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Fliegende Liebende
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Fliegende Liebende
Von Ulf Lepelmeier
Über den Wolken vermutete bekanntlich bereits der Liedermacher Reinhard Mey die grenzenlose Freiheit. Der spanische Ausnahmeregisseur Pedro Almodóvar besinnt sich in seiner Komödie „Fliegende Liebende“ auf ebenjenes Motto und lädt eine iberische Starbesetzung (auch Penélope Cruz und Antonio Banderas schauen kurz vorbei) zum aberwitzigen Humor-Höllenflug ein: In luftiger Höhe verlieren Almodóvars Flugzeuginsassen nicht nur ihre Nerven, sondern auch ihr Schamgefühl und damit jegliche Zurückhaltung. Während sich das Personal und die Passagiere geradezu hysterisch verlustieren, droht nicht nur dem Flieger, sondern auch dem überdrehten Lustspiel so manches Mal der Absturz, denn „Fliegende Liebende“  ist längst nicht immer witzig und weit entfernt von den Glanzleistungen des Meisterregisseurs - auch wenn seine unverwechselbare Handschrift durchaus zu erkennen ist und er einige amüsante Pointen setzt.

Die hellseherisch begabte Bruna (Lola Dueñas) spürt schon beim Start des Peninsula-Fluges 2549 von Madrid nach Mexiko City, dass etwas Ungewöhnliches passieren wird. Und sie soll recht behalten: Ein schwerwiegendes technisches Problem macht eine planmäßige Fortsetzung des Fluges bald unmöglich -.und einen Absturz des Flugzeugs wahrscheinlich. Nachdem die Passagiere der Economy Class mit Schlaftabletten ruhiggestellt sind, wird den Fluggästen auf den teuren Plätzen neben einem hochprozentigen, mit Meskalin versetzten Getränk auch reiner Wein in Bezug auf die kritische Situation eingeschenkt. Die drei homosexuellen Stewards Joserra (Javier Cámara), Fajas (Carlos Areces) und Ulloa (Raúl Alévaro) machen dabei gute Miene zum bösen Spiel und bemühen sich nach Kräften darum, die besorgten Passagiere bei Laune zu halten. Über das Bordtelefon können sie immerhin mit den Liebsten am Boden in Kontakt treten, allerdings sorgt eine weitere technische Panne dafür, dass alle anderen bei den intimen Gesprächen und privaten Streitereien über Lautsprecher mithören können. Außerdem zeigt der verabreichte Spezialcocktail schnell eine enthemmende Wirkung: Es kommt zu Gefühlsausbrüchen aller Art und sexuellen Gelüsten wird einfach freier Lauf gelassen. Während das Flugzeug also mit sinkender Notlandungschance über Spanien kreist, artet die Situation an Bord immer mehr in ein frivoles Chaos aus...  

Exzentrische Komödien begründeten einst wesentlich den Weltruhm Pedro Almodóvars („Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ avancierte gar zum Kultfilm), ehe er sich später vorwiegend auf dramatische Werke konzentrierte (zuletzt „Zerrissene Umarmungen“ und „Die Haut, in der ich wohne“). Seine Rückkehr zur überdrehten Posse verkommt nun weitgehend zur Luftnummer. Die derben Dialoge haben oft etwas Gezwungenes und die episodische Erzählweise wirkt eher holprig als unbekümmert. Dabei bietet der Regisseur mal wieder ein ganzes Arsenal schräger Paradiesvögel auf: Eine wahrsagende Jungfrau trifft auf eine einflussreiche Domina, ein seriöser Geschäftsmann auf einen zwielichtigen Unterwelt-Typen und um sie herum tänzelt die schwule Besatzung. Doch auch Almodóvars Stammschauspieler Cecilia Roth („Alles über meine Mutter“) als Norma, Lola Dueñas („Volver“) als Bruna und Javier Cámara („Sprich mit ihr“) als Flugbegleiter können ihren Figuren kaum einmal wirklich Leben einhauchen, unter der gewohnt schillernden Oberfläche tut sich in den meisten Fällen herzlich wenig. Eine schöne Ausnahme bildet allerdings die einzige längere Episode am Erdboden, bei der sich auch der bekannte farbenfrohe Stilwille des Filmemachers stärker entfalten kann als in der Monotonie der Flugzeugkabine. Wenn Ricardo (Willy Toledo) aus der Maschine mit seiner labilen Ex-Geliebten Alba (Paz Vega) telefoniert, dann kommt es zu einer perfekt orchestrierten Kettenreaktion und damit zu einem der absurden Höhepunkte des Films.

Albas Handy fällt von der Brücke direkt in die Tasche der mit dem Rad vorbeifahrenden Ruth (Blanca Suárez) und die führt das Gespräch mit dem (im doppelten Sinne) untreuen Ricardo einfach weiter – in diesem Moment hat „Fliegende Liebende“ tatsächlich klassischen Komödien-Esprit und später blitzt noch einmal Almodóvars gewohnte Klasse auf, wenn er die Geschichte des ungewöhnlichen Liebesdreiecks zu einem erzählerisch und emotional befriedigenden Ende bringt. Da ist dann auch der Bezug zur anhaltenden Wirtschaftskrise (von der Spanien in besonderem Maße betroffen ist)  treffend und der Regisseur sorgt bei der Notlandung im Geisterflughafen von La Mancha (ein Milliardengrab, das der Manager Ricardo mitverschuldet hat) für poetische Gerechtigkeit. Davon abgesehen wirken auch die politischen Anspielungen und Kommentare eher schwerfällig als scharfsichtig: Während die gesellschaftliche „Elite“ in Kenntnis der nahenden Katastrophe einen Tanz auf dem Vulkan veranstaltet und sehenden Auges dem Abgrund entgegenfeiert, dösen die Fluggäste in der Economy Class stellvertretend für die normale Bevölkerung nichtsahnend vor sich hin.
 
Die betäubten Billigflieger verpassen allerdings auch nicht viel, denn das aufgekratzt-frivole Treiben in Cockpit, Business-Kabine und Bordküche (die Besatzung arbeitet wirklich eng zusammen und kennt keinerlei Berührungsängste) wirkt in seiner aufgesetzten Nonchalance eher verklemmt als sinnlich, was exemplarisch an der Karaoke-Darbietung des schwulen Stewardtrios zu sehen ist: die Bewegungen, die Gesten und die Musikauswahl („I’m So Excited“ von den Pointer Sisters) könnten kaum klischeehafter sein. Das ist nur eine von zahlreichen faden Episoden, die mehr schlecht als recht verbunden sind und überwiegend ins Leere laufen. Völlig außen vor steht übrigens auch der Prolog, mit dem alle Fans von Penélope Cruz („Vicky Cristina Barcelona“) und Antonio Banderas („Die Maske des Zorro“) aufs Glatteis geführt werden: Die beiden spanischen Weltstars sind in ihrem ersten gemeinsamen Film nur ganz kurz als verliebtes Bodenpersonal zu sehen und verschwinden nach wenigen Minuten auf Nimmerwiedersehen aus dem Film – für ihren Auftritt gilt letztlich Ähnliches wie für „Fliegende Liebende“ als Ganzes: Über gute Ansätze kommt er nicht hinaus.

Fazit: In „Fliegende Liebende“ macht Pedro Almodóvar eine sich anbahnende Katastrophe zur Grundlage einer derben Komödie voller überdrehter Figuren und abstruser Vorkommnisse, aber auch voller lauer Gags und lahmer Pointen - vom köstlichen Wahnwitz seines Frühwerks ist die neue Farce des Kultregisseurs weit entfernt.

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