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Global Viral. Die Virus-Metapher
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Global Viral. Die Virus-Metapher
Von Sophie Charlotte Rieger
„Der Mensch ist eine Krankheit", bemerkt das nihilistische Maschinenprogramm Agent Smith in „Matrix" – und vergleicht uns daraufhin mit einem Virus. Seinen Platz im Kanon ikonischer Leinwandmomente hat sich der Fiesling damit längst gesichert. Wie plausibel klingt dieser Vergleich jedoch aus wissenschaftlicher Perspektive? Mit ihrem filmischen Essay „Global Viral. Die Virus-Metapher" gehen die Filmemacher Madeleine Dewald und Oliver Lammert, die hier zum vierten Mal zusammenarbeiten, nicht nur auf die medizinische Relevanz des intelligenten Krankheitserregers ein, sondern betrachten auch die Verwendung des Wortes im Bereich der Informationstechnologie und der Sprachphilosophie. Eher informativ als unterhaltsam verschaffen sie ihrem Publikum so einen tiefen Einblick in die faszinierende und zuweilen erschreckende Welt der Viren.

Im Rahmen der Pestepidemie des 14. Jahrhunderts hält der Virus erstmals Einzug in das menschliche Bewusstsein. Er ist ein Fremdkörper, der von außen in ein „gesundes" System eindringt und dieses erkranken lässt. Doch der Blick von Dewald und Lammert ist kein rein medizinischer. Sie nehmen auch die fast parallele Entstehung von Informationstechnologie und Computerviren unter die Lupe und gehen schließlich auf Sprachviren ein, wie sie von Friedrich Nietzsche und später von Jacques Derrida beschrieben werden. Der Schwerpunkt ihres Dokumentarfilms liegt jedoch klar auf dem Virus in seiner organischen und vor allem destruktiven Form: Die Möglichkeiten der biologischen Kriegsführung und auch HIV spielen in ihrem Reigen entsprechend eine führende Rolle.

„Global Viral. Die Virus-Metapher" wird von seinen Machern passend als Essay bezeichnet. Einen Dokumentarfilm im klassischen Sinne haben Madeleine Dewald und Oliver Lammert nicht gedreht: Das erklärende Voice-Over dominiert mit seiner Informationsflut das gesamte Filmerlebnis, während die optischen Eindrücke oft nur als Begleitung dienen. So werden die Bilder der Laboruntersuchungen nicht durch die Sprecher erklärt oder in einen Kontext gerückt, sondern liefern lediglich einen assoziativen optischen Anhaltspunkt. Aber auch diese illusionäre Verbindung der visuellen und akustischen Ebene wird unterbrochen, wenn beispielsweise ein Sprecher im schalltoten Raum beim Einsprechen seines Textes zu sehen ist. Indem das Medium Film selbst hier in all seiner Künstlichkeit dargestellt wird, fügt sich das Essay nahtlos in die dekonstruktivistische Tradition der Sprachphilosophie Derridas, die hier zum Schluss behandelt wird.

Die verschiedenen Bedeutungsräume des Virus-Begriffes werden größtenteils historisch beleuchtet. Diese Vorgehensweise gibt dem Film in all seiner Vielfalt eine klare Struktur, die das Verständnis der Zusammenhänge erleichtert. Erhöhte Konzentration seitens des Publikums ist hier aber dennoch unbedingt notwendig, denn „Global Viral. Die Virus-Metapher" ist durch und durch intellektuelle Auseinandersetzung. So wirkt der Essay phasenweise wie ein Lehrfilm für den gehobenen Schulunterricht oder die Universität. Dewald und Lammert geht es zu keinem Zeitpunkt um Enter- oder zumindest Infotainment. Dennoch gelingt es ihnen, insbesondere mit Hilfe kompetenter Interviewpartner, ihre komplexen Inhalte verständlich zu vermitteln.

Fazit: „Global Viral. Die Virus-Metapher" ist eine nicht immer leicht konsumierbare Gratwanderung zwischen Experimentalfilm und Dokumentation. Wer sich der intellektuellen Herausforderung stellt, wird dafür mit hochinteressanten Denkanstößen belohnt.
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