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    Blutgletscher
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Blutgletscher
    Von Tim Slagman

    Die Klage ist alt, aber dadurch nicht weniger wahr: Mit dem deutschsprachigen Genrekino sieht es nach wie vor eher mau aus. Aus dem Land, in dem in den Zwischenkriegsjahren bahnbrechende Horrorfilme wie Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder Friedrich Wilhelm Murnaus „Nosferatu“ entstanden, stammten in den vergangenen Jahren nur einige wenige, bestenfalls solide Produktionen wie Andreas Prochaskas „In 3 Tagen bist du tot“ von 2006. Ausgerechnet das angeblich so innovationsfeindliche öffentlich-rechtliche Fernsehen setzt dem enttäuschenden Genrekino mal hin und wieder einen Lichtblick entgegen. Für das ZDF realisierte auch der Österreicher Marvin Kren 2010 den dichten Berlin-Zombiethriller „Rammbock“. Für seine temporeiche neue Arbeit „Blutgletscher“ hat sich Kren nun erneut mit Drehbuchautor Benjamin Hessler zusammengetan. Statt den Häuserschluchten der deutschen Hauptstadt verwandelt er dieses Mal eine schroffe Alpenlandschaft in einen Ort des Grauens und bestätigt seinen Ruf als einer der deutschsprachigen Genrefilmer, auf die man ganz unbedingt weiter achten muss.

    In einer abgelegenen Station erforschen ein paar Wissenschaftler die Klimaveränderungen. Und wie es im Genre so zu sein hat, überschreiten sie dabei womöglich ein paar Grenzen des Ethischen wie Vernünftigen – auf jeden Fall sondert eine nahegelegener Gletscher plötzlich eine knallrote Flüssigkeit ab, die unheimliche Dinge mit der lokalen Fauna anstellt. Als wäre das nicht schon anstrengend genug, muss sich der stoffelige Techniker Janek (Gerhard Liebmann) jedoch bald nicht nur mit mutiertem Viechzeugs herumschlagen, sondern auch mit seiner Ex-Freundin Tanja (Edita Malovcic), die in der Entourage von Ministerin Bodicek (Brigitte Kren – die Mutter des Regisseurs) auf offizieller Besuchsreise zur Forschungsstation ist.



    Die bedrängte Natur schlägt zurück. Die in die Ecke gedrängten Menschen beginnen, aufeinander einzuschlagen. Nein, einen Preis für Originalität gewinnen Kren und Hessler nicht, zu offensichtlich kombinieren sie genretypische Versatzstücke – eines der eindeutigsten Vorbilder ist John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ von 1982, selbst schon ein Remake, das mit großem Effektaufwand auseinander reißende wie in alle Richtungen wachsende, implodierende wie mutierende Körper präsentierte. Nicht nur, dass Gerhard Liebmann („Das finstere Tal“) mit seinem ausladenden Bart ein wenig an Carpenters Hauptdarsteller Kurt Russell erinnert – auch den beinahe schon anachronistischen Bastelcharme analoger Effektkunst hat Kren sich aus den 80er-Jahren geborgt. Im gleißenden Tageslicht und in voller Größe sind seine gefräßigen Bergmonstren denn auch selten zu sehen, ihre Beweglichkeit innerhalb des Bildes ist stark eingeschränkt. Im Interview mit der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ gaben Hessler und Kren unumwunden zu, dass die erste Drehbuchfassung unfinanzierbar gewesen wäre und man von Dutzenden Monsterentwürfen die meisten nicht hätte umsetzen können.

    Dies macht ihre Arbeit zu einem Produkt für Fans, die um solche Einschränkungen wissen und sie gerne in Kauf nehmen, weil sie gerne Hochspannung goutieren. Die erzeugt Kren nämlich. Vollkommen schamlos wird eine panische Geräuschkulisse um die schockierten und attackierten Menschen gelegt, dass es nur so schreit, kreischt, knarrt, schrillt und brüllt. Das visuelle Äquivalent sind Bilder, die wie der Gletscher in hysterischem Rot eingefärbt sind.  All diese gestalterischen Elemente befeuern das ohnehin schon hohe Erzähltempo weiter. Wer möchte, kann die alpine Kulisse dieser Geschehnisse als lokalpatriotisches Element werten, das den globalisierten Horror in den heimischen Stein holt – was freilich eine recht heimattümelnde Interpretation wäre. Und wer will, findet leicht eine ökologisch warnende Botschaft hinter der atemlosen Hatz auf Mensch wie Haustier – die freilich weder originell ist noch wissenschaftlich einigermaßen geerdet. Den Filmemachern, zu denen auch Helmut Grasser, der Produzent von „In 3 Tagen bist du tot“, gehört, ist dies alles sichtlich schnuppe. Sie haben ein Stück Kino abgeliefert, das packend unterhält und gleichzeitig sehr selbstbewusst in eine genrehistorische Traditionslinie eingeordnet ist. Schon alleine deshalb ist es gut, dass auch in unserer Nachbarschaft zumindest ab und an solche Filme gedreht werden.

    Fazit: Marvin Kren hat mit „Blutgletscher“ einen grellen Horrorfilm gedreht, der seine genregeschichtlichen Versatzstücke unterhaltsam genug variiert, um Freunden des Schrillen und Abgedrehten zu gefallen.

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