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Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan
Von Björn Becher
Als am 21. Oktober 2012 Yash Chopra starb, trauerten die Filmschaffenden der großen indischen Kinoindustrie. Denn mit dem erfolgreichen Regisseur und Produzenten Chopra verschied eine der großen Legenden Bollywoods. Sein neuester, nunmehr letzter Film „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan", der nicht einmal einen Monat nach Chopras Tod in Indien und auch in Deutschland in den Kinos startet, ist nun nicht - wie geplant - der feierliche Höhepunkt zum 50. Jubiläum des Regisseurs in Bollywood. Stattdessen ist die Romanze nun ein wenig von Wehmut umzogen, was dadurch verstärkt wird, dass zu Beginn des Films ein Porträtfoto Chopras eingefügt wurde und der Abspann aus zahlreichen Bildern und Aufnahmen besteht, die den Regisseur bei der Arbeit zeigen. Dazwischen demonstriert der so Geehrte noch einmal, warum er einer der bedeutendsten Filmemacher Indiens ist: Chopra versteht sich wie kaum ein zweiter Regisseur des Subkontinents auf die ganz großen Gefühle. Dieses Gespür zeichnete schon frühere Liebesepen wie „Mein Herz spielt verrückt" oder „Veer und Zaara – Die Legende einer Liebe" aus und auch sein letztes Werk „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan" ist trotz manch abstruser Wendung und der bollywoodtypischen (Über-)Länge einfach nur unglaublich romantisch.

Samar Anand (Shah Rukh Khan) ist „The man who cannot die", eine Legende unter den Bombenentschärfern beim indischen Militär. Er trägt nie einen Schutzanzug und hat gerade seine 98. Bombe unschädlich gemacht. Er ist aber auch ein unnahbarer Einzelgänger: Als Samar die junge Draufgängerin Akira Rai (Anushka Sharma) vor dem Ertrinken rettet, hängt er ihr noch seine Jacke um, braust aber dann ohne ein Wort auf seinem Motorrad davon. In der Jacke findet Akira ein Tagebuch, in dem eine tragische Liebesgeschichte geschildert ist, die vor über einem Jahrzehnt in einer Londoner Kirche ihren Anfang nahm. Dort sah der sich als Straßenmusiker und mit allerhand Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagende Samar zum ersten Mal die schöne und strenggläubige Meera (Katrina Kaif). Im Laufe der Zeit begegnen sich die beiden immer wieder und kommen sich näher, obwohl Meera eigentlich den Nachfolger an der Spitze des Supermarkt-Imperiums ihres Vaters (Anupam Kher) heiraten soll. Doch dann ringt Samar nach einem Autounfall um sein Leben und Meera schließt ein Geschäft mit Jesus: Wenn er ihren Geliebten rettet, dann wird sie Samar nie wiedersehen. Berührt von dieser tragischen Geschichte überzeugt Akira den Discovery Channel, sie eine Dokumentation über „The man who cannot die" drehen zu lassen. Obwohl sie einen Samar kennenlernt, der sich massiv von dem Helden aus dem Tagebuch unterscheidet, verliebt sie sich in ihn...

Im Zentrum von „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan" steht ganz klar Indiens Superstar Shah Rukh Khan („Don", „My Name Is Khan"), der hier mal wieder mit seinem ganzen Charisma den Helden, dem die Frauen zu Füßen liegen, verkörpert. Hier darf er in einer Quasi-Doppelrolle gleich zwei Varianten seiner Paradefigur zum Besten geben und ist dabei voll in seinem Element: Mit absoluter Coolness und lässigem Dreitagebart spielt er den harten indischen Soldaten, glattrasiert und immerzu vergnügt dagegen den jungen Londoner Hallodri und Liebhaber. Der Moment, in dem er sich in einer Kirche gleichsam von der einen in die andere Figur verwandelt, ist dann auch eins der emotionalen Highlights des Films. Mit einem Schlag zerbricht seine ganze Welt, die existenzielle Erschütterung bis auf den Herzensgrund ist in Khans Gesicht abzulesen – ein Moment, der im großen Finale auf wunderbare Weise noch einmal gedoppelt wird.

