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Besser als Nix
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Besser als Nix
Von Michael Meyns
Aufwachsen ist nicht leicht, erst recht nicht als Außenseiter und schon gar nicht auf dem Land. Dieses Szenario wurde im Kino schon öfter durchgespielt, auch die ostdeutsche Provinz war schon Schauplatz schwieriger Coming-of-Age-Geschichten und so bedient sich Ute Wieland bei ihrer Variation des Themas eines besonderen Dreh: Der junge Außenseiter Tom beginnt eine Lehre bei einem Bestatter, die passende schwarze Kleidung trägt er ja ohnehin schon. Dieser Kniff sorgt dafür, dass „Besser als Nix“ ein kleines bisschen wie ein „Six Feet Under“ in der brandenburgischen Provinz wirkt, doch so bissig und pointiert wie das US-Serien-Vorbild ist das Kinopendant zu selten. Denn Wieland füllt ihre Geschichte mit zu vielen Themen: vom Alkoholismus des Vaters, über eine früh verstorbene Mutter, bis hin zur ersten Liebe. Das ergibt einen Mischmasch, welcher nur bisweilen pointiert ist.

Tom (Francois Goeske) lebt in der brandenburgischen Provinz, nicht sehr weit von Berlin entfernt und doch ist die Hauptstadt in kaum greifbarer Ferne. Mit seinen schwarzen Kleidern, den längeren Haaren und seinem merkwürdigen Musikgeschmack sticht Tom in seinem Dorf heraus wie ein bunter Vogel. Zu allem Unglück ist sein Vater Carsten (Wotan Wilke Möhring) auch noch allseits beliebter Fußballtrainer des Dorfvereins und somit so sehr im Mittelpunkt, wie Tom es nie ist. Seit dem Tod der Mutter ist Carsten Alkoholiker und nervt seinen Sohn, der nach einem Ausbildungsplatz sucht. Doch seine Noten erlauben keine großen Sprünge, so dass die Berufsberatung nur eine Lösung weiß: Der örtliche Leichenbestatter braucht Nachwuchs und so klopft Tom dort bald an die Tür und lernt ein merkwürdiges Team kennen: die blonde Ukrainerin Olga (Nicolette Krebitz) und den wortkargen, Cowboyhut tragenden Hans (Clemens Schick). Sein wichtigster Bezugspunkt bleibt allerdings seine Oma Wally (Hannelore Elsner), die nur scheinbar fidel im Altersheim lebt. Dazu kommen sein bester Kumpel Mike (Jannis Niewöhner) und die junge Aushilfslehrerin Sarah (Anna Fischer), in der Tom eine verwandte Seele erkennt, die es sogar einmal geschafft hat, aus dem Dorf auszubrechen und für kurze Zeit in Berlin zu leben.


Das größte Plus von Ute Wielands Coming-of-Age-Film ist der junge Hauptdarsteller Francois Goeske („Lost Place“, „Französisch für Anfänger“), der sich mit viel Elan in seine Rolle wirft. Sei es durch die Landschaft radelnd, im geliehenen Frack erste Versuche als Leichenbestatter machend oder beim beginnenden Flirt mit der hübschen Sarah: Goeske hält die Geschichte zusammen und verhindert so, dass diese angesichts zu vieler Themen aus dem Ruder gerät. Aufgrund dieser inhaltlichen Vielfalt variiert auch immer wieder der Tonfall, der mal ernsthaft bis schwermütig ist, dann geht es sogar ins Melancholische, aber zwischendrin gibt es auch immer wieder albernen Klamauk. Immer wieder finden sich Szenen, die nicht so recht passen wollen, etwas wenn Wieland den Unfalltod einer Fahrlehrerin als lustigen Moment inszeniert oder mit der von Nicolette Krebitz gespielten Ukrainerin Olga jedes erdenklichen Stereotyp bedient: Der deutsche Arthouse-Liebling („Unter dir die Stadt“) spielt mit pseudo-russischem Akzent und riesiger Oberweite eine Frau mit merkwürdigen Sitten, die zu allem Überfluss auch noch HIV positiv sein soll, was zur eigentlichen Geschichte keinen Deut beiträgt.

Diese bisweilen sehr merkwürdigen tonalen Fehlgriffe fallen besonders deutlich auf, weil „Besser als Nix“ über weite Strecken durchaus gelungen ist. Gerade die Darstellung des Lebens auf dem Land bietet viele starke Momente. Hier leben die Teenager ein zielloses Dasein, zwischen Schule, dem allabendlichen Bier am Ufer des Flusses, zwischen Hoffnung auf etwas Besseres, Aufregenderes und der Erkenntnis, dass es aus diesem Einerlei keinen Ausweg gibt. Es mag sein, dass diese schonungslose, aber eben auch realistische Darstellung des kargen Landlebens den Machern von „Besser als Nix“ allzu freudlos wirkte und sie daher der Meinung waren, ein zusätzliches Aufpeppen wäre nötig. Doch der Versuch, diesen Realismus mit groteskem Klamauk zu konterkarieren, funktioniert nicht, weil die schwierige Auseinandersetzung mit dem Thema Tod gescheut wird. Dieses ist durch Toms Ausbildung zum Leichenbestatter, auch durch das frühe Versterben der Mutter und die sieche Großmutter in vielerlei Hinsicht präsent, aber der kurze aufrichtig-ernsthafte Moment fehlt. Das mögliche Vorbild „Six Feet Under“ zeichnete sich gerade dadurch aus, dass es neben der schrägen Komik immer wieder solche großen emotionalen Momente gab. Ute Wielands Film hängt dagegen zu oft etwas unbefriedigend zwischen Drama und Klamauk.

Fazit: Ute Wielands Coming-of-Age-Drama „Besser als Nix“ hat nicht nur einen starken Hauptdarsteller, sondern viele gelungene Momente. Allerdings werden die vielen Themen von Tod über das Leben in der ländlichen Provinz, Freundschaft und erste Liebe zu selten wirklich gelungen verbunden.
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