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    Der Gigant aus dem All
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Gigant aus dem All
    Von Jan Görner
    Die Zeit um die Jahrtausendwende ließ Schlimmes für die Zukunft des klassischen Zeichentrickfilms befürchten. Marktführer Disney hatte sich mit „Der Schatzplanet" finanziell arg in die Nesseln gesetzt und „Titan A.E." riss gleich ein ganzes Filmstudio mit sich ins Verderben. Auch in Warners Animationsabteilung rollten nach der finanziellen Bruchlandung von „Das magische Schwert - Die Legende von Camelot" Köpfe. Alsbald war so wenig Personal übrig, dass Regisseur Brad Bird („Die Unglaublichen") keinem Studio-Vorgesetzten noch Rechenschaft schuldig war und somit in der Lage war, ohne Kompromisse genau den Film zu realisieren, den er sich wünschte. Die Verantwortlichen bei Time Warner ließen ihn gewähren. Und trotz Zeitdruck und vergleichsweise geringer Mittel zahlte Bird diesen Vertrauensvorschuss mit einem Film zurück, der einen frühen Höhepunkt im außergewöhnlichen Schaffen des zweifachen Oscar-Preisträgers markiert: „Der Gigant aus dem All".

    Das beschauliche Küstennest Rockwell, 1957: Die USA erholen sich nur langsam vom Sputnik-Schock, während sich der neunjährige Hogarth Hughes (Stimme: Eli Marienthal) nach einem Gefährten sehnt. Mit Gleichaltrigen kommt der gescheite Junge nicht zurecht, ein Haustier will ihm seine alleinerziehende Mutter Annie (Jennifer Aniston) auch nicht gestatten. Als eines Tages einer der ortsansässigen Fischer berichtet, auf See mit einem vom Himmel gefallenen 100 Fuß hohen Metallmann kollidiert zu sein, will ihm niemand Glauben schenken. Nur Hogarth ist sofort von der Erzählung fasziniert. Als er nachts im Wald tatsächlich auf einen eisernen Giganten (Vin Diesel) trifft, beginnt eine ungewöhnliche Freundschaft. Unterstützt von dem verschrobenen Beatnik Dean (Harry Connick Jr.), muss Hogarth nicht nur den unstillbaren Hunger seines neuen Kumpels nach Metall befriedigen, sondern sich auch mit dem misstrauischen Bundesagenten Kent Mansley (Christopher McDonald) herumschlagen, der meint, einer Gefahr für die nationale Sicherheit auf der Spur zu sein...

    Schon seit Mitte der Neunziger in verschiedenen Phasen der Vorproduktion war „Der Gigant aus dem All", eine Verfilmung eines Ted-Hughes-Buchs aus dem Jahr 1968, ein Herzensprojekt von Pete Townshend, seines Zeichens Gitarrist der legendären The Who. Townshend hatte bereits ein Musical und einen Kurzfilm rund um das ursprünglich „The Iron Man" betitelte Werk verantwortet, als Time Warner 1996 Brad Bird als Regisseur und den Ausnahmemusiker als ausführenden Produzenten für eine Kinoadaption engagierte. „Der Gigant aus dem All" paraphrasiert in Grundzügen ein Motiv, das schon stilprägend für Steven Spielberg-Bravourstücke wie „Unheimliche Begegnung der dritten Art" und besonders „E.T. - Der Außerirdische" war: Die Konfrontation eines Jedermanns mit dem Übernatürlichen und Unglaublichen; kindliche Faszination wider den kalten Pragmatismus der Moderne.

    Dass die Handlung überdies in die xenophobe Grundstimmung des Kalten Krieges gebettet ist, hebt die humanistische Botschaft zusätzlich hervor. Die allgemeine Paranoia der „Red Scare", die Erwartung eines nuklearen Holocaust; all diese Elemente verwebt Bird zu einem atmosphärisch beeindruckend dichten Werk. Hinzu kommen überaus fantasievolle und Pulp-affine Figuren- und Set-Designs. Ein Roboter wie der eiserne Gigant versprüht einen Charme, wie er nur den amerikanischen Schundheftchen dieser Ära eigen ist. Trotz nostalgischer Genre-Verweise schlägt Bird glücklicherweise einen weiten Bogen um allzu selbstreferenzielle Mätzchen: „Der Gigant aus dem All" ist kein Film à la „Aladdin", der seinen Figuren Handlungskommentare in den Mund legt, um damit schnelle Lacher zu kassieren. Vielmehr bedient sich Bird stiller Verweise und staubtrockenen Humors, um die Hysterie der 1950er Jahre satirisch zu beleuchten. Eine Hommage an seinen erklärten Lieblingsfilme „Bambi" kann er sich indes trotzdem nicht verkneifen.

    Der Regisseur arbeitet dabei mit ungewöhnlichen Perspektiven und verschiedenen Ebenen auf der gedachten dritten Bildachse. Elegant ebnet Bird so den Größenunterschied zwischen seinen Hauptfiguren ein verleiht seiner Welt im Wortsinn Tiefe. Die Animationsabteilung derweil kombiniert klassischen Zeichentrick nahtlos mit zeitgemäßem CGI-Zauber und schafft damit flüssige Bewegungsabläufe und famose Landschaftsbilder. Auch das Drehbuch aus der Feder von Bird und Tim McCanlies ist ausgezeichnet. Der Stärke ihres Konzepts: Anders als Disneys „Lilo und Stitch" drei Jahre später verzichten sie darauf, ihr außerweltliches Wesen optisch dem irdischen Kindchenschema anzugleichen. In seiner naiven Gutmütigkeit ist der Gigant eine Figur, die trotz ihrer monströsen Ausmaße vom großen wie kleinen Publikum verstanden und angenommen wird.

    Die Moral der Geschichte mag geläufig sein, doch verliert sie deshalb freilich nicht an Relevanz. In der Tat wirkt die Empfehlung der Gewaltvermeidung zur Konfliktlösung bei näherer Betrachtung von damaligen Konkurrenzproduktionen wie ein Alleinstellungsmerkmal. Mit seiner Detailverliebtheit, 50er-Jahre-Retro-Ästhetik und hochklassigen Zeichentrickkunst ist Birds Film ein optisches Vergnügen erster Güte. Doch es sind die charmanten Figuren und ihre Geschichte, die zu Herzen gehen und in Erinnerung bleiben. „Der Gigant aus dem All" ist ein großer Wurf in der Geschichte des klassischen Animationsfilms, der unglücklicherweise zur falschen Zeit kam – und ein Meisterwerk, das man gesehen haben sollte.
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