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    Prince Avalanche
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Prince Avalanche
    Von Björn Becher
    Vielen Kinogängern dürfte Regisseur David Gordon Green erst seit der herausragenden Kiffer-Komödie „Ananas Express" ein Begriff sein. Im Anschluss ließ er mit „Your Highness – Schwerter, Joint und scharfe Bräute" und „Bad Sitter" zwei weitere zotige, manchmal geschmacklose Gag-Ansammlungen folgen. Doch es gibt auch noch eine andere Seite von David Gordon Green: Vor „Ananas Express" 2008 drehte er mehrere Independent-Filme, kleine gefühlvolle Dramen wie den grandiosen „George Washington", die leider nur auf Festivals in deutschen Kinos zu sehen waren. In seinem neuesten Werk „Prince Avalanche" vereint David Gordon Green nun die beiden unterschiedlichen Schwerpunkte seiner bisherigen Karriere: Der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag 2013 ist ein sehr ruhiges, melancholisches Drama, in dem auch einige sehr behutsam eingebaute Zoten ihren Platz haben. Mit dieser Kombination gelingt dem amerikanischen Regisseur ein sehenswertes Kleinod.

    1988: Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch) sind Straßenarbeiter, die in einer gottverlassenen Gegend von Texas, die kürzlich von einem verheerenden Waldbrand heimgesucht wurde, eine kleine hügelige Straße mit Markierungen versorgen müssen. Ihre Arbeit ist monoton: gelbe Striche auf die Straße pinseln, mal einen Pfosten zur Fahrbahnbegrenzung in den Boden rammen, abends was zu essen machen, am Straßenrand zelten und wieder von vorne beginnen. Hin und wieder kommt ein Lastwagenfahrer (Lance LeGault) vorbei, der die Straße als Einziger zu nutzen scheint und den Jungs etwas Schnaps schenkt. Einmal trifft Alvin in den Wäldern auch noch eine ältere Frau (Joyce Payne), die in der Asche ihres einstigen Hauses nach einem Erinnerungsstück sucht. Während Alvin die monotonen Tage nutzt, um Deutsch zu lernen, damit er nach getaner Arbeit am Ende des Sommers mit seiner Freundin, Lances Schwester, verreisen kann, wartet Lance eigentlich nur aufs Wochenende, um im nächsten Ort Partys zu feiern und vielleicht irgendeine Frau ins Bett zu bekommen.

    Im David Gordon Greens Remake des isländischen Films „Á annan veg" stehen zwei gegensätzliche Figuren im Mittelpunkt, die sich zu Beginn vor allem zoffen. Alvin ist der Boss und fühlt sich Lance überlegen. Er hat ihn nur eingestellt, um seiner Freundin einen Gefallen zu tun und gibt sich immer wieder schockiert, wie wenig sein jüngerer Kollege vom „richtigen Leben" (Fische fangen und zubereiten) versteht. Lance seinerseits ist ein Hallodri, der sich keine Gedanken über die Zukunft macht. Stattdessen erzählt er immer wieder von seinen Frauengeschichten und versteht nicht, wie es sein Partner den ganzen Sommer ohne Sex aushalten kann. David Gordon Green schöpft viel subtile Komik aus diesem Szenario: Alvin und Lance unterhalten sich immer wieder, doch führen sie dabei zu Beginn kaum einen echten Dialog, sondern reden in lauten Selbstgesprächen aneinander vorbei: Zu sehr lebt jeder der beiden in seiner eigenen Welt. Die Absurdität der scheiternden Kommunikation passt dabei wunderbar zu dem skurrilen Job des Pinselns von Autobahnstreifen auf einer nahezu unbefahrenen Straße. Wort und Tat laufen hier gleichermaßen ins Leere.

