie der unbeleuchteten Ecken des Raumes entwirft Mira ein ausdrucksstarkes Bühnenszenario brodelnder Emotionen. So schön die Ausleuchtung ist, so dämonisch wirken die dunklen Elemente. Kunst und Selzniks Ringen verschmelzen zu einer Einheit, die sich permanent neu ausrichtet, weil die Veränderung zum Lebenszweck wird.

    Fazit: Auch wenn die Handlung nicht durchweg überzeugt, gefällt „Grand Piano“. Denn Regisseur Eugenio Mira übersetzt die emotionalen Probleme des verunsicherten Pianisten Tom Selznik in bewegungsreiche und visuell ausgefeilte Bilder.
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