Die Einführung der „beiden" Samars fällt so auch sehr unterschiedlich aus: Der Soldat jagt mit dem Motorrad an eine Bombe heran, an der sich seine schwer geschützten Kollegen scheinbar schon länger abplagen. Der Sprengstoff wird kurz gemustert, entschärft und schon braust er mit einem traurigem Liebeslied auf den Lippen von dannen. Der Hallodri Samar tanzt dagegen ein fröhliches Liebeslied singend durch London, klappert einige Sehenswürdigkeiten ab und kreuzt dabei immer wieder die Wege von Meera. Wenn seine durchaus harten Jobs als Fischerverkäufer, Straßenmusiker oder Kellner als leichte, vergnügliche Arbeit dargestellt werden, rückt „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan" in die Nähe eines Märchens. Was einerseits eine im Bollywood-Kino nicht seltene Schönung ist, bekommt hier durch die erzählerische Bindung an die Perspektive der jungen Akira eine schöne Folgerichtigkeit. Die Bilder von London, in denen die olympischen Spiele 2012 genauso präsent sind wie iPads und die neuesten Smartphones sind keine historischen Aufnahmen einer zehn Jahre zurückliegenden Vergangenheit, sondern die Vorstellungen im Kopf der Fernsehpraktikantin, die sich bei der Lektüre des Tagebuchs in ihre Lieblingsmetropole träumt, werden zur subjektiven Kulisse der Liebesgeschichte von Samar und Meera.

Das Drehbuch von Erfolgsproduzent Aditya Chopra („Ein göttliches Paar - Rab Ne Bana Di Jodi") steckt voller irrer und manchmal wirrer Wendungen und Haken. Einiges ist bekannt aus der vorherigen Zusammenarbeit mit Regisseur Yash Chopra bei „Veer und Zaara - Die Legende einer Liebe", ein Twist wie eine aus dem Hut gezauberte retrograde Amnesie und ein anschließendes Schauspiel, das die Beteiligten aufführen müssen, um die Erinnerung wiederzuerlangen, wurde in Bollywood bereits oft benutzt (z.B. in „Henna"). Und dass britische Streifenpolizisten einen Wildfremden eine Bombe entschärfen lassen, weil er zwei Sätze gesagt hat, die sich danach anhören, als verstünde er was von dem Job, ist schon reichlich obskur. Aber Regisseur Yash Chopra war schon immer ein Spezialist, wenn es um filmische Emotionen geht und so kommt er gefühlvoll über jede noch so abstruse Wendung hinweg. Immer wenn es kurzzeitig allzu wild und willkürlich zugeht, lässt er eine besonders ergreifende und romantische Szene folgen. Trotz der typisch ausufernden Laufzeit von 175 Minuten hat „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan" kaum Längen, auch wenn eine Nebenhandlung um Meeras entfremdete Mutter und deren neuen Mann auf einem Weingut nur eingebaut worden zu sein scheint, um mit dem Ehepaar Rishi Kapoor („Hum Tum") und Neetu Singh („Love Aaj Kal") zwei weiteren Stars kleine Nebenrollen zu verschaffen und prächtige Aufnahmen der englischen Landschaft einzufangen.

Neben dem absoluten Superstar Shah Rukh Khan und den beiden weiblichen Hauptdarstellerinnen Katrina Kaif und Anushka Sharma haben alle anderen Schauspieler nur maximal größere Gastauftritte. Aber das Trio trägt den Film auch durchaus ganz alleine, vor allem Sharma, die seit „Ein göttliches Paar" und „Die Hochzeitsplaner – Band Baaja Baaraat" einer der Shootingstars Bollywoods ist, begeistert mit ihrer erfrischenden Art. Sie steht für eine neue Generation, die, wie Akira einmal im Film sagt, erst mal miteinander ins Bett geht und dann vielleicht über Liebe nachdenkt. Daher ist sie besonders berührt von der für sie richtig altmodischen Geschichte von Samar und Meera, die übrigens auf der Legende von der indischen Mystikerin Mirabai basiert, die im 16. Jahrhundert lebte. Yash Chopra stellt Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne einander gegenüber, verbindet sie aber auch immer wieder und trennt die beiden Erzählstränge um Akira und Meera nicht etwa strikt voneinander: So hat Meera mit einer an aktuelle Produktionen in der Art der „Step Up"-Reihe erinnernden Großperformance in einem englischen Undergroundclub eine ganz und gar gegenwärtige und zugleich die eindrucksvollste der für Bollywood-Verhältnisse relativ rar gesäten Tanzszenen des Films.

Fazit: „Solang ich lebe - Jab Tak Hai Jaan" ist eine wunderschöne Bollywood-Bilderbuch-Romanze, so berührend und ergreifend, dass man nur zu gerne über einige Schwächen hinwegsieht.
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