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Die Alpen - Unsere Berge von oben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Die Alpen - Unsere Berge von oben
Von Katharina Granzin

Eine bedeutende Rolle in „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ spielt ein Wunderwerk der Technik. Gedreht wurde die Dokumentation der Regisseure Peter Bardehle und Sebastian Lindemann mit der unter erheblichem finanziellen Aufwand für die amerikanischen Nachrichtendienste entwickelten Cineflex-Helikopterkamera. Fast bekommt man Lust, bei der CIA anzuheuern, so atemberaubend sind die Bilder, die man damit machen kann. Ein Hochgebirge wie die Alpen eignet sich perfekt für eine filmisch-dokumentarische Bestandsaufnahme mit einer solchen Luxus-Kamera. Hier gibt es die Möglichkeit beeindruckende Panorama-Bilder allein vom Helikopter aus zu schießen und spektakuläre Zoomfahrten zu gestalten. Doch supertolle Technik zu haben, reicht noch nicht als Konzept für einen supertollen Naturfilm.

Eine Frau in Kletterausrüstung hängt weit oben an einem steilen, unzugänglich wirkenden Felshang. Konzentriert fixiert die Extremsportlerin den Berg vor sich. Ihr Gesichtsausdruck ist hellwach und angespannt, doch gleichzeitig gelassen. Am Berg brauche man vor allem Vertrauen in die eigene Kraft, philosophiert dazu der Off-Text. Dann zoomt die Kamera aus, und die Kletterin wird zunächst zu einem bunten Käfer am Felsen, dann zu einem flüchtigen Farbfleck am Berg, und ist schließlich gar nicht mehr wahrzunehmen. Die Kamera hat jetzt in ihren vermutlich weitesten Winkel ausgezoomt und zeigt uns ein atemberaubendes Panorama des gesamten Felsmassivs mitsamt der benachbarten Berge und Täler. Schon hier wird klar: Die Stärke des Films ist die herausragende Kamera, mit der er gedreht wurde.

Die Regisseure Peter Bardehle und Sebastian Lindemann haben viel recherchiert und ihren Gegenstand aufgespalten in zahlreiche Einzelaspekte, die einzeln bebildert werden. So zeigen sie etwa den gewaltigen Stubai-Gletscher, auf dem mit schwerem Gerät weiße Kunststoffplanen aufgebracht werden, um das gar nicht mehr ewige Eis vor der sengenden Sonne zu schützen. Aus der Vogelperspektive bietet sich dabei ein eindrucksvolles Bild des Jammers. Auch die Steinböcke, die hoch oben an fast senkrecht fallenden Hängen den Berg entlang wandern, lassen sich vom Helikopter aus mühelos und unbemerkt filmen. Dergleichen geglückte Anwendungsbeispiele gibt es einige, es sind die Momente, in denen das Konzept der „Berge von oben“ bestens aufgeht. Doch das klappt nicht durchweg, vor allem weil die  permanente Draufsicht „von oben“, der fehlende Perspektivenwechsel, mit der Zeit ermüdet. Der bedeutungsschwangere Tonfall mit dem „Tatort“-Kommissar Udo Wachtveitl als Off-Sprecher Naturfilm-Platitüden vorliest und die Musik, die aus dem Naturfilm-Begleitmusik-Katalog stammt, verstärken diesen Effekt.

Das Konzept von „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ verhindert jegliche Nah- oder gar Innenansichten. Bei der Naturbetrachtung ins Bild geratene Menschen bleiben gleichsam Objekte, was sie an Ort und Stelle gerade tun bleibt offen. Der Kamerahelikopter fliegt erbarmungslos weiter. Der stetige Wechsel zur nächsten beeindruckenden Luftaufnahme erweist sich so durchaus als Problem. So bleibt es auch bei einer flüchtigen Fernsicht auf die in schwindelnder Höhe angelegten Verteidigungsanlagen der Alpenfront in den Dolomiten, bei der sich österreichische und italienische Soldaten im Ersten Weltkrieg gegenüberstanden. Diese sehr raren Bilder sind für sich auf jeden Fall imposant, aber den Wunsch nach mehr wollen die Filmemacher nicht erfüllen. Einem interessanten Blick in das Innere der Schützengräben, steht nicht nur das Konzept der ständigen Draufsicht im Wege, sondern der forcierte Wechsel zum nächsten Objekt: Wir „müssen“ schließlich weiter, denn wir wollen ja noch die Leute filmen, die von der großen Staumauer des Lago di Vogorno Bungee springen. Die Regisseure von „Die Alpen – Unsere Berge von oben“ spulen so unter dem Primat des Visuellen ihren bunten Themenkatalog ab.

Fazit: Großartige Naturaufnahmen mit der teuersten Helikopter-Kamera der Welt stehen einem starren und so auch ermüdenden Konzept gegenüber.

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