    David Gordon Green bringt die Seltsamkeit der Ausgangssituation und der Figurenkonstellation meist fast beiläufig zur Geltung, den derberen Ton, den er in seinen vorigen Komödien regelmäßig angeschlagen hat, behält er wenigen Einzelmomenten vor. Da versucht Lance im gemeinsamen Zelt zu onanieren und glaubt, dabei Alvin aufgeweckt zu haben - das passiert dann allerdings gerade dadurch, dass Lance sich vergewissern will, ob der andere noch schläft. Auch bei einer wilden Prügelei zwischen den Protagonisten und der anschließenden Versöhnungsparty geht es ordentlich zur Sache. Und wenn Lance aus dem Wochenende zurückkehrt, hat er eine Menge Geschichten auf Lager, die aus dem anarchischen Komödien-Universum von Greens Mentor, dem Erfolgsproduzenten Judd Apatow („Beim ersten Mal", „Superbad"), stammen könnten – allerdings verzichtet der Regisseur auf die Bebilderung der schlüpfrigen Anekdoten.

    Krasse Pointen und klamaukiger Irrsinn sind in „Prince Avalanche" die Ausnahme, deutlich mehr Raum bekommen die ruhigen Momente. Gerade die Auftritte von Joyce Payne und Lance LeGault, den einzigen beiden Schauspielern des Films neben dem Protagonistenduo, sind berührend. Der einst als Colonel Decker aus dem „A-Team" bekannt gewordene LeGault, der kurz nach den Dreharbeiten verstarb, spielt einen knorrigen, irgendwie aus der Welt gefallenen, sofort sympathischen alten Mann, während Payne eine leicht verwirrte, ältere Frau verkörpert, die hofft in ihrem komplett niedergebrannten früheren Heim ihre Pilotenlizenz wiederzufinden und bei der Suche Alvin begegnet. Diese Szene wirkt noch nach, wenn Alvin später durch eins dieser zerstörten Häuser stolpert und „Familie spielt". Er träumt davon, nach dem Sommer mit Lances Schwester eine schöne Zeit in Deutschland zu verbringen. Doch schon hier schwingt die Vorahnung mit, dass sein Bild der Zukunft naiv ist und seine Freundin, die nur kurz als Stimme am Telefon (gesprochen von „Humpday"-Regisseurin Lynn Shelton) vorkommt, zu Hause ihr eigenes Leben ohne ihn führt. Umso trostloser sind seine Versuche, Deutsch zu lernen. Von Alvins Ringen mit der fremden Sprache ist übrigens auch der schräge Filmtitel abgeleitet, denn in einer Szene verwechselt er die deutschen Wörter Abenteuer und Lawine, deren englische Übersetzungen ähnlich klingen (adventure und avalanche).

    Schon David Gordon Greens Frühwerke waren unter anderem auch Porträts des amerikanischen Südstaaten-Hinterlands: Ob in Georgia („Undertow") oder in North Carolina („George Washington"), im Mittelpunkt standen Menschen, die in dieser Einöde ein einfaches und genügsames Leben führen. Vom Ausbruch, von der Großstadt, träumte dort keiner. Wenn nun Lance im tiefsten Texas von „Prince Avalanche" immer wieder von „der Stadt" redet, meint er damit auch nur das nächstgelegene kleine Kaff (das im Übrigen kein einziges Mal zu sehen ist). Green zeigt die Menschen dieser Gegend als zufriedene Menschen, geradezu liebevoll gleitet die Kamera in den finalen Minuten des Films noch einmal über Waldarbeiter und spielende Kinder. Der Regisseur und sein Stammkameramann Tim Orr („Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt") nehmen sich dazu auch immer wieder Zeit für Aufnahmen der wundervollen Flora und Fauna am Wegesrand: Fast wie in einer Naturdokumentation verweilt ihr Blick auf einer Gruppe Ameisen, einer Raupe oder auch einem Esel. In diesen ruhigen Bildern, die im Kontrast zu den teilweise wackligen Handkameraeinstellungen von Alvin und Lance auf der Straße stehen, wird die sich nach verheerenden Waldbränden langsam regenerierende Natur zu so etwas wie einem weiteren Hauptdarsteller.

    Fazit: Wie gut kann ein Film sein, in dem zwei Menschen gezeigt werden, die irgendwo im Hinterland von Texas Straßenmarkierungen nachziehen? Nach David Gordon Greens „Prince Avalanche" lautet die Antwort: sehr gut! „Prince Avalanche" ist ein wundervolles stilles Drama mit komischen Einzelmomenten sowie einer gehörigen Prise Melancholie und vor allem eine Ode an die Menschen und Tiere im texanischen Nirgendwo.
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