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    Der blinde Fleck - Täter. Attentäter. Einzeltäter?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Der blinde Fleck - Täter. Attentäter. Einzeltäter?
    Von Andreas Staben

    In der Berichterstattung und in der politischen Diskussion über die Versäumnisse und Pannen bei den Ermittlungen zu den Morden der NSU war immer wieder davon die Rede, dass bestimmte Behörden und verantwortliche Personen „auf dem rechten Auge blind“ seien. Rechtsextreme Hintergründe für die Taten wurden gar nicht erst untersucht oder vorschnell ausgeschlossen – diese fatale selektive Wahrnehmung halten viele kritische Beobachter für ein tiefergreifendes gesellschaftliches Problem und für eine keineswegs neue Tendenz. Sie nimmt auch Regisseur Daniel Harrich bereits im Titel seines Films „Der blinde Fleck“ ins Visier. Außerdem zieht er bei seinem Polit-Drama über die bis heute unklaren Hintergründe des Bombenanschlags auf das Oktoberfest in München am 26. September 1980, bei dem 13 Menschen ums Leben kamen, eine direkte Linie zu den NSU-Taten und ihrer Aufarbeitung. Dieser durchaus schlüssig hergestellte Zusammenhang gibt „Der blinde Fleck“ zwar zusätzliche Brisanz, aber trotzdem zeigt sich hier einmal mehr, dass ein wichtiges Thema noch lange keinen guten Film garantiert. Denn der faktenreichen Erzählung über den Einsatz eines Journalisten für die Wahrheit fehlt jede dramatische Spannung: So hat „Der blinde Fleck“ etwas von einem sorgfältig recherchierten aber monoton und zuweilen ungeschickt vorgetragenen Referat.

    Sommer 1980. Der Radiojournalist Ulrich Chaussy (Benno Fürmann) ist gerade frisch mit seiner Frau Lise (Nicolette Krebitz) in eine Wohnung in der Nähe der Theresienwiese in München gezogen. Am Abend des 26. September hören sie eine ohrenbetäubende Explosion: Am Haupteingang zum Oktoberfest wurde eine Sprengladung gezündet, 13 Menschen werden getötet und über 200 verletzt. Ministerpräsident und Kanzlerkandidat Franz Josef Strauß (CSU) weist der Bundesregierung unter Helmut Schmidt (SPD) die Schuld zu und suggeriert einen linksradikalen Hintergrund. Die ersten konkreten Hinweise deuten jedoch in eine andere Richtung: Die Bombe wurde von einem der Todesopfer gezündet, einem 21-jährigen Studenten mit Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann. Im 1983 vorgelegten Abschlussbericht des Generalbundesanwalts Rebmann (Miroslav Nemec) heißt es dann allerdings, dass der Täter ausschließlich aus persönlichen Motiven gehandelt habe. Der Anwalt Werner Dietrich (Jörg Hartmann), der viele der Opfer vertritt, glaubt das nicht und weist Chaussy in einem Interview auf zahlreiche Widersprüche hin. Der geht den offenen Fragen nach und sendet einen kritischen Bericht, worauf sich ein Insider mit dem Pseudonym Meier (August Zirner) meldet, der ihm Akten und geheime Dokumente zuschanzt. Es offenbart sich eine ganze Kette von Ungereimtheiten, für die der Chef des bayerischen Staatsschutzes, Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), persönlich verantwortlich zu sein scheint…

    „Der blinde Fleck“ erinnert nicht nur an ein Ereignis, das in den Geschichtsbüchern kaum vorkommt,  obwohl es sich um den schwersten Terrorakt in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg handelt, sondern besitzt auch ganz aktuelle Relevanz. Noch vor der offiziellen Weltpremiere gab es im Mai 2013 eine Aufführung im Bayerischen Landtag und der Innenminister des Freistaates versprach im Anschluss öffentlich, alte Spurenakten freizugeben, deren bloße Existenz zuvor hartnäckig geleugnet worden war. Harrichs Werk sorgt für Aufmerksamkeit und leistet somit indirekt einen Beitrag zur Aufklärung, überdies wirft er die Frage nach der Kontinuität des im Titel konstatierten blinden Flecks in Bezug auf rechtsextreme Gewalttaten und Strukturen auf.  Das allein ist aller Ehren wert, aber Daniel Harrisch vergibt zugleich die Gelegenheit einer substanziellen Auseinandersetzung mit seinen Themen: Er bietet Schlagworte statt Zusammenhänge. Wer das Geschehen 1980 nicht miterlebt oder es später bewusst studiert hat, der dürfte schon die einleitende Montage von Archivaufnahmen zu RAF-Terror und Bundestagswahlkampf nur schwer einordnen können. Eine so wesentliche Figur wie Franz Josef Strauß wird hier nicht näher vorgestellt (und ist in den Spielszenen nur von hinten zu sehen), die aufgeheizte politische Stimmung der Zeit kommt kaum rüber und selbst die Bedeutung der bedrohlichen Umstände und unerwarteten Wendungen für den Protagonisten persönlich wird mehr behauptet als spürbar gemacht.     

    Daniel Harrich verzichtet auf die Überhöhung seines Journalistenhelden. Anders als den Kollegen Woodward und Bernstein, denen Robert Redford und Dustin Hoffman in der berühmten Watergate-Chronik „Die Unbestechlichen“ trotz aller Sachlichkeit eine gehörige Portion Star-Appeal verleihen, fehlt Chaussy jeder Glamour (was dem realen Vorbild grundsätzlich wohl sehr nahe kommt), aber die betonte Nüchternheit lässt den Menschen kaum für uns Zuschauer lebendig werden. Wenn die Ehe von Benno Fürmanns („Anatomie“, „Jerichow“) Ulrich und seiner von Nicolette Krebitz („Unter dir die Stadt“) gespielten Frau angesichts von Drohungen und Dauerstress auf der Kippe steht, dann kommt die Tragweite der Situation überhaupt nicht zum Ausdruck. In Harrichs Bemühen um Faktentreue bleiben Emotion und Spannung auf der Strecke, bei seinem Ansatz wäre es eventuell zielführender gewesen, gleich einen Dokumentarfilm zu drehen. In der erzählerischen Aufarbeitung zeigt sich zudem eine zuweilen didaktisch wirkende Eindimensionalität des Ausdrucks, die gewisse Klischees eher bestätigt als hinterfragt. So ist Heiner Lauterbachs („Schutzengel“) skrupellosem Strippenzieher die rechte Gesinnung per Scheitelstrich ins Gesicht gekämmt, in ihm verbindet sich auf unheilvoll nichtssagende Weise die finstere Entschlossenheit eines Überzeugungstäters mit dem Ehrgeiz des Karrieristen. Und auch der von Udo Wachtveitl („Tatort“) verkörperte Boulevardjournalist ist in seinem aalglatten Opportunismus eher eine Figur aus einem Lehrstück als aus einem dramatischen Thriller.  

    Fazit: Ein diskussionswürdiges Thema in diskutabler Aufbereitung – Daniel Harrichs Polit-Drama über das Oktoberfest-Attentat von 1980 illustriert einmal mehr die alte Einsicht, dass die Bedeutung der behandelten Fragen noch nichts über die Qualität der Auseinandersetzung aussagt.

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