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Ende der Schonzeit
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Ende der Schonzeit
Von Andreas Günther
Die sogenannten „kleinen Leute" im Dritten Reich werden in Filmen mal als Mitläufer, als heimliche Sympathisanten der Verfolgten oder gar als Widerständler gezeigt. Kaum zu glauben, dass sich das NS-Regime so lange an der Macht hätte halten können, wenn an diesem geschönten Blick auf die Geschichte viel wahr wäre. Nur selten zeigt das Kino jene, denen der Nationalsozialismus selbst eigentlich egal war, die die Zwänge des Systems aber so weit wie möglich für ihre Interessen ausnutzten und es dadurch schlussendlich auch stützten. Ihnen widmet sich Franziska Schlotterer in ihrem bravourösn, kammerspielartigen Spielfilmdebüt „Ende der Schonzeit". In ihrem zusammen mit Gwendolyn Bellmann geschriebenen Film lotet sie mit der Unterstützung des hervorragenden Schauspieler-Ensembles um Hans-Jochen Wagner („Drei") und Max Mauff („Der Vorleser") moralische Grauzonen einer dunklen Epoche aus, ohne dabei das Licht der Hoffnung ganz aus den Augen zu verlieren.

Ein israelischer Kibbuz, 1970: Der aus Freiburg angereiste Student Bruno (Max Mauff) erzählt dem Landwirt Avi (Rami Heuberger) von seiner verstorbenen Mutter und behauptet, dessen Sohn zu sein. Avi schweigt zunächst. Aber Bruno, der sich mit Avis Tochter Tami (Ayala Meidan) anfreundet, lässt nicht locker. Schließlich beginnt Avi zu erzählen – von dem Juden Albert (Christian Friedel) im Jahre 1942, der bei dem Versuch scheitert, vor den Nazis in die Schweiz zu fliehen, und im Schwarzwald Unterschlupf beim wildernden Bauern Fritz (Hans-Jochen Wagner) findet. Fritz‘ Ehefrau Emma (Brigitte Hobmeier) hält das für gefährlichen Wahnsinn. Aber Fritz hat einen Plan: Albert soll mit Emma den Stammhalter zeugen, der dem kinderlosen Paar in zehn Jahren Ehe versagt blieb. Emma ist entsetzt, fügt sich aber und Albert hat ohnehin kaum eine Wahl. Aus dem erzwungenen Beischlaf entwickelt sich jedoch eine Nähe, die Fritz zunehmend unglücklich macht. Und auch der NS-Ortsgruppenführer Walter (Thomas Loibl), der ein Auge auf Emma geworfen hat, wird langsam misstrauisch...

Wenn am Anfang der Bus mit Bruno bei sengender Hitze durch die israelische Landschaft fährt, wähnt man sich für Momente im falschen Film. Mit ihrer hastigen Kontaktanbahnung zwischen Bruno und Avi erscheint die Rahmenhandlung sogar ungeschickt hastig inszeniert. Aber sie erhält ihren Sinn, wenn Avi von seinem früheren Leben berichtet, als er noch Albert hieß und auf der Flucht war. Die Verschränkung von Kibbuz-Umgebung und Schwarzwald gibt „Ende der Schonzeit" das unheimliche Flair eines kritischen Heimatfilms, wie es ihn aus Deutschland in dieser Form nur selten gab. Die clevere Verzahnung von Vergangenheit und Gegenwart schafft außerdem eine so hohe emotionale Dichte, dass man fast glauben könnte, es handele sich hier um eine tatsächliche statt eine erfundene Biographie.

Aus der Ferne erinnert es an Rainer Werner Fassbinder, wie die Strukturen eines menschenverachtenden Systems aufgezeigt werden, in dem die Einzelnen beginnen, den ausgelieferten Fremden auszubeuten. So wie der impotente Fritz – von Hans-Jochen Wagner mit seinem ebenso massigen wie schlaff wirkenden Leib glänzend gespielt –, der den Flüchtling zum Geschlechtsverkehr mit Emma zwingt. Und auch diese beutet den Fremden auf ihre Weise aus: Nach Jahren der Kälte in der Ehe mit Fritz zapft Emma Albert als neuen Quell der Liebesfähigkeit und Sinnlichkeit an. Mit innerer Panik und äußerer Zurückhaltung gibt Christian Friedel einen naturalistisch anmutenden Albert, der sich dem furchtbaren Handel Sex gegen Schutz unterwirft und damit zum Seelenverräter an einer Frau wird, die er wahrscheinlich nie wiedersehen wird.

Nie wirken die mit diesem Konflikt durchgespielten Handlungswendungen forciert, sondern immer der Unbeständigkeit der Gefühle geschuldet, dieser ständigen Verwandlung von Liebe in Hass und zurück von Hass in Liebe. So thematisch reich ist „Ende der Schonzeit", dass man am vorgegebenen Ausgang – Albert überlebt – immer wieder zweifelt. Furchtbar ist die Geschichte in vielerlei Hinsicht, dabei aber nie erdrückend. Fritz und Emma fristen ein dumpfes Dasein, das nur für Momente heller wird, eingefangen von Bernd Fischer unauffälliger und doch eindringlicher Kameraarbeit. Durch Fenster, Türspalte und Ritzen des Bauernhofs fällt bisweilen ein goldrotes Licht, dass der brennenden Sonne vom Anfang des Films ähnelt: Glühendes Symbol einer Welt, die ebenfalls hart, grausam und tragisch ist – aber doch eine Andere.

Fazit: „Ende der Schonzeit" ist ein beklemmendes aber nie erdrückendes Drama um eine unmögliche Dreierbeziehung in Zeiten des Nationalsozialismus. Sensibel aber unsentimental, spannend aber ohne Sensationshascherei erzählt die vielversprechende Regisseurin Franziska Schlotterer eine wendungsreiche Geschichte über Angst und Sinnlichkeit, Liebe und Gewalt.
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