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    Was machen Frauen morgens um halb vier?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Was machen Frauen morgens um halb vier?
    Von Tim Slagman
    Der deutsche Fernsehfilm hat kein allzu gutes Image und wird oft irgendwo zwischen „Hai-Alarm auf Mallorca" und Rosamunde Pilcher, zwischen billigster Action und hanebüchenem Kitsch angesiedelt. Gemeinsam haben diese Beispiele: eindimensionale Figuren, eine schablonenhafte Handlung und eine auf pure Leichtverdaulichkeit angelegte Inszenierung. Die Produktionsfirma Degeto ist inzwischen – ob zu Recht oder nicht sei dahingestellt – für viele zum Synonym für diese unselige Mixtur geworden. So kanzelte der Bundesverband Regie die Produktionen der ARD-Tochter als „Schmonzetten aus einem dramaturgischen Einheitsbrei" ab. Filmkritiker Peter Körte, der 2008 in einem F.A.Z.-Artikel dagegen wetterte, dass immer mehr Kinofilme in ein schlichtes Fernsehkorsett gezwängt würden, sprach in diesem Zusammenhang sogar von einer „Degeto-isierung des deutschen Kinos". Mit Matthias Kiefersauers Heimatkomödie „Was machen Frauen morgens um halb vier?" kommt nun eine Degeto-Produktion in die deutschen Kinos. Aufgrund mancher Plattheit und Vorhersehbarkeit dürften sich die Degeto-Kritiker bestätigt fühlen – dabei trifft es die Verleihankündigung eines „vorweihnachtlichen Feelgoodmovies" viel besser.

    Franzi Schwanthalers (Brigitte Hobmeier) Welt befindet sich im Umbruch. Ihren Vater, den Bäckermeister Josef (Peter Lerchbaumer), hat ein Herzinfarkt niedergestreckt. Und das ausgerechnet in dem Moment, als sich im beschaulichen bayerischen Heimatdorf ein Discount-Konkurrent breitmacht, der Semmeln und Brezen zu Dumping-Preisen verscherbelt. Während Josef im Krankenhaus vor sich hingrantelt, entdeckt Franzi unbezahlte Rechnungen und einen Berg von Schulden, der immer verheimlicht wurde. Die aus Berlin angereiste ältere Schwester Carmen (Muriel Baumeister) ist keine große Hilfe und so muss Franzi den Laden wohl oder übel alleine schmeißen. Können der legendäre Christstollen der Schwanthalers und eine alte Flamme im weit entfernten Dubai die Bäckerei doch noch vor dem Konkurs retten?

    Regisseur Matthias Kiefersauer zeichnet das Dorf und seine Protagonisten verschroben genug, um das Interesse an ihnen zu wecken, aber bei weitem nicht so skurril, dass sie zu Karikaturen verkämen. Er zieht in den richtigen Momenten Tempo und Spannungsschraube an, ohne in atemlose Hektik zu verfallen. Auch die Pointen sitzen, weil Kiefersauer die Komik aus den Figuren entwickelt statt sie ihnen überzustülpen. Brigitte Hobmeier („Sommer in Orange") und Muriel Baumeister („Bis in die Spitzen") treffen als Franzi und Carmen genau den richtigen Ton: Zwischen der weiten Welt und Hintertupfingen haben sich die beiden verrannt – sie sind gleichermaßen modern und traditionsverbunden. Bei allem Konflikt, bei allen Vorwürfen, dass Carmen Dorf und Familie verlassen habe, scheint doch immer durch: So unterschiedlich sind diese Frauen nicht, es hätte wohl nur eines kleinen Stupsers bedurft, und Franzi hätte ebenfalls ihr Glück in der Ferne gesucht.

    Allerdings haben die unterhaltsamen 90 Minuten von „Was machen Frauen morgens um halb vier?" auch einen schalen Beigeschmack. Denn Regisseur Kiefersauer und Drehbuchautorin Martina Brand („Der Zauber des Regenbogens") brechen alles Komplexe auf leicht bekömmliche Häppchen hinunter und bedienen damit alle Vorurteile, die es gegen Degeto-Produktionen geben mag. Ein bisschen Alltagsrealität, ein bisschen kritische Zeitdiagnose dürfen gerne sein, aber die Globalisierungskritik soll bloß nicht zu weit gehen. Und um dem Geschehen trotzdem den Anstrich von Größe zu verleihen, braucht es auch ein paar Schauwerte der weiten Welt, nach der man sich von der Couch aus sehnen kann. Bisweilen führt dieses simple Baukastenprinzip auch ins ärgerliche Extrem: Dass die Tschechen, bei denen der Emporkömmling seine Billigware produzieren lässt, nicht so vollendet backen können wie die bodenständigen bayerischen Handwerker, das ist hier einfach eine Tatsache. Und so überzeugt die Heimatkomödie vor allem dann, wenn die Konzentration auf den Hauptfiguren und dem engen Dorfumfeld der Familie Schwanthaler liegt.

    Fazit: Temporeich, witzig und gut gespielt: Der bayerische Globalisierungsschwank „Was machen Frauen morgens um halb vier?" ist über weite Strecken eine schöne Heimatkomödie - trotz ihrer Klischeelastigkeit.